Eine Reihe grausamer Serienmorde, die eine Stadt in Angst und Schrecken versetzt, abstruse Verschwörungstheorien, Ermittlungspannen am laufenden Band – das alles gut vermischt und eingebettet in die liebliche Landschaft der Toskana klingt erstmal nach dem Plot eines mittelmäßigen Thrillers, ist es aber nicht. London hatte seinen Jack the Ripper. In Deutschland trieben Karl Denke und Fritz Haarmann Anfang des 20. Jahrhunderts ihr Unwesen. In den Annalen der britischen Kriminalgeschichte erlangte Peter Sutcliffe unter dem Namen Yorkshire Ripper traurige Berühmtheit. Die Liste der Massen- und Serienmörder in den USA ist ohnehin schier unüberschaubar. Und auch ein Leben unter der mediterranen Sonne feit die Menschheit nicht davor, sich in ihrer hässlichsten Fratze zu zeigen; namentlich in „il Mostro di Firenze“, der „Bestie von Florenz“. Die von Weinbergen umgebene Wiege der Renaissance als Schauplatz bestialischer Verbrechen eines Serienmörders – ein besseres Setting, als es die Wirklichkeit hier vorgibt, hätte sich selbst ein alter Haudegen wie Douglas Preston nicht ausdenken können. Gemeinsam mit seinem Ko-Autor Lincoln Child schuf dieser die weltweit erfolgreiche Serie um Special Agent Pendergast. Seinen neuesten Streich hat er allerdings nicht zusammen mit Lincoln geschrieben und es handelt sich auch nicht um eine fiktive Geschichte: Ist es vorstellbar, ohne Angabe von Gründen verhaftet, des mehrfachen Mordes angeklagt, und trotz Fehlen jeglicher Beweise und allein aufgrund von verworrenen Theorien der Staatsanwaltschaft verurteilt zu werden? Ist es in einem Rechtsstaat denkbar, dass Zeugenaussagen und Gutachten, die nicht ins Konzept passen und den Angeklagten entlasten würden, komplett ignoriert werden? Ja, ist es – in Italien.
Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen. Für die Recherche zu seinem neuen Buch zieht Douglas Preston nach Florenz, wo er den Kriminalreporter Mario Spezi kennenlernt. Spezi berichtete Preston von einer spektakulären Mordserie, bei der zwischen 1968 und 1985 insgesamt acht Liebespaare im Florenzer Hinterland grausam ermordet wurden. Der Mörder wurde nie gefunden, wenn auch zahlreiche Männer verdächtigt, verhaftet und verurteilt wurden. Fasziniert von der Geschichte um die so genannte „Bestie von Florenz“, vertieft sich Preston zusammen mit Spezi erneut in den Fall. Sie rekonstruieren die Taten, treffen Zeugen und Verdächtige und decken Ungereimtheiten in den Theorien der Staatsanwaltschaft auf. Im Laufe dieser Nachforschungen geraten sie somit bald selbst ins Visier der Ermittler: „Im Verlauf der Geschichte wurden Spezi und ich selbst in sie verwickelt. Mir wurde Beihilfe zum Morde vorgeworfen, Beweisfälschung, Meineid und Strafvereitelung. Man drohte mir damit, mich zu verhaften, falls ich je wieder einen Fuß auf italienischen Boden setzten sollte. Spezi erging es noch schlimmer: Ihm warf man vor, er selbst sei die Bestie von Florenz.“ Die breite Akzeptanz der noch so abwegigsten Konstrukte der Staatsanwaltschaft erklärt Graf Niccolò Capponi, ein guter Freund Prestons, an einer Stelle mit der italienischen Eigenart der „Dietrologia“: „Dietrologia ist die Vorstellung, dass das Offensichtliche nicht wahr sein kann. […] Die Dietrologia ist der eigentlich Kern der Sache! Um jeden Preis müssen sie etwas finden, das hinter der sichtbaren Wirklichkeit steckt. Da kann nicht nichts dahinter sein. Warum? Weil es undenkbar ist, dass das, was man sieht, die Wahrheit sein könnte.“
Überhaupt scheinen sich mit fortschreitender Handlung alle gängigen Klischees italienischer Mentalitäten zu bewahrheiten. Gutes Essen spielt eine große Rolle, natürlich, wir sind schließlich in Italien. Das Preisen der Schönheit der Landschaft und der eigenen Stadt gehört auch für Eingewanderte wie Preston zur ersten Bürgerpflicht, vor allem natürlich, wenn man in Florenz wohnt. Aber auch Korruption, Machtstreben und Protektionismus stehen an der Tagesordnung, sogar, oder vielmehr vor allem, im Justizsystem. Hinter den Fassaden der Renaissance-Paläste bröckelt es nicht, es regnet ganze Mauerstücke. Einem Italiener, der da noch auf den Staat vertraut, ist allem Anschein nach selbst nicht zu trauen. Man darf dabei nicht vergessen, dass Prestons und Spezis Blick auf den Fall, und damit auch das dem Leser vermittelte Bild, ein einseitiges ist. Die Vertreter des eigentlich Beschuldigten, des italienischen Rechtssystems, kommen nicht zu Wort. Das ist in Anbetracht der Tatsache, was Preston und Spezi durch eben dieses widerfahren ist, verzeihbar. Viel schwerer wiegt jedoch die Tatsache, dass Preston aus seine Haut als Thriller-Autor wohl nicht hinaus kann. Eine True-Crime-Reportage in der Tradition eines Truman Capote hätte es werden sollen, dafür fehlt Preston und Spezi aber die erzählerische Feinmotorik. Jede noch so kleine neue Entdeckung der beiden ist gleich „ein Knüller“, der Erzählfluss verliert sich in unnötigen Details und Redundanzen. Auch die gewollt literarisierenden historischen Exkurse über Florenz und seine Familien wirken auf die Dauer ermüdend, ebenso wie der Versuch, dem Treiben der „Bestie von Florenz“ eine höhere Moral zu verleihen. So heißt es in dem Zitat eines Mönchs, der gleichzeitig auch ein ausgebildeter Psychotherapeut ist: „Wahnsinn ist die Aufgabe aller Versuche, verstanden zu werden. Er ist ein einziger, endloser Schmerzensschrei, ein Schrei um Hilfe in die absolute Stille und Gleichgültigkeit der Gesellschaft hinein. Er ist ein Schrei ohne Echo. Dies ist das Wesen des Bösen, auch der Bestie von Florenz. Und dies ist das Wesen des Bösen in jedem einzelnen von uns. Wir alle tragen eine Bestie im Inneren; der Unterschied ist graduell, nicht grundsätzlich.“
Ganz sicher ist manch Schmunzler und Lacher beim Lesen von uns Deutschen über die italienischen Verhältnisse; die Italiener lachen dafür über andere Dinge bei uns Deutschen...
Besprochene Ausgabe: Knaur | 2010 | 432 Seiten | Broschur* | € 9,95
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
1. Horst Eckert: Schwarzer Schwan (2011)
2. Urban Waite: Schreckensbleich (2011) - Orig.: The Terror of Living (2011), engl.
3. Yassin Musharbash: Radikal (2011)
4. André Meier: Letzte Losung (2011)
5. Sara Paretsky: Hardball (2011) - Orig.: Hardball (2009), engl.
Robert Ludlum, Eric van Lustbader:
Das Bourne Duell
Heyne, Festeinband
Linwood Barclay:
Weil ich euch liebte
Knaur, Broschur
Thomas W. Young:
Freeze - Gefangen im Eis
Piper, Broschur
Elisabetta Bucciarelli:
Ich vergebe dir
btb, Broschur
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