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Eberhard Straub - Der Wiener Kongress - Das große Fest und die Neuordnung Europas: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Der Wiener Kongress - Das große Fest und die Neuordnung Europas

(2014)
Staat kontra Nation
Vor 200 Jahren beginnt der Kampf der Modelle Staat und Nation, mit mäandrierender Erfolgsgeschichte der beiden. Aktuell schlägt das Pendel Richtung Selbstbestimmung kleinster Volksgrüppchen, die das eigene Süppchen kochen. Umso spannender Eberhard Straub 's Buch, das etwa die ersten 125 Jahre dieses Ideenstreits betrachtet, von Napoleon bis in die 1920er Jahre.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 15.09.2014
Eberhard Straub - Der Wiener Kongress - Das große Fest und die Neuordnung Europas
Zoom Eberhard Straub - Der Wiener Kongress - Das große Fest und die Neuordnung Europas

Man pflegt Machtbalance im Europa des 18. Jahrhunderts. Das heutige Deutschland war derzeit kaum mehr als Glacis und Puffer zwischen Bourbonen und Habsburgern. Einzig Preußen etabliert sich neu, wohlwollend gesehen von Russland als Stärkung des Puffers Richtung Ost. Der "polnischen [Miss-]Wirtschaft" entledigt man sich durch Schlucken. Der Staat hat für optimale Voraussetzungen zum Wirtschaften zu sorgen, das war nicht mehr gegeben, so die Begründung der drei Handelnden. Freilich war auch die Gelegenheit günstig: Die Aufmerksamkeit Großbritanniens etwa musste auf den Westen gerichtet sein. Dort schickten sich Revolutionäre seit 1793 an, ihre Heilsbotschaft mittels der Armeen ihrer durchmilitarisierten Republik ins restliche Europa zu senden. Kabinettskriege, wie sie seit dem Westfälischen Frieden geführt worden waren, erfahren ihre Ablösung durch den Totalen Krieg.

Der soll 23 Jahre dauern, fasst es Eberhard Straub in "Der Wiener Kongress - Das große Fest und die Neuordnung Europas" zusammen, setzt man Belle Alliance/Waterloo (Blücher- oder Wellington-Fans unterscheiden hier) als Ende. Der eigentlichen Diplomatenversammlung und ihrer Atmosphäre im damals 350.000 Einwohner umfassenden Wien, das 100.000 Besucher beherbergen musste, schenkt Straub wohltuend nur wenige Seiten. Süffisant suggeriert ein Foto aus dem UFA-Film "Der Kongress tanzt" im Bildteil in der Mitte des Buches, dass, wer mehr auf Tratsch steht, doch diesen Film gucken möge. Straub stellt freilich die wichtigsten Akteure und ihr Handeln vor, aber nicht, mit wem sie geschlafen haben.

Straub betrachtet die Entscheider mehr als Realpolitiker denn als Reaktionäre. Dem Aspekt, Frankreich nicht demütigen zu wollen, um es schnell wieder in ein funktionierendes Europa eingliedern zu können, gibt er starkes Gewicht. Doch schnell lenkt er aus diesem Ausgangspunkt die Bahn seines Buches auf die Saatlegungen der Französischen Revolution, die deren Erbe selbst - Napoleon - mitaufgefressen haben. Die Idee der Selbstbestimmung der Völker ist in die Welt gesetzt. So macht Adreas Hofer eifrig von den Ideen des Ideengebers Gebrauch und entledigt sich seiner. Diese paar Tiroler elektrisieren bis nach Berlin und helfen mit in der Entfachung des nationalen Gedankens, der wiederum der regulären preußischen Armee Zuwachs beschert in Form von Landwehr und Freikorps - heute berühmtestes, das Lützow'sche, wegen seiner schwarz-rot-goldenen Uniformen.

Bisher trugen Völker innerhalb eines Staates gleichberechtigt zum Staatswohl bei. Darin unterschieden sich Föderationen mehrerer Königreiche - mit verschiedenen Sprachen und Völkern - wie etwa Spanien oder Großbritannien kaum von den Kaiserreichen Russland oder Österreich. Straub zitiert den preußischen Historiker Heinrich Leo, dem es als völlig neues "Evangelium" erschien, dass gleiche Sprache und Religion zu der Forderung berechtigten, in einem Staat zusammenzuleben. Das abgesehen von seinem Anfang relativ friedliche 19. Jahrhundert schildert Straub als Auseinandersetzung mit dem Wortgemisch Nationalstaat. Als erstes Menetekel für das Ende eines isolierten Europas als Insel der Glückseligen sieht er den Krim-Krieg. Die Balance der fünf Großmächte bleibt nachhaltig gestört, sich äußernd in der immer höheren Frequenz neuer Bündnisse bis in den Vorabend des Ersten Weltkriegs. Süffisant ist Straub 's ständiges Bashing Großbritanniens, das stört und interveniert, wo es kann, um seinem Credo von "freiem" Handel Vorschub zu leisten, nicht unter diplomatischen Gesichtspunkten, sondern mit dem Kanonenboot. Liest man ungeschönte Briefe etwa Königin Victorias oder ihrer Diplomaten, mit dem unumwundenen Anspruch als Herrenrasse, die den Rest der Welt beglücken müsse, kann man Straub 's Sichtweise gerne zustimmen.

Zudem sieht Eberhard Straub während des Imperialismus die Angst der "Pentarchie" - die fünf Großmächte, die sich bisher in Europa immer einigermaßen gut geeinigt hatten - bald zu den "dying nations" zu gehören, wie etwa Spanien, Portugal oder das Osmanische Reich, als Wegbegleiter in die kommende Katastrophe. Er vergisst auch nicht die Siege der USA über Spanien 1898 oder Japans über Russland 1905, die klarmachten, dass die europäische isolierte Glückseligkeit endgültig vorbei war.

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Besprochene Ausgabe: Klett-Cotta  |  2014  |  200 Seiten  |  Festeinband*  |  € 19,95

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