Da wagt einer, ein Erwachsenenbuch zu schreiben, in dem der 25-jährige Protagonist mit einem kleinen Nachbars-Jungen über Seiten hinweg das Spiel „Tiere aufschreiben, die man selber schon gesehen hat“ zelebriert. Da schafft es dieser Erlend Loe, dass wir die beiden bildlich vor Augen haben und ihnen gerne endlos zuhören würden, hier, im Falle der Hörbuchvariante. Dabei - was tun sie denn groß? Desillusionierung der Quarterlife-Crisis und kindliche Bauernschläue prallen aufeinander: der kleine Junge denkt sich allerlei Tricks aus, um trotz Altersunterschied seine Liste möglichst groß zu halten. So fügt er auch die Tiere ein, die er im Zoo gesehen hat. Halt! sagt der 25-Jährige, das war nicht abgemacht! Der Junge fragt, warum Zoo ausgeschlossen sein sollte. Ja, warum eigentlich, muss sich dann auch der Erwachsene fragen. Er erlaubt dem Jungen auch noch, die Tiere aufzuschreiben, die sein weitgereister Vater schon gesehen hat und von denen er ihm erzählt hat. So gleichen sich trotz Altersunterschied die Erfahrungshorizonte aus.
Und noch aus anderem Grund. Der Ich-Erzähler hat sich „auf Null runtergefahren.“ Plötzlich, ein paar Wochen zuvor, war der Student in eine Sinnkrise gefallen, "die Tiere, die Pflanzen, die Menschen, die ganze Welt“ erschienen ihm zusammenhanglos. Er schmachtet nach Klarheit, malt sich einen Lehrmeister aus, der ihm letztendlich sagen könnte: „Jetzt hätte er mir nichts mehr beizubringen.“ Er zieht Bilanz, anhand einer ersten, simplen Liste - viele weitere werden folgen im Buch: „Was ich habe:“/“Was ich nicht habe:“. Da kommen raus bei „Was ich habe“ Dinge wie „- einen guten Freund, - einen schlechten Freund, - einen Bruder“ und bei „Was ich nicht habe“ „- Pläne, - Begeisterung, - Freundin, - Gewinnendes Wesen, - eine Uhr“.
Mit noch Rudimentärerem wie „Was mir als Kind gefiel“ versucht er, sich langsam neu zu strukturieren und Abwägung in seine nun 25 Jahre zu bringen. Da passt ihm, dass er für mehrere Wochen die Wohnung des verreisten Bruders hüten soll. Er taucht ab in die Anonymität und leert seinen Kopf mit Ball an die Wand werfen im Hof oder Hämmern auf einem wohl norwegischen Hammerbrett-Spiel. Oft liest er in einem in der Wohnung gefundenen Physikbuch über Raum und Zeit. Hier zeigen sich die zwei Pole, zwischen denen der Ich-Erzähler einen Spagat übt: Das Grübeln über Sinnhaftigkeit und Rationalität und das Abschalten mit den einfachen Spielen, sein persönlicher „Reboot“. Instinktiv erkennt er langsam, dass er sich wieder auf ganz simple Freuden besinnen muss. So beginnt er auch genau hier langsam mit dem Wiederauftauchen, indem er etwa eingangs erwähnten Nachbars-Jungen Børre kennenlernt und über den Faxapparat in der Wohnung meterweise Faxe mit dem „guten Freund“ Kim austauscht.
Schließlich zerrt ihn der Bruder mit einer Einladung nach New York - die Reise als Heilung - wieder ganz an die Oberfläche.
Die Listen im Buch wie „Was mir als Kind gefiel“ haben einen seltsamen Effekt. Gerade beim Zuhören von Sprecher Andreas Fröhlich, der angemessene Kunstpausen zwischen den einzelnen Listenpunkten setzt, gerät der Zuhörer in einen Mischzustand aus Aufnehmen der Prosa Erlend Loes und der sich parallel aufbauenden eigenen Imagination, hier etwa zur eigenen Kindheit. Mit Schlagworten und der größtmöglichen Reduzierung von Prosa, nämlich auf die Listenform, lässt uns Loe uns selber wieder einfühlen in jahrzehnte entfernte Vergangenheiten, die nur selten von selber aufgerührt werden.
Innerhalb des chronologischen Ablaufs der Geschichte findet sich ein Patchwork aus Episoden mit Begegnungen mit Menschen des Ortes und Erinnerungen des Ich-Erzählers an die Großeltern oder Eltern. Da sind die alltäglichen Philosopheleien dabei und auch mal eine leicht kitschige Geschichte. „Geschichten aus der guten Welt“, wie der Ich-Erzähler sie nennt. Aber das fügt sich alles zusammen zu etwas sehr Entspannendem. Und die Banaliät gewinnt durch Zauberhand Bedeutung. Eine nur scheinbare Beliebigkeit, die fasziniert.
„Es muss etwas passieren! Nichts Großes, nur irgendetwas!“
Tatsächlich ist „Naiv.Super.“ wohl ein Buch, dass man besser vorgelesen bekommt. Seine vielen kurzen Sätze, die Sprecher Andreas Fröhlich in der richtigen Frequenz wie Geschosse herausschleudert, die genialen grammatikalischen Wendungen und Verkürzungen, die knackigen Zwei-Drei-Worte-Sätze. Auch das Deutsche lässt sich vielfach elegant straffen, wie das Englische, wenn man nur will. Und der Übersetzer aus dem Norwegischen wollte wohl.
Und so passt die Sprache genau zum Gehalt: das Zu-Verkompliziert-Denken von uns Erwachsenen wieder auf eine gesunde Ebene führen.
2. Jonas-Philipp Dallmann: Notschek (2011)
3. Gavin James Bower: Dazed & Aroused (2009)
4. Ron Leshem: Der geheime Basar (2011) - Orig.: Megilat zchujot hajareach (2009), hebräisch
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
suhrkamp nova, Broschur
Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
Arche, Festeinband
Martin Amis:
1999
Rowohlt, Festeinband
Sorj Chalandon:
Die Legende unserer Väter
dtv premium, Broschur
Douglas Coupland:
Eleanor Rigby
Hoffmann und Campe, Festeinband
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