Douglas Preston - Credo - Das letzte Geheimnis: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Credo - Das letzte Geheimnis

(2008) - Orig.: Blasphemy (2008), engl.
No Mystery - Außergewöhnliches trotz Allerwelts-Buchtitel
Mit Wucht und einer Geschichte mit unglaublicher Gewaltzuspitzung geht Preston gegen die fundamentalistischen Christen der USA an. Gleichzeitig lässt er nichts weniger als eine neue Religion von seinen Protagonisten gründen. Im Kampf Wissenschaft gegen Religion bezieht Preston eindeutig Stellung, wie man auch aus einem Interview mit dem Verlag ersehen kann. Schrullige Charaktere und grandiose Landschaft setzen einen wohligen Kontrapunkt.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 20.08.2008

Lange trudeln nach dem Lesen echte Bilder im Kopf rum, wie die aus Waco, als es bei einem Gefecht des ATF (Amt für Alkohol, Tabak, Schusswaffen und Sprengstoffe) mit der Davidianer-Sekte 80 Tote gab oder aus Oklahoma, als Timothy McVeigh mit zweieinhalb Tonnen Sprengstoff genau am zweiten Jahrestag der Waco-Auseinandersetzung ein Gebäude mit einigen Regierungsbüros in die Luft sprengt, 168 Menschen, auch Kinder, tötet und 800 Menschen verletzt.
Den Schrecken mildern die sympathische Erzähltechnik Preston's, in der auch jede noch so kleine Nebenperson ihre Rolle spielt und eine grandiose Landschaftsbeschreibung, wenngleich die für einen Romancier nicht schwierig sein sollte, der 20 Jahre in eben der 'Four Corners Area' gelebt hat, dem Schauplatz, wo Arizona, Utah, New Mexico und Colorado sich in genau einem Punkt treffen.

Im Mittelpunkt steht ein fiktiver US-amerikanischer Teilchenbeschleuniger. So ein Ding ist eine riesige Maschine, der Durchmesser des kreisförmigen Beschleuniger-Tunnels im Buch beträgt 20 Kilometer. Führend auf der realen Welt ist jedoch die CERN-Anlage in Genf, die Preston auch zur Recherche besuchte. Kurz - und bestimmt äußerst unvollständig - beschrieben, ist der Forschungszweck der, mehr über subatomare Teilchen herauszufinden und gar zu schauen, welche es davon denn überhaupt gibt. Hierzu werden Teilchen entgegengesetzt mit einem irren Stromverbrauch durch eben diesen Tunnel mit Magneten auf nahezu Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und zur Kollision gebracht. Jetzt entstehen die Teilchen, die noch nicht erforscht sind. (Na? In Physik aufgepaßt? Wieviel Geschwindigkeit ergibt 1 x Lichtgeschwindigkeit plus 1 x Lichtgeschwindigkeit? Tipp: Lieber nicht den Kopf zerbrechen!)

Zu CERN wird gerne die bekannte Horror-Theorie aufgestellt, bei diesen Versuchen könne ein Mini-Schwarzes-Loch entstehen, dass dann die Erde kollabieren läßt. Dies erwähnen Preston's Wissenschaftler nur beiläufig, Preston hängt daran glücklicherweise nicht seine Geschichte auf. Wichtig ist aber für die Amerikaner noch der Aspekt einer neuen Form der Energiegewinnung.
Ob hierfür nicht die im Bau befindliche Fusions-Anlage in Südfrankreich eine größere Rolle spielt, oder ob diese Hand in Hand mit CERN arbeitet, kann der Rezensent nicht beurteilen. In Preston's Geschichte schaffen es die Wissenschaftler auf jeden Fall, dem Kongress bisher 40 Milliarden $ für die Anlage aus dem Ärmel zu leiern! Der Wissenschaftliche Berater des Präsidenten sieht die Anlage als Prestigeobjekt als auch eventuell als Vermächtnis der Präsidentschaft seines Chefs, denn die nächsten Wahlen stehen kurz bevor. Davon ab, steht er auch wirklich hinter der Sache. So gerät er auch allmählich in Panik, als Woche für Woche der erste Testlauf auf 100%-iger Leistung des 'Isabella' genannten Teilchenbeschleunigers verschoben wird. Dabei bringen die Wissenschaftler jedesmal eine neue Begründung für die Verzögerungen; nach Meinung des Präsidentenberaters werden die Ausreden immer unglaubwürdiger.
Hinzu kommt, dass diese Monsteranlage aus verschiedenen Gründen in eine der wildesten Ecken der USA gebaut wurde: in das schwer zugängliche und zerklüfftete Vierländereck und hier auf der Seite Arizonas, die Tafelberge etwas nordöstlich des Grand Canyons. Die Gebiete tragen klingende Namen wie 'Red Mesa' oder 'Black Mesa', je nach der Farbe des Gesteins.

Preston war hier in den Achtzigern mit einem Freund den vermuteten Weg eines spanischen Konquistadoren nachgeritten, der auf der Suche nach vermeintlichen 'Goldenen Städten' war, natürlich erfolglos. Auch Preston wäre aus Leichtsinn auf der Reise fast umgekommen.
Die Landschaftsbeschreibungen im Buch sind also Erste Klasse und versetzen in ein wohliges Gefühl trotz der Härte in den restlichen Aspekten.

