ANZEIGE

 23.05.2012         Elias Khoury - Yalo: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Elias Khoury - Yalo: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

* buchtipps buchkritik buchneuerscheinungen

 
buch neue literatur romane bestseller krimis thriller science fiction buchempfehlungen buchbesprechungen buchtipps buchkritik

- Yalo

(2011) - Orig.: Yalo (2002), arabisch
Die Lust zu morden
In einem gewagten erzählerischen Experiment gesteht Elias Khoury Vergewaltiger und libanesischem Bürgerkriegsveteranen 'Yalo' aus dessen Lebensgeschichte heraus ein geradezu deterministisches Handeln zu.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 25.06.2011

Den Sadismus in jedem von uns schildert Elias Khoury schön; die Gründe für das begeisterte Mitkämpfen bei den Force Libanaise während des Bürgerkrieges schildert Elias Khoury durch Sprachrohr Yalo immer wieder schlagend einfach und authentisch wirkend. Neben der Unterprivilegiertheit von Yalos Kumpeln aus dem Beiruter Viertel der Syrjanis ist es etwa die feine Unterscheidung Grauen contra Angst. "Kämpfer empfinden Angst, gewöhnliche Menschen dagegen Grauen." Letzteres erlebt er mit vierzehn, als seine Freundin und Nachbarin von einer Granate zerrissen wird. Er wird Kämpfer. Die Unerschrockenheit der älteren Milizionäre in der Kaserne gefällt ihm. Keine Schwäche zu zeigen, beim Foltern anderer oder beim Töten aus Spaß. Die Lust erwacht: "Die Lust zu morden. Die Lust, metzelnd auf seine Mitmenschen loszugehen."

Freilich ist diese Lust für Yalo nach weiteren vierzehn Jahren, zum Ende des Kriegs 1989, schal geworden. Nach einem Bürgerkrieg stehen die eigentlichen Abrechnungen noch aus. Nur die Toten sehen das Ende des Krieges, sagt ein Sprichwort. Yalo weiß das, und emigriert mit gestohlenem Geld nach Frankreich, ist bald pleite und versieht sich ebenso schnell wieder in der Heimat, nachdem er von einem reichen Libanesen in Paris aufgegabelt wird und mit Hintergedanken als Wächter dessen Villa in der Nähe von Beirut engagiert wird.

Der Wald vor der Villa wird von Liebespaaren gerne für Stelldicheins im Auto genutzt. Yalo, bewaffnet mit Taschenlampe und Kalashnikov, entgeht seiner Bestimmung nicht und fängt alsbald an, den Paaren aufzulauern, sie zu bedrohen, zu bestehlen und die jeweilige Frau zu vergewaltigen. Das Diebesgut sei nebensächlich gewesen, gibt er später zu Protokoll. Toll sei das Gefühl gewesen, auf der Pirsch zu sein, "entscheidend sei vielmehr der Spaß gewesen".

Mit Yalos Sicht auf Frauen und mit den Erlebnissen seiner Vorfahren gibt Elias Khoury 'Yalo' neben dem Krieg mit dem Thema Patriarchat einen weiteren Schwerpunkt. So schilt Yalo eine der Vergewaltigten, mit der er im Fortlauf ein obskures Abhängigkeitsverhältnis entwickelt, als sie "Titten" sagt: "Nimm doch nicht so schlimme Ausdrücke in den Mund! Das gehört sich nicht für eine Frau!" Durch sein Stalking soll sie begreifen, wie sehr er sie liebt. Man nimmt die Auserkorene einfach zur Frau. Diesen Richtungsvektor gaben Generationen vor, es soll alle Probleme lösen. Ist die Frau freibestimmt, macht man eher einen Rückzieher, so wie Taxifahrer 'Edward', der mit einer "wilden Stute" dann lieber doch nichts Festes anfangen will. Ein zweifelhafter Frauenarzt kann nur zwischen den Brüsten der Frau, macht ansonsten schlapp: "Du bist so eine Frau, die Männern die Potenz raubt", rechtfertigt er sich.

Liebe kommt bei Elias Khoury nur als Betrug vor. Yalo schläft auch mit der Ehefrau des reichen Libanesen. "Betrug ist das Schönste überhaupt", sagt diese. In den von ihm überfallenen Autos habe sich kein einziges echtes Liebespaar vergnügt, gibt Yalo zu Papier, als er später im Gefängnis seinen Lebenslauf wieder und wieder aufschreiben muss. Nur Paare, die paarweise betrügen, seien es gewesen. In 'Yalo' zieht sich das menschliche Gefallen an Grausamkeit durch alle Zeilen und alle Bereiche. Es gibt kein Entkommen: Die Gefängnisse der Post-Bürgerkriegsära sind nach Lesart Khoury 's sadistische Folterkeller. Zwei Foltermethoden zelebriert Khoury genüßlich und akribisch.

Der Ermittler - nur so wird er genannt, er bleibt namenlos - legt eine Runde Folter ein und lässt Yalo dann seine Vita aufschreiben, und so fort. Das ist erzählerisch sicherlich kunstvoll, aber auch anstrengend. Der chronologisch rückwärts laufende Erkenntnisgewinn beim Leser häuft sich als aufwärtsgerichtete Kaskade an. Wenige Happen sind es zu Anfang - sie werden alsbald wiederholt und aufgestockt, mit erweiterter Information oder aus anderer Sichtweise. Elias Khoury hätte gut die Redundanzen entschärfen können ohne den von ihm gewünschten Effekt zu schmälern. Denn auch bei Figur Yalo steigt die Erkenntnis von Stufe zu Stufe, mit einem Kunstgriff freilich: Zuletzt trennt er sich von seinem Körper und erzählt als Geist, der sich völlig vom früheren Yalo distanziert. Und dennoch entwickeln die 400 Seiten Unwohlsein über das Antlitz des Menschen einen Sog.

Besprochene Ausgabe: Suhrkamp | 2011 | 400 Seiten | Festeinband* | € 24,90


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
blog comments powered by Disqus
Kurze Buchvorstellungen / Autor-Bio:
 
 
 

We see you! sf magazin lebt von Werbung. Sie haben keine Berechtigung, diese Site mit eingeschaltetem Ad-Blocker (Werbeblocker) zu surfen!
 
>>> Mehr Info ...


 


     
  • sf magazin   +
  • Bücher Romane Bestseller Krimis Thriller Buchneuerscheinungen
  • Exaktes Ad-Serving.
    Elegante Kunden-Reportings.