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 23.05.2012         Douglas Preston, Lincoln Child - Fever: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Douglas Preston, Lincoln Child - Fever: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Fever

(2011) - Orig.: Fever Dream (2010), engl.
Vogelfrei durch das Neue Amerika
Akribisch und dabei ungewöhnlich sanft durchkomponiert lassen Douglas Preston und Lincoln Child ihren Special Agent Pendergast auf seinen zehnten Fall los. Doch die eigentliche Hauptfigur ist der reale John James Audubon, ein Tatmensch, Forscher und Maler, der einst den Druck des heute teuersten Buches der Welt zu Wege brachte.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 04.02.2011

Es ist so eine dieser Geschichten, wie jemand durch außergewöhnlichen Eifer und Hingabe und mit einem handverlesenen Mitarbeiterstab etwas solides Handwerkliches oder Künstlerisches schafft, das schon zum Entstehungszeitpunkt einzigartig ist, dessen teure Herstellungstechnik dann auch noch alsbald archaisch wird und das nun, in der Jetzt-Zeit, nicht durch Galeristen gehypt werden muss, um Millionen wert zu sein. Von den einstigen 200 Exemplaren des Doppelelefantenfolios - das ist ein gigantisches Buch-Maß von 99 x 66 Zentimetern - der "Birds of America" von John James Audubon sollen noch 119 existieren, und zuletzt wechselte eines davon für rund neun Millionen Euro seinen Besitzer. Doch eventuell trägt zu diesem Wert auch noch der Rest der Geschichte um den Mythos dieses Ausnahme-Mannes bei, einer US-amerikanischen Kultur-Ikone, einer der "neuen" Amerikaner, nämlich eines geeinten United States of America. Zur Zeit seiner Geburt im heutigen Haiti 1785 stehen Französische und auch Amerikanische Revolution noch bevor. Kosmopolit ist er ungefragt von Anfang an. Auf Haiti heißt er nach seiner Mutter Jean Rabin. Der Vater ist Freibeuter und Plantagenbesitzer, zieht jedoch nach einer Sklavenrevolte nach Frankreich zurück. Dort wächst der Junge auf als Jean-Jacques Fougère Audubon. Um einer Einberufung unter Napoleon zu entgehen, emmigriert er in die USA.

Er versucht sich im Osten als auch schließlich an der Frontier mit einer Handelsunternehmung, um neben Forschung und Malerei seiner Familie ein festes Standbein geben zu können. Er beschließt, alle Vogelarten der USA zu erfassen und zu malen. Und das zu einer Zeit, als der Wilde Westen schon in Kentucky losging, als dort das Gesetz noch von Regulatoren aufrecht erhalten wurde, einer Art Vorläufertum der offiziellen Sheriffs. Bei seinen Pendelfahrten mit seinen Original-Bildern im Gepäck nach Großbritannien - dort gab es die bessere Druck-Technik - musste er sich Freibeuter-Überfällen erwehren, da Briten und Neuweltler immer noch alle paar Jahre Krieg führten. Geld für ein Buch besorgte man sich damals noch durch Subskription, also durch harte Überzeugungsarbeit bei Interessenten, die im Vorab Geld dafür locker machen!

Soviel zur realen Historie. In Douglas Prestons und Lincoln Childs "Fever" malt Audubon nach überstandener schwerer Krankheit das legendäre, verschollene "Schwarzgerahmte". Keiner kennt das Bildmotiv; um so stärker scheint die Magnetwirkung, das Bild zu finden. Auch Special Agent Pendergasts vor zwölf Jahren verstorbene Ehefrau forschte heimlich danach, wie der Witwer nun herausfindet. Was er auch herausfindet: Ihr Tod war kein Unfall, sondern Mord. Einen Teil der Faszination der Pendergast-Romane - diese Figur taucht zum zehnten Mal auf - und anderer Bücher der beiden Autoren macht ja die Exotik der Schauplätze aus. Und dieses Mal ist es die Exotik der ureigensten Heimat. Wir waten mit den Protagonisten durch die Sümpfe und Auen des Alten Südens oder marschieren durch die Parks auf einstige Plantagen-Häuser zu. Wir lernen immer noch vorhandene Vornehmheit kennen als auch übelste Redneck-Mentalität. Mit Freund und Polizist D'Agosta recherchiert der Agent an Orten in Louisiana, Mississippi oder Giorgia. Handwerklich arbeiten Preston/Child perfekt. Sie schaffen es, den Leser durchgängig vor die Fragen zu stellen "Wie würde ich das selber angehen? Wie werden es die Figuren im Buch angehen?" Etwa, wenn man von einem Lover seiner Ehefrau zu Studentenzeiten nur den Vornamen weiß und ihn finden möchte. Oder eine Episode im 3.000-Seelen-Kaff "Sunflower", mitten in der Pampa. Dort muss sich die Tote vor zwölf Jahren etwa drei Tage lang aufgehalten haben. Warum? Man schleimt sich bei der Lokalpresse ein, redet mit Hans und Franz und erzeugt einfach mit viel Chuzpe viel Wind, um Reaktionen zu provozieren. Man vergleicht, was zum Besuchszeitraum die Gemüter in dem verschlafenen Nest beunruhigte und siebt aus...

Ausnahmsweise im Nordosten, in Maine, tut D'Agosta Ähnliches, um nach Resten der Familie der Verstorbenen zu forschen, die sich aber wohl vor 20 Jahren aufgelöst hat!
"Fever" beginnt etwas großspurig, nämlich mit einer zeitlichen Rückblende mit Schauplatz Afrika. Auch dass Freund D'Agosta auf Bitten Pendergasts sofort alles stehen und liegen lässt und sich in den inoffiziellen Kriminalfall stürzt, mag dem Erstleser eines Pendergast-Romans befremdlich erscheinen. Doch entschädigt das Buch alsbald mit den Geschichten rund um den Maler Audubon und naturwissenschaftlichen Einsprenkseln die gleichwohl als philosophische daherkommen können, wie etwa das um den ausgestorbenen Karolinasittich, dessen Verhängnis darin lag, sich um einen abgeschossenen Artgenossen zu versammeln - in Trauer, in Hilfe? - und somit erst recht leichtes Ziel für die Jäger abzugeben.

Preston/Child bauen eine kribbelnde Magie um das Geheimnis des "Schwarzgerahmten" und verzetteln sich trotzdem nicht in billig Phantastischem oder Übersinnlichem. Das ist ihr Markenzeichen. Sie erfinden immer nur ein bisschen drumherum um das wissenschaftlich Faktische. So auch um den "Fever Dream" - so das Buch im Original - des begnadeten Forschers und Malers John James Audubon alias Jean-Jacques Fougère Audubon alias Jean Rabin, als dieser 1821 in einem Sanatorium liegt und alsbald ein äußerst verstörendes Motiv malen wird ...

Besprochene Ausgabe: Droemer | 2011 | 528 Seiten | Festeinband* | € 19,99


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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