Freud mochte es und manch Deutsch-Lehrer reitet drauf rum. Professoren streiten sich um die Deutung. Egal. Als Leser wirst Du zuerst eingelullt und unter die Platanen des Klostergartens entführt, auf die steinerne Bank bei den duftenden Stauden und mit Blick auf die blauen Berge, die sich jenseits des Tals am Ende des Laubgangs auftürmen. Hinter Dir die gotischen Mauern, die manch geheimnisvolle Legende bergen...
„In dieser Stimmung liesest du die Geschichte des Medardus, und wohl magst du auch dann die sonderbaren Visionen des Mönchs für mehr halten als für das regellose Spiel der erhitzten Einbildungskraft.“
Kindheit und Jugend von 'Franz', dem späteren Klosterbruder 'Medardus' scheinen einen für die Zeit des 18. Jahrhunderts nicht untypischen Ablauf zu haben. Allerdings stirbt ausnahmsweise der Vater bei der Geburt, und das ausgerechnet auf Reisen, als man sich weit im östlichen Preussen auf Pilgerfahrt befindet. So verbringt Franz seine ersten anderthalb Lebensjahre mit seiner Mutter als Gestrandeter im dortigen Kloster. Dem Aspekt Kloster bleibt er auch treu, als sich auf der Heimreise die Alleinerziehende in Nachbarschaft eines Zisterzienser Nonnenkloster niederlässt. Die Äbtissin war mit dem Vater befreundet und lässt den beiden Unterstützung zukommen. Im Laufe seiner Jugend entwickelt Franz denn auch eine glühende Verehrung für die „herrliche“ Äbtissin.
Mit 16 zieht er in die nahegelegene Stadt, um sich im Priesterseminar zum Weltgeistlichen ausbilden zu lassen. Das scheint's nicht zu sein für ihn. Viel Freizeit verbringt er im dortigen Kapuzinerkloster, für dessen Prior Leonardus er ein Empfehlungsschreiben der Äbtissin erhalten hatte. Sein Weg scheint seltsam vorherbestimmt, sein Entschluss, Mönch zu werden, steht. Doch denkt der Leser gerade noch, Franz gibt sich dem kontemplativen Klosterleben bei den aufgeklärten, das weltliche nicht ausblendenden Kapuzinern hin, weht plötzlich ein anderer Wind und Duktus durch den Roman. Ein Busen-Blitzer der Tochter des Konzertmeisters bringt ihn in Rage, was für jeden Jungen normal sein sollte, Franz jedoch in seinen ersten Kampf gegen die „Lüsternheit“ zwingt, aus dem er umso entschlossener hervorgeht, Klosterbruder zu werden.
Fünf Jahre nach seiner klösterlichen „Einkleidung“ übernimmt er die Verwaltung der Reliquienkammer, in dem auch titelgebendes Elixier aufbewahrt wird...
Bruder Medardus, wie er mittlerweile heißt, sieht verdammt gut und stattlich aus und ist ein einnehmender Redner. Schon in seiner ersten Kirchenpredigt wird er geradezu von sich selbst übermannt: „[I]ch hörte meine Stimme durch das Gewölbe donnern - ich sah mein erhobenes Haupt, meine ausgebreiteten Arme wie vom Strahlenglanz der Begeisterung umflossen.“ Da schwingt der Wahnsinn schon in den Worten. Bald schon ist Medardus der Pop-Star der Stadt, die Bürger drängen ein Stunde vor Beginn in die begrenzte Klosterkirche: „Ein religiöser Wahn hatte die Stadt ergriffen, [...]“
Wahn ergreift nun auch vollends Medardus, der sich als Auserwählten sieht und sich von seinen Klosterbrüdern entremdet. Selten in der Literatur kippte ein Charakter schon nach so wenigen, wenn auch kondensierten, Buchseiten. Eine Schussfahrt in den Abgrund beginnt, die exponentiell, bis fast zur Unerträglichkeit, steiler wird.
Die einstige Mentorin, die Äbtissin, sieht eine seiner Predigten und ist entsetzt ob der eingeübten Gestik, der auf Gefallen abzielenden Rhetorik, den „stolzen Prunk“ seiner Rede, seine „sichtliche Anstrengung, nur recht viel Auffallendes, Glänzendes zu sagen“.
Der Verführer braucht kein Elixier, soviel war schon zu E. T. A. Hoffmanns Zeiten klar, noch vor der Veränderung durch die Massenmedien Volkssender und TV.
Jetzt nehmen im Roman surreale Szenen ihren Raum; während der Beichte gesteht eine unbekannte Schöne Medardus ihre Liebe. Medardus dreht zunehmens am Rad und schmiedet Fluchtpläne aus dem Kloster.
Es tauchen immer wieder Charaktere auf, die intuitiv sehr genau hinter die Fassade eines Menschen blicken können. Dies ein wenig zu üben, scheint Anliegen Hoffmanns an seine Leser, so etwa auch in seiner Erzählung „Der Sandmann“, in der sein Held in Liebe zu einem Automaten verfällt. Hier ist es der Prior Leonardus, der in Medardus ' Seele blicken kann und ihn in verzweifeltem Rettungsversuch auf eine Verhandlungsmission nach Rom schickt, wie bei einem angehenden Heroinsüchtigen, bei dem nach einigen Schüssen noch Hoffnung besteht.
Das geht nach hinten los. In völligem Szenenwechsel schleicht sich Medardus als falscher Graf in das Leben einer Adelsfamilie. Hier stellt er gleichzeitig für die einen den wirklichen Bruder Medardus vor, für die anderen den Grafen. Eine weitere Verschiebung der Perspektive kommt hinzu: Tatsächlich war ein Komplott hiesiger Baronin geplant; ihr Liebhaber, der echte Graf, sollte, getarnt als Mönch, für sie jederzeit im Schloss zur Verfügung stehen. Nur: Der Echte ist tot...
Schizophrenie ist nicht genug, MP ist angesagt. Wer hier innerhalb kürzester Zeit wen betrügt, sprengt fast die Aufnahmefähigkeit des Lesers, Choderlos de Laclos mit seinen „Gefährlichen Liebschaften“ steht wie ein Waisenknabe da. Während Medardus zum ersten Mal 'Euphemien' besteigt, und damit überhaupt zum ersten Mal jemanden, ist er in Gedanken längst bei der knackigeren 'Aurelia'...
Immer sind Medardus ' Verstellungen auf der Kippe des Auffliegens, wähnt doch Euphemien an einer Stelle, es komme ihr vor, als habe jemand einen „verdammten wirklichen Kapuziner an die Stelle geschoben“. Ja, die Sprache ist mitunter derbe.
E. T. A. Hoffmann testet aus, wie weit sich der zivilisierte Mensch noch seinen natürlichen Begierden hingeben kann. Moralisieren tut er dabei nicht. Meist rächt sich Ausgeburt an menschenverachtender Boshaftigkeit selbst, wie bei Euphemien, die sich freut über das „Wagstück, das konventioneller Beschränkheit spottet“ und über ihren Ehemann sagt: „Der Baron ist mir eine bis zum höchsten Überdruss ekelhaft gewordene Maschine, die, zu meinem Zweck verbraucht, tot daliegt wie ein abgelaufenes Räderwerk.“
Es sind die stärksten Stellen im Roman, die von Euphemien handeln, die die Sehnsüchte der Zeit, damals wie heute, am besten ausdrücken, den Wunsch „konventionelle Rücksichten ein für allemal aus dem Weg räumen“, aber auch schriftstellerisch den Leser mit dem Intrigenhaften verwöhnen, so noch ein Zitat von ihr, zu einem weiteren ihrer Schachzüge: „Der Schlag wurde verschoben, um richtiger, tötender zu treffen.“ Touché.
Leuten, die sich von Euphemiens Zauber, mit dem sie üblicherweise alle anderen bezirzt, abgestoßen fühlen, sind ihrer Rache gewiss...
Medardus Irrfahrten gehen weiter, mal mehr oder weniger ins Übersinnliche abdriftend. Gelegentlich scheinen dabei dem heutigen Leser sicherlich einige Passagen zu lang. Doch bleiben Sie dran, denn Sie werden staunen, was es mit Medardus ' Geburt, der des kleinen Franzens, im fernen Ostpreussen auf sich hat. Die Suche nach der eigenen Vergangenheit setzt sich noch bis Rom fort und endet... schau'mer mal.
Besprochene Ausgabe: Gutenberg | 1927
Twittern
1. Michael Herzig: Töte deinen Nächsten (2012)
2. Gavin Knight: The Hood (2012) - Orig.: Hood Rat (2011), engl.
3. Linwood Barclay: Weil ich euch liebte (2012) - Orig.: The Accident (2011), engl.
4. Val McDermid: Alle Rache will Ewigkeit (2011) - Orig.: Trick of the Dark (2010), engl.
5. Elisabetta Bucciarelli: Ich vergebe dir (2012) - Orig.: Io ti perdono (2009), italienisch
Hallie Ephron:
Angst ist dein Tod
Diana, Broschur
Michael Robotham:
Der Insider
Goldmann, Broschur
Jonas Hartmann:
Südstern
Heyne, Broschur
Lisa Gardner:
Die Frucht des Bösen
rororo, Broschur
Guido Rohm:
Die Sorgen der Killer - Crime Stories
Kulturmaschinen, Broschur
sf magazin lebt von Werbung. Sie haben keine Berechtigung, diese Site mit eingeschaltetem Ad-Blocker (Werbeblocker) zu surfen!
>>> Mehr Info ...