Mit den Augen Wyman Ford's nähern Sie sich dem Hochsicherheitstrakt 'Isabella's', als wenn Sie selber eine Reise dorthin machen. Der Präsidentenberater sendet Ford. Getarnt als Ethnologe, der bei den ansässigen Navajos, die einen Protestritt gegen das Projekt planen, vermitteln soll, ist seine eigentliche Aufgabe, herauszufinden, warum das Projekt stockt. Die Wahl auf Ford fällt nicht zufällig: Er ist zwar Ethnologe, war am MIT, war aber auch schon beim CIA, hat also ein paar Tricks drauf. Doch - dramaturgischer Kunstgriff erster Güte und aus jedem Agentenfilm bekannt - Ford hatte zudem mal was mit einer der Wissenschaftlerinnen des Projekts. Allein dieser Aspekt sorgt für Süffisanz und Spannung für viele Hundert Seiten.

Selbstironisch würfelt Preston in dieser Anfangsphase alles aus dem US-amerikanischen Krimi- und Agentenmythos zusammen. Da sind sämtliche Wissenschaftler doppelt überprüft von NSA und FBI, die die Farben ihrer Unterhosen kennen und der Präsidentenberater versucht zu kokettieren, als er Ford noch von dem Job überzeugen muß: „Sie waren bei der CIA, Wyman. Sie wissen, wozu wir in der Lage sind.“ - [Wyman Ford:] „Ich zittere vor Angst.“

Der Personen-Reigen ist herrlich: Da ist Dr. Stanton Lockwood, der Präsidentenberater, erst aalglatt, dann ganz okay; Ken Dolby, der Chef-Ingenieur, der schon von Kindheit an allen seinen Maschinen Frauennamen gegeben hat; 'Isabella' ist sein Baby - lieber will er sie gar nicht auf 100% hochfahren; Gregory North Hazelius, Projektleiter und Geldeintreiber, eine der mysteriösesten Figuren des Buches; Nelson Begay, Navajo-Medizinmann im mittleren Alter; seiner Meinung nach entweiht 'Isabella' alte Grabstätten; der lässige, alternde Polizist Bia von der Navajo Tribal Police, bei dem man sofort Tommy Lee Jones in 'No Country for Old Men' vor Augen hat.
Ein Washingtoner Lobbyist, verschrobene Wissenschaftler, Prediger in hohen und niedrigeren Positionen und schrullig sympathische Navajos gesellen sich hinzu.

Über das US-amerikanische Lobbyisten-System ergibt sich denn auch der Zündfunke für die sich überschlagenden Ereignisse. Ein Lobbyist hat für die Regierung des Navajo-Reservats eine jährliche Pacht von sechs Millionen $ seitens Washington herausgeschlagen. Die Dienste des Lobbyisten sind nicht billig und da 'Isabella' gegenwärtig im Kongress akzeptiert zu sein scheint, kündigen die Indianer den Vertrag mit ihm. Da haben sie die Rechnung ohne den eitlen Lobbyisten gemacht... Der weiß, wie man 'Isabella' neue Schwierigkeiten bereiten kann, sodass seine Dienste von Nöten bleiben werden...
In guten Momenten ist Preston hierbei so spritzig wie Carl Hiaasen, der Doyen der spöttischen, politischen Amerikanischen Literatur.

Was im Inneren des Tafelbergs, im Innersten von 'Isabella' passiert, muß ansatzweise verraten werden: Eine allwissende Intelligenz meldet sich jedesmal aus dem kleinen Raum-Zeit-Loch, das 'Isabella' bei voller Leistung erschafft. Gott daselbst?

Die Momente, in denen 'Gott' spricht, über ein Display, sind atemberaubend. Man fiebert mit: Ist er es jetzt wirklich oder ist es Fake? Die Aussagen zu evolutionären und mathematischen Themen sind laut Preston laut Anhang von mehreren Philosophen und Wissenschaftlern inspiriert. Dem geübten Science-Fiction-Leser sind sie jedoch auch so bekannt. Es geht um die Entfleischlichung der Intelligenz als unausweichlichen Evolutionsschritt, das Universum als großes Eines, in das jede Handlung, jeder Gedanke sublimiert und auf ewig unvergessen bleibt, die vielen Spezies, die schon längst die stoffliche Existenz überwunden haben und ins Universum sublimiert sind, etc.

Es kommt zum Konflikt mit fundamentalistischen Christen und damit im letzten Drittel des Buches zu vielen wuchtigen Schlägen in die Magengrube. Die Mechanismen der Verführung, die Verwendung der Kleingeistigen als schreckliche Werkzeuge, arbeitet Preston gut heraus. Auch den Menschen des rechtschaffenden, dumpf brutalen Typus, wie er einem vielleicht zum ersten Mal in dem Filmwerk „Easy Rider“ begegnete und einem das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Bemerkenswert ist, das dieser Konflikt entsteht, ohne dass irgendjemand von den 'göttlichen' Vorgängen weiß. Das ist sehr kunstvoll gemacht und ist leider im Klappentext irreführend beschrieben.

Unter den vielen Gruppen, die am Showdown beteiligt sind, sind die Nationalgarde und ein Trupp Special Forcler noch die harmlosesten...

Im Interview mit dem Verlag (Abdruck auf sf magazin, Link siehe linke Spalte) schalt Preston unverhohlen die Offenbarungsreligionen ohne unreligiös zu sein. Für ihn ist die Suche nach der Wahrheit mit Hilfe der wissenschaftlichen Methode der einzige Weg, um das Schöne des Universums zu erkennen.

Besprochene Ausgabe: Droemer | 2008

      
 
 
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