
In Persien spielte sie, bis sie fünf war, ihr Vater war beim Empire angestellt. Nach Rhodesien ging die Familie als man dort in eine Art subventionierte Landwirtschaft einsteigen konnte. Als junge Frau zieht sie nach England, wo sie heute ein Haus in London hat. Sie hatte ihre „kommunistische Phase“, ihre „Radikale Psychiatrie-Phase“ in den späten Fünfzigern und den Sechzigern und ihre „sufistische Phase“. Doch immer ist sie eigen und lässt sich nie vor einen ideologischen Karren spannen, dafür denkt sie zu crossover. Sie erdreistet sich im linksbürgerlichen Common Sense der Achtziger die Friedensbewegung zu kritisieren und blafft Feministinnen an, als die sie ungefragt einspannen wollen.
Wir gratulieren mit einer Besprechung ihres 2005 im Original erschienenen „The Story of General Dann and Mara's Daughter, Griot and the