Beim geübten Preston/Child-Leser wiederum verstärkt sich nach anfänglichem Entsetzen vor dem geistigen Auge mehr und mehr ein Bild der beiden sich über ihren neuesten Streich totlachenden Autoren. Etwa das erste Viertel des Buches stellt eine Art lang gezogenen Prolog dar - in dem allerdings versucht wird, durch eine schlimme Staccato-Technik das bisherige Leben des nun 33-jährigen 'Gideon Crew', des neuen Helden, aufzuspannen. Man feuert das Buch während dieser Phase nur nicht gegen die Wand, weil man die ganze Zeit denkt, "das kann nicht sein, das ist nicht deren Ernst", und auf einen großen erlösenden Umschwung, kapitalen Clou hofft, nach dem Motto "Wir haben euch sauber verarscht. Jetzt geht's weiter mit den wahren, ausgefuchsten Preston und Child."
Tatsächlich schimmern nur fleckenartig Passagen auf, die von der Urheberschaft der beiden zeugen könnten. Im Mittelteil lässt man sich vorübergehend von ihrer typischen Atemlosigkeit einfangen, mit der die Helden tausende Kilometer auseinanderliegende Orte besuchen, vom Schicksal und ihren Feinden arg gebeutelt. Doch ist es größtenteils immer noch die Neugierde, ob Preston und Child gewollt Abstrusitäten aneinanderreihen und verdichten, in der Absicht, eine Thriller-Parodie zu verfassen - oder sogar ein Etwas, das sich nicht gleich offensichtlich als eine solche zu erkennen geben will, sondern irgendwie von hinten durch die Brust ins Auge geschossen kommen will. Auch diese Hoffung wird sich nicht erfüllen.
Der erste Schock kommt auf Seite einundzwanzig. Man fragt sich, ob allen Ernstes ein über mehrere Bücher tragender Held aufgebaut werden soll, dessen oberstes Lebensziel Rache ist. Ja, es wird. Wie der Held an späterer Stelle gesteht, als er 33 ist und die eigentliche Geschichte um seinen ersten Fall beginnt, hat er zehn Jahre lang daran gearbeitet, den Menschen zu erledigen, der für den Tod seines Vaters verantwortlich war. Damals war Gideon Crew noch ein Junge und wurde erst als junger Erwachsener in das Wissen darum von seiner sterbenden Mutter eingeweiht.
Warum die Biografie-Informationen der neuen Figur nicht nach und nach kunstvoll während des Erzählens der Geschichte eingewebt wurden, sondern als massiver Block hingeklatscht wurden - einzig allein unterbrochen von massivem Tech-Babble aus dem Hacker-Bereich, der wahr sein kann, sich aber nicht so anfühlt, was in einem guten Buch andersrum sein sollte -, bleibt schleierhaft.
Dieser Gideon Crew nun also, Doktor erlangt am MIT, jetzt beschäftigt in Los Alamos, Sprengkörperforschung, hat den einstigen Widersacher seines Vaters so elegant erledigt, dass er Aufmerksamkeit bei einer Privatorganisation erregt hat, die Aufträge für die NSA erledigt. Was an zehn Jahren weggeworfenen Lebens elegant war, weiß nur der Chef 'Eli Glimm'. Der treibt dem Überflieger Crew auch gleich jede Zögerlichkeit zur Auftragsannahme aus, indem er ihm eröffnet, dass er aufgrund einer unheilbaren Hirnkrankheit nur noch ein Jahr zu leben habe. Das Knüppeldicke, mit dem einen die beiden Autoren in schneller Frequenz bewerfen, ist das Einzige, das einen noch am Lesen hält. Sollten die geballten Absurditäten doch noch für einen kalkulierten Effekt stehen, der durchs Umschlagen ins Ironische seine ganz eigene Wirkung zeitigen wird? Da sind die auf tausend Prozent männertauglich gezimmerten Frauenfiguren: eine Prostituierte, wie es sie auf Erden nicht gibt, aber sich viele eine wünschen würden, und eine nur etwa drei Sätze lang toughe, natürlich unglaublich sportliche und gutaussehende Agentin. Gideon wird sie alle ficken.
Doch auch James-Bond-artiges Interieur oder die Verulkung der Beschattung beim Klassiker Gitarrespielender Obdachloser reißen es nicht mehr herum. Mit Verkleidungskünstler und Sprücheklopfer Gideon, der sich aus jeder Situation herausrettet, wollen Douglas Preston und Lincoln Child wohl noch Buch und Film "Catch me if you can" referenzieren. Doch auch das rettet ihr "Mission - Spiel auf Zeit - Ein Gideon-Crew-Thriller" nicht.
Besprochene Ausgabe: Droemer | 2011 | 432 Seiten | Festeinband* | € 19,99
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