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- Den ersten Stein

(2011) - Orig.: The First Stone (2009), engl.
Frauen, Schwule zurück ins stille Kämmerlein. Juden ins Heilige Land.
Beängstigend echt liest sich Elliott Hall 's Dystopie um ein US-Amerika, in dem Evangelikale die Macht an sich gerissen haben. Das geht, wenn die Untertanen mitspielen und sich einrichten. Das Mitläufertum macht "Den Ersten Stein" zeitlos und ortsungebunden.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 16.01.2011
Elliott Hall - Den ersten Stein
Zoom Elliott Hall - Den ersten Stein

Es ist schnell passiert, sowas. Die Stadt Houston ist in Elliott Hall 's Near Future Zustandsbeschreibung durch einen Terroranschlag dem Boden gleichgemacht. Bald darauf folgte der "Große Golfkrieg". Man hat die Nummerierung aufgegeben. Dieses Mal räumt man gründlich auf in der gesamten Region. Der Blutzoll ist unermeßlich, die Ziele anmaßend: Die Moschee auf dem Jerusalemer Tempelberg soll abgerissen werden, der in der Bibel erwähnte Tempel wieder aufgebaut werden.

In einer Art Ermächtigungsgesetz schwingt sich ein neuer Präsident zusammen mit seinem Rat der "Ältesten" unabwählbar in den Sattel. Wall Street und die sonstige Finanzelite dienen anfangs als Steigbügelhalter. Man denkt, man könne diese verrückten Evangelikalen schon züchtigen und für die eigenen Zwecke benutzen. Ein allzu bekanntes Geschichts-Muster. Wann hört das auf, auf sich wiederholende Geschichte reinzufallen? In Hall 's Buch noch nicht: Bald kommt es zum Kampf zwischen dem frei fließenden Kapital und den Vorstellungen und wachsenden Begehrlichkeiten der Moralapostel.

Wie baut nun Elliott Hall eine solch komplexe Situation elegant und leichtfüßig in einen Roman ein? Welche Story erzählt er, um das ganze nicht wie das Lesen eines Telefonbuchs wirken zu lassen? Zum einen ist er nicht immer leichtfüßig. Gerade zu Anfang, erfordert es Durchhaltewillen, um Hall 's Info-Dumping zu überstehen - doch nimmt er dann schnell Fahrt auf, beziehungsweise entschädigt durch atmosphärische Einwürfe zur Lebenssituation verschiedener Gruppen, die frösteln lassen. Zum anderen: Hall 's "Den Ersten Stein" ist als klassische Privatschnüfflergeschichte angelegt. Es gibt einen Helden, nämlich 'Felix Strange', Großer-Golfkriegs-Veteran. Er ist der Hard-Boiled-Detektiv. Und sein dafür notwendiger Zynismus speist sich nicht von ungefähr: Vergiftet im Krieg, hält er sich nur mit einem täglichen Medikamentencocktail auf den Beinen, den er sich zudem auf dem Schwarzmarkt teuer besorgen muss. Veteranen sind Abfall, auch in dieser Zukunft. Der Plot um die Aufklärung des Mordes an 'Bruder Isaiah', dem Führer der Bewegung "Kreuzzug" gibt dem Roman das Gerüst. Der eigentliche Kriminalfall ist okay, er ist gelungen, selbst der genre-typische mysteriöse Vamp taucht auf, doch das Stärkste sind die Nebenbei-Betrachtungen von Detektiv Felix Strange, durch die wir Einblick bekommen, was mit dieser Gesellschaft passiert ist.

"Den Ersten Stein" spielt in New York, das mehr und mehr von den Organisationen der Religiösen dominiert wird, die aus dem Bible Belt und den ländlichen Regionen des Sun Belts rekrutieren. "Sie waren eine Expeditionsarmee, die angerückt war, um die Insel des Teufels für den Herrn zuückzufordern." Frauen tragen wieder züchtig knöchellange Kleider und werden aus den Vorstandspositionen in Frührente geschickt. Bei den Ämtern gibt man lieber eine ordentliche christliche Religion an, um keine Scherereien zu bekommen. Frau fügt sich, sucht einen Versorger, um dann in der Vorstadt hinter dem Herd zu stehen. Grotesk - und doch glaubhaft - schildert Hall die finanziellen Anreize und den sublimen Druck, den die Regierung aufbaut, um sämtliche US-amerikanische Juden rauszuschmeißen und in Nahost anzusiedeln! Ein Freund des Detektivs spricht das Menetekel nicht allzu früh aus: Du wirst sehen, es wird bald zu Progromen kommen.

Ein neuer, opportuner Typus Frau gibt sich mit Repräsentations-Jobs zufrieden, trägt "das Neueste an sittlichem Schick, um die Religiösen zu beeindrucken, während die Perlen um ihren Hals die Aufmerksamkeit auf das bisschen Haut lenkten, das sie zugunsten der Weltlichen noch zeigen konnten." Einzig die geschassten Veteranen aus dem Großen Golfkrieg bilden einen brodelnden Untergrund. Auch um die letzte offene Schwulenszene der USA in Chelsea, ja - dem Chelsea in Manhattan mit dem legendären Chelsea Hotel, kommt es zu erbitterten Gefechten; ebenso wie die Schrapnelle der Bomben lassen die menschenfeindlichen Sprüche der Religiösen dem Leser hier den Atem stocken.
Das mehrere Stockwerk hohe neonbeleuchtete Kreuz auf dem Empire State Building ist nur das sichtbare Zeichen für den State of Mind in Elliott Hall 's beklemmender Welt, in einem Buch das dennoch Charme zieht aus seiner Mischung altmodische Hard-Boiled-Detektivgeschichte mit Zukunftsduft.

>>> Mehr Bücher im Genre Near-Future-Thriller ...

Besprochene Ausgabe: dtv premium  |  2011  |  352 Seiten  |  Broschur*  |  € 14,90

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