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 23.05.2012         Douglas Coupland - Eleanor Rigby: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Douglas Coupland - Eleanor Rigby: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Eleanor Rigby

(2006) - Orig.: Eleanor Rigby (2005), engl.
Die zwei Gesichter des Herrn Coupland
Wiedergelesen: die sanfte Seite Douglas Coupland 's, die sich der Einsamkeit einer "Eleanor Rigby" annimmt - weit weniger traurig als im Beatles-Lied.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 12.12.2011

Gut, dass die Beatles erst ab Mitte der Sechziger Texte schrieben, die über das Schlagereinerlei hinausgingen. Wenn die kriegstraumaverdrängenden Deutschen "Eleanor Rigby", von 1966, unmittelbar in ihrer Muttersprache im Radio gehört hätten, wäre sofort ausgeschaltet worden. Das Lied ist todtraurig - und es bietet keine wie auch immer geartete Aussicht auf Linderung, auf ein unsägliches "Alles wird gut."

Kanadier Douglas Coupland schnappt sich für sein gleichbetiteltes Buch nur das Thema Einsamkeit aus dem Song. Während bei den Beatles Eleanor Rigby stirbt und nichts hinterlässt, was ihr Leben gerechtfertigt hätte oder an sie erinnern wird, schafft Coupland für seinen Reigen an Figuren neue Horizonte und Hoffnungsmomente. Auch wenn er seine Parabel um Geburt und Tod mit Progressiver Multipler Sklerose, versehentlicher radioaktiver Verstrahlung und Fettleibigkeit anreichert, bleibt die Geschichte um Hauptfigur 'Liz' eines der positivsten Bücher des Autors überhaupt.

Coupland bedient bis dato in seinem Gesamtwerk zwei Leserschichten: Als Exeget der Popkultur und der Auswirkungen der sich rasant ändernden Arbeitswelt auf den Menschen startet seine Karriere mit "Generation X", die er sich in "Microserfs", namentlich angelehnt an den realen Software-Riesen, selbst ausbeuten lässt und auf dieses Thema im 2006er "JPod" (sf magazin besprach die erst kürzlich zu Deutsch erschienene Ausgabe) wieder zurückkommt. In diesen Büchern, meinen einige, seien zugunsten der lauten Lacher beim Lesen und der unkommentierten Abbildung unserer Konsumwelt die Charaktere bisweilen flach gehalten. Die Leichtigkeit fehlt jedoch auch in der zweiten Schiene nicht, bei den Werken, die ins zutiefst Menschliche gehen. Hier gehen die Figuren in sich, rätseln über ihre apokalyptischen Visionen - ein Stilmittel Coupland 's - und hadern mit dem metaphysischen Sinn ihres Seins: Ihr Autor und Erschaffer lässt sie nicht hängen, gleichwohl weit davon entfernt, ihnen die Lösung in einer Art billigen Amerikanischen Traumes verkaufen zu wollen.

Liz, in der Haupterzählebene 36, in einer späteren 42, ist fett und so unscheinbar, dass sie selbst ein Regisseur bei einer Massenszene austauschen würde, wie sie meint. An sexuellen Erlebnissen hatte sie genau eines. Den resultierenden Sohn gab sie zur Adoption frei, weil sie erst 16 war. Der taucht nach 20 Jahren bei ihr auf, durchgebeutelt von der Boshaftigkeit der elf Pfegefamilien, in denen er fristen durfte: Die harmloseren benutzten ihn "nur", um den staatlichen Bonus abzugreifen, die minder schlimmen sind diverse bäuerlich geprägte Quäker in British Columbia, die peinvolle Dinge von ihm abfordern unter Aussicht auf religiöse Erlösung und der Androhung, dass er sowieso keine andere Wahl hätte, andere münden in haufenweise Taschengeld bei gleichzeitigem Kinderschändertum. Trotzdem sprüht 'Jeremy' vor Energie und schrägem Humor. Mutter und Sohn: Liebe auf den ersten Blick. Es könnte ein kurzes Vergnügen werden: Jeremy hat MS ...

Surreal? Ja, bisweilen. Der Fortlauf der Geschichte wird sieben Jahre später sogar nach Wien, Österreich, führen. Der auf einem deutschen Armeestützpunkt geborene Europa-Kenner Douglas Coupland wird ein liebevolles Bild von Good Ole Europe zeichnen, unter anderem aus den Siebzigern gesehen, mit Blick auf Rom, Frankfurt a. M. und eben Wien. Es ist das Erfassen des Alltäglichen, der Lebewelt Liz' in Vancouver, Kanada, und der der Figuren aus der Vergangenheit, das "Eleanor Rigby" eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen lässt. Ein Winterbuch, zu lesen vor den vor dem Fenster fallenden Schneeflocken, falls es die in der von der Arbeitswelt selber erzeugten Apokalypse noch geben wird. Liz ist eine hypnotisierende Erzählerin, die auf fast physische Weise entspannt, als wenn einem eine vertraute Person sanft über die Nackenhaare streift. Und sie sagt: "Jeremy war wie ein frischer Anstrich, der mich für die Welt sichtbar gemacht hatte." Doch der Eleanor Rigby aus dem Beatles-Song würde sie einiges abverlangen: "Death without the possibility of changing the world was the same as a life that never was", wie es im Originial heißt. Dem entgegenzuwirken, bietet Douglas Coupland genügend Inspiration.

Besprochene Ausgabe: Hoffmann und Campe | 2006 | 270 Seiten | Festeinband* | € 18,95


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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