Mit der 'U-Bahn-Kinderbande' sind wir schon am Ende der Geschichte. Vorher, das sind die Erlebnisse von 'Emily' und ihr überschnelles Reifen vom Kind zur jungen Frau und der Ich-Erzählerin, einer älteren Frau, die nie beim Namen genannt wird. Von 'Gerald', dem jungen Anführer, der an seiner selbst auferlegten Verantwortung zerbricht. Und von 'June', zeitweise in einem fragilen Dreiecksverhältnis mit Emily und Gerald, und von 'Hugo', dem häßlichsten aller Hunde, mit einem Katzengesicht, der ständig schon auf der Speisekarte steht, aber immer wieder davonkommt.
Die „Stadt“, wahrscheinlich ist es London, leert sich langsam. Die Verbliebenen versuchen, sich innerhalb einer sich schleichend Weg bahnenden Krise ihre Normalität einzurichten. Soviel sei vorweggenommen: Man wird es im ganzen Roman nicht erfahren, was diese Krise auslöste. Das ist egal. Man wartet nicht verzweifelt auf die Auflösung, denn sofort ist der Leser in die Selbstverständlichkeit hineingezogen, mit der die Leute diese Zeit erleben, identifiziert sich mit deren Alltag. So wundert sich die alte Frau auch nicht lange, als ein Mann Emily, ein elfjähriges Mädchen, in ihre Obhut gibt.
Einige Staatsorgane arbeiten noch, aber die Wirtschaft scheint komplett zusammengebrochen. Auf dem Land soll es etwas besser sein. Durch die Vororte, so hört man, ziehen marodierende Horden, von denen das Viertel der alten Frau bisher verschont blieb.
„In solch einer Atmosphäre, in einer Zeit, in der solche Dinge geschahen, war es letzten Endes vielleicht doch nicht gar so merkwürdig, dass ein fremder Mann mit einem Kind in meine Wohnung kam, behauptete, ich sei für es verantwortlich, und ohne ein weiteres Wort wieder ging.“
Emily 's bisheriges Leben kann sich die alte Frau, eine scharfe Beobachterin und Menschenkennerin, nach und nach zusammenreimen. Da entsteht jetzt eine Freundschaft, die zuerst auf kühlem Respekt, Verantwortung und Zweckmäßigkeit gründet, in der sich irgendwann sogar die Rollen drehen - der eine beschützt den anderen und umgekehrt. Denn durch den Kunstgriff Lessings, drei gemeinsame Jahre dieser beiden im Zeitraffer zu beschreiben, erlebt man die Entwicklung Emily 's vom hyperschlauen, alle mit gesundem Argwohn beschnupperndes Mädchen zur Frau, die sich durch erste Lieben schlagen muss und dem, was den Erwachsenen vom Kind unterscheidet, stellen muss: Verantwortung haben.
Die wandernden Horden bleiben nicht lange aus, doch wandelt sich ihr Bild:
„Früher oder, besser gesagt, noch vor kurzem hatte sich unser Abstieg in die Niederungen der Anarchie darauf beschränkt, dass wir bang hinausschauten, wenn eine Horde durch unsere Straße zog. Noch vor ein paar Monaten hatten diese Banden für uns außerhalb jeglicher Ordnung gestanden. Jetzt fragten wir uns, ob wir uns ihnen anschließen sollten.“
Das ist der Mittelteil des Romans, in der fast eine Art Romantik aufkommt, in der die Gruppen, die sich für ein Leben auf den Straßen zusammengeschlossen haben und denen sich auch ältere Erwachsene und Kinder angeschlossen haben, die warmen Jahreszeiten bei Lagerfeuern auf den aufgerissenen Gehwegen verbringen. Immer wieder kristallisieren sich Führer-Persönlichkeiten unter den Jugendlichen heraus und diese stellen oft einen Trupp zusammen, der die Stadt verlässt. In diese Zeit fällt das Abfallen der Kindheit von Emily, in schöner Allegorie: Hugo, ihr Hund, den sie einstmals mitbrachte, ihr Ein und Alles, kann nicht mitgehen zu ihren Abenteuern auf der Straße. Zu leicht würde er gefressen werden.
