Doris Lessing - Shikasta: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Shikasta

(2009) - Orig.: Canopus in Argos: Archives. Re: Colonised Planet 5, Shikasta (1979), engl.
Jahrmillionen in der Nussschale
Mit „Shikasta“ von 1979 beginnt Doris Lessings „Space-Fiction“-Serie, die fünf Bücher der „Canopus“-Serie. Den Begriff Space-Fiction hatte ihr britischer Kollege J. G. Ballard kurz zuvor eingeführt.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 25.05.2009

Lessing benutzt ihn, da zu dieser Zeit Science Fiction noch eingegrenzter gesehen wurde als heute, nämlich eher gemünzt auf die Einbringung naturwissenschaftlicher Fakten und Spekulationen in die Werke. Lessing meint, ihre Canopus-Werke hätten mit Technik nicht viel zu tun, diesen Zweig überlasse sie lieber den Kollegen, die wirklich etwas davon verstünden.

Die Space-Fiction-Bücher, als auch die davor entstandenen „Inner-Space-Fiction“-Werke - die Herausgeberin von „Shikasta“ übersetzt es im Nachwort mit „Fiktion des inneren Raums“ -, wie „Anweisung für einen Abstieg zur Hölle“ oder „Die Memoiren einer Überlebenden“, scheinen am Markt nicht zu laufen. Letzteres ist als einziges in deutsch neu zu kaufen bei Fischer. Doris Lessing - man hat die Bilder vor Augen, wie sie 2007 nach der Nobelpreis-Nachricht lässig in Hausklamotten auf der Treppe vor ihrer Tür sitzt und die Journalistenmeute respektvoll Abstand hält - wird darüber müde lächeln.
Hoffmann & Campe brachte nun im Zuge seiner Doris Lessing-Werkauswahl als Band 7 „Shikasta“. Das Buch wartet auf mit unterschiedlicher Typografie für die unterschiedlichen Arten des fiktiven Archivmaterials und durch einen recht engen Satz ist es ein kompaktes, schönes, gebundenes Buch mit etwa 530 Seiten zu 25,- Euro geworden.

Es hat einen „anti-novel“-Charakter, wie die Wissenschaftlerin Jeanette King meint. Das ist formal gesehen tatsächlich so. Lessing verwendet „Archivmaterial“ der Abgesandten von Canopus, um über einen unvorstellbaren Zeitraum hinweg die Geschichte des Planeten Shikasta zu zeichnen, die sich als eine archetypische herausstellt, für unsere eigene, die Geschichte der realen Erde. Doch es ist eine Chronologie vorhanden und es gibt Figuren mit ihrer Entwicklung, wenngleich die erste Hälfte des Buches eher ohne Personifizierungen soziale Gruppen und ganze Spezies betrachtet. Bleibt jedoch die Konstante 'Johor', der hervorstechendste Abgesandte, ein Beobachter mit anscheinend fast unendlicher Lebensspanne, der den Planeten Shikasta dreimal besucht.

Es ist schön, wie Doris Lessing ohne Technik-Beschreibungen eine Welt eröffnen kann, die in ihren Raum- und Zeitdimensionen überbordend ist. Da überwachen und beeinflussen über Millionen Jahre hinweg die Canopäer die Gesellschaften auf Planeten, die von ihnen zu Schützlingen auserkoren wurden und verfrachten munter zehntausende mehr oder weniger entwickelte Humanoide zwischen Planeten, um Eugenik zu betreiben. Rasch denkt der Leser, Canopus maße sich die Rolle unserer vormaligen realen Kolonialherren an oder das Agieren jetziger Supermächte; doch gefehlt, das soll nicht der Kernpunkt des Buches werden. Zumindest nicht offensichtlich. Doris Lessing sitzt zur Zeit der fünf Canopus-Bücher der Schalk im Nacken... und sie steht gerade auf Sufismus. Das Reich Canopus verkörpert einiges aus dessen Gedankenwelt.

Canopus agiert, ist Beobachter und im metaphorischen Sinne der Göttliche Funke, Gestalter - und, so ungeheuer groß sein Wissen und seine Technologie auch sein mögen, leider auch der Zufall für die niedriger entwickelten Völker, für die es nur das Beste will. Denn einiges wird schief laufen, in der körperlichen und gesellschaftlichen Evolution auf Shikasta. Wobei sich selbst Canopus und erst recht nicht die „Geschöpfe“ Shikastas, wie es bei Johor heißt, dem Einfluss der unbelebten Schöpfung entziehen können, in bestem sufistischen Sinne. Da fasziniert zum Beispiel die „Epoche der Achsenverlagerung“ des Planeten relativ zu seinem Stern, die Johor beschreibt, als sei es nur ein Wochenende gewesen. Naturkatastrophen waren die Folge gewesen.

Doris Lessing nutzt den Rahmen Science-Fiction gut. Zum einen um die Vorstellungskraft des Lesers für das - heute noch - Undenkbare anzuspornen, eines der tollsten Gattungsmerkmale. Zum anderen, da sie sich um traditionelle Zeitlinien-Vorgaben oder räumliche Gegebenheiten eines herkömmlichen Romanes nicht zu kümmern braucht, kann sie ein Panoptikum an Verhalten sozialer Gruppen, Rassen und ganzer Spezies bauen. Im zweiten Teil des Buches dreht sich etwas: Lessing schildert, wiederum anhand von „Archivaufzeichnungen“ die Geschicke von exemplarischen Individuen, also die Wirkung der sozialen Umwelt Shikastas auf seine Bewohner - eine Limitierung auf Einzelperspektiven.
Dem Lernenden, also dem Studierenden auf Canopus, will Johor so ein besseres Einfühlungsvermögen in die Atmosphäre Shikastas ermöglichen. Dem Leser Lessings stockt der Atem, wenn so langsam dämmert, dass wir selbst die Spezies sind, über die Johor Seiten zuvor in trockener Labormentalität noch schreibt, wie er über sie entsetzt ist, mit ihnen leidet, sie bemitleidet oder sie verabscheut während ekliger Phasen ihrer Entwicklung.

Schön, die Idee einer Art „Massentelepathie“ zwischen den Bewohnern ganzer Systeme. Sie unterstützt die Idee vom nicht unabhängig existieren könnenden Individuum im Sufismus. Schön auch, das gewisse anti-science-fiction. Nur diffus beschreibt Lessing ersteinmal die Wesen auf Shikasta. Wir wissen gar nicht, haben wir es mit Humanoiden zu tun oder mit irgend etwas anderem. Noch unverschämter, positiv gemeint, ist, gar nichts über die Canopäer selbst preiszugeben! Fast gottgleich kommen sie daher und ebenso unbeschrieben.
Die Form der Archiv-Auszüge gibt dem Leser einen Rahmen, einen Interpretationsspielraum, ohne ihn konkret an die Hand zu nehmen. Die Fragen nach Individuum und Gemeinschaft und dem richtigen Weg für Bewußtseinsschaffung in der Gesellschaft sind zeitlos. Aber die Form des Buches macht aus ihm keinen Reißer, weder für den Mainstream-Leser noch den Science-Fiction-Leser. Den gewohnt schönen, ruhigen Duktus der akzeptierteren Werke Doris Lessings hat es allemal.

Besprochene Ausgabe: Hoffmann und Campe | 2009 | 528 Seiten | Festeinband* | € 25,00
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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