Er hat's raus; er hat's drauf; er beherrscht einfach alles, was ein Thriller-Autor braucht - Douglas Preston. Er kann erzählen. Er ist elegant. Er gibt Figuren Leben. Er hat Empathie. Er ist gesellschaftskritisch. Er ist Dramaturg. Er hätte auch alles drauf, um "hochkulturelle" Literatur zu verfassen, den ernsthaften Roman. Aber warum sollte er? Wäre viel Arbeit für geringe Auflagen. Mit seinen Thrillern hingegen kann er sicher sein, mit jedem auf der NYT-Bestsellerliste zu landen. Es ist hehr von ihm, den Autoren Allgemeiner Literatur nicht auch noch Konkurrenz zu machen.
Also schreibt er lieber für Menschen, die gerne Implikationen um an sich schon spektakuläre wissenschaftliche Fakten etwas weitergesponnen sehen. Ein Quäntchen Was Wäre Wenn und gerne auch die Grundannahme, dass wir nicht allein in der Galaxie sind. Dass zumindest etwas Ungewöhnliches von außen die Erde getroffen hat ist beim Buchtitel "Der Krater", beziehungsweise "Impact" im Original, rasch zu vermuten. Was genau vor der Küste des Neuengland-Staates Maine aufsehenerregend niedergegangen ist und warum radioaktive "Edelsteine" aus Asien plötzlich den halbseidenen Part des Schmuckhandels überschwemmen, deckt Preston dabei schön nach und nach auf, fast ohne jemals in der Spannung nachzulassen.
Zu großen Teilen ist "Der Krater" auch ein Buch über Seemannschaft, und da Douglas Preston in Maine lebt, ist anzunehmen, dass er sich diese selber erworben hat. Falls nicht, hat er sich von den Hummerfischern seiner derzeitigen Heimat gründlich unterweisen lassen in der Bedienung und in den Unwägbarkeiten beim Führen eines modernen Fischerbootes mit Radar und Sonar. Eine Enter-Situation, eine Nebelfahrt zwischen den zahllosen Untiefen und Inseln vor der Küste sowie eine Fahrt bei einem Nordost-Sturm zählen zu den kribbelnsten Stellen des Buches. Und führen tun dabei die Boote fachmännisch zwei Anfang 20-jährige Gören, die eine eine Schwarze, die sich in gefühlter Empirie immer wie die einzige im weißen Maine vorkommt, die andere ihre weiße Freundin. 'Abbey' und 'Jackie' halten durch im kleinen Fischerort Round Pond, in dem das letzte große Ereignis eine verirrte Kanonenkugel war, die "im Britisch-Amerikanischen Krieg 1812 das Dach der Kongregationalistenkirche durchschlagen hatte." Abbey's Studiumsfinanzierung steht auf der Kippe und so frönt sie mit Jackie ihrer Unternehmenslust. Erst recht, nachdem sie mit ihrem gebraucht ergatterten Hightech-Teleskop ein Foto jenes vermeintlichen Meteoriteneinschlags aufgenommen hat ...
Sie lief schräg über den Parkplatz, an der Fischereigenossenschaft vorbei und weiter zum Kai. Der starke Geruch von Heringsköder und Tang in der feuchten Nachtluft kam von einem Stapel alter Hummerfallen am Ende des Kais. Die Hummerbude war nur in der Sommersaison geöffnet, und ihre Picknicktische waren noch aufgestapelt und am Geländer festgekettet.
Ja, das sind Sätze aus einem Wissenschaftsthriller, und sie sind wunderschön und das ist ein Punkt, warum Douglas Preston in der Riege der Autoren diese Genres heraussticht.
In der Folge baut er in "Der Krater" drei Fronten auf: eine in Kambodscha, wo freischaffender Agent 'Wyman Ford' dem Mysterium der radioaktiven Steine hinterhergeht, besagte in und vor Maine, wo sich Kleingaunertum in Person von 'Worth', genannt 'Worthless', in seiner ganzen Brutalität, Niedertracht und Hoffnungslosigkeit den beiden Mädchen entgegenstellt, und schließlich ein Strang an der National Propulsion Facility, Kalifornien, wo sich Jung-Akademiker 'Corso' mit einer eigenartigen Gammastrahlen-Punktquelle in Mars-Nähe rumschlägt.
Die Kunst ist, eine Handvoll Personen, von denen keine im eigentlichen Sinne Hauptfigur ist, dennoch dem Leser in Wärme ans Herz zu legen. So überzeugen die Skizzierung des meth-abhängigen Worth, die Sprüche der beiden Freundinnen - Preston dankt zweien seiner Kinder für die Mitarbeit am Buch; die könnte an diesen Stellen stattgefunden haben - und die Verzweiflung des aufstrebenden Akademikers Corso, als dieser aufgrund von Intrigen am Forschungsinstitut sofort seinen Job verliert und auch um seine Abfindung gebracht wird. Das Chamäleon Agent Wyman Ford, schon bekannt aus anderen Preston-Büchern, glänzt mit einem irren Auftritt als dumpfbackiger, großspuriger Edelstein-Importeur. Herrlich das Feilschen und verbale Brimborium der asiatischen Geschäftsleute und das Umschlagen asiatischer Höflichkeit in Todernst. Den gibt es auch an der schließlich von Ford vorgefundenen Abbaustelle. Bei dortiger Menschenverachtung und Versklavung ganzer Dorfgemeinschaften hat sich Preston von der realen Historie des einstigen Rote-Khmer-Regimes inspirieren lassen.
Freilich ist am Ende nichts weniger als die Welt zu retten, und wenn dann noch der Vater von Abbey im Einsatz ist, um höchst unfreiwillig in Kreuzsee und Kabbelung sein neues Fischerboot zu versenken, nachdem jüngst der Sprößling schon den Vorgänger versenkt hat, dann ist das großes, gutes Abenteuer, ganz so, wie es anfangs losging, wenn Abbey und Jackie am Steuer stehen:
- "Erste Offizierin?" [...] "Eintrag ins Logbuch. Marea, fünfzehnter Mai, sechs Uhr fünfundzwanzig, Treibstoff einhundert Prozent, Bourbon einhundert Prozent, Gras einhundert Prozent, Motorbetriebsstunden neuntausendeinhundertvierzehn, Wind vernachlässigbar, Seegang eins, kurs null sieben null Grad bei zwölf Knoten auf Louds Island auf der Suche nach dem Muscongus-Bay-Meteoriten!"
- "Aye, aye, Frau Kapitänin. Soll ich uns als Erstes eine Tüte drehen?"
- "Kapitaler Einfall, Erste Offizierin!"
Besprochene Ausgabe: Knaur | 2010 | 528 Seiten | Broschur* | € 9,99
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