“Unter unseren Augen, aber ohne dass wir es merkten, vollzog sich die Geburt einer Horde, einer Meute, eines Stammes.“
Die Solidarität zur alten Frau bleibt, die mit Bewunderung zuschaut, wie Emily mit ihrem Freund Gerald eine eigene Kommune aufbaut, organisiert und den anderen Überleben lehrt. Emily wechselt zwischen der fragilen Sicherheit der Wohnung der alten Frau und den Aufenthaltsorten der Sippe.
Die zumindest äußere Gelassenheit der alten Frau gegenüber „ihrem“ Kind dient als Lehrstück für Eltern. Gerade dadurch, dass sie gar nicht erst versucht, eine Form von Autorität über Emily walten zu lassen, gewinnt sie einen natürlichen Respekt seitens der jungen Frau. Ist natürlich leicht gesagt, appelliert doch Lessings Dystopie eher an die Solidarität und Rücksichtnahme, die in dieser Ausnahmesituation in selbem Maße anwachsen, wie der Kampf Jeder gegen Jeden.
Es ist nicht die amerikanische Art und Weise des Endzeit-Thrillers mit Bumm-Bang. Waffenstarrend sind die Leute auch in Lessings Roman schnell, aber nicht um der Effekte willen. Eher steht der feste Glaube an menschliche Solidarität im Vordergrund und das Loslassen können, weil man sich gegenseitig vertraut. Wie sich Menschen in einer Notsituation einrichten könnten, wirkt deshalb bei Lessing so authentisch, weil schon der Erste Weltkrieg einen Abdruck bei ihr hinterlassen hat, durch beide Eltern, dem seelisch und körperlich verwundeten Vater und der seelisch verwundeten Mutter, weil sie die politischen Umbrüche in Afrika erlebte, die Plackerei auf einer Farm, und den Zweiten Weltkrieg, bevor sie nach London zog.
1974 - da bringt Doris Lessing natürlich auch noch das Thema Offener Umgang mit Sexualität mit rein. Das liest sich nach wie vor frisch. Andere Prinzipien der „Alten Ordnung“ können Emily und Gerald dagegen schlicht nicht knacken: „Hackordnung muss sein,“ stellen sie lapidar zum Leben in der Kommune fest. Dann passt das ja zum jetzigen Zeitgeist, der sich wieder auf klare Regeln für Jugendliche zu besinnen scheint.
In all den Wechseln der Jahreszeiten und der Zunahme der Brutalität in der Straße der alten Dame bleibt der Roman durchflutet von einer eigenartigen Wärme, dem Menschlichen. Weniger mit Hoffnungslosigkeit denn mit Freude darüber, dass mit den wenigen verbliebenen Menschen etwas Neues entstehen kann, beobachtet die alte Frau:
„Jetzt aber, an diesem Abend, glommen nur noch ein paar Lichtpünktchen hoch oben in der Dunkelheit. Von meinem Fenstern war gar nichts zu sehen, und doch war dahinter noch Leben: man konnte jetzt nicht mehr an den Lichtern sehen, wo noch Leute in den Häusern wohnten.“
Besprochene Ausgabe: Fischer | 2002 | 256 Seiten | Broschur* | € 8,95
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
2. J. L. Bourne: Tagebuch der Apokalypse (2010) - Orig.: Day by day Armageddon (2009), engl.
3. Caragh O'Brien: Die Stadt der verschwundenen Kinder (2011) - Orig.: Birthmarked (2010), engl.
Ernest Cline:
Ready Player One
Crown, Festeinband
John M. Cusick:
Girl Parts - Auf Liebe programmiert
Baumhaus, Festeinband
Charles Stross:
Rule 34
Ace, Festeinband
Ben Tripp:
Infektion
Heyne, Broschur
Thomas Thiemeyer:
Das verbotene Eden - David und Juna
Pan, Festeinband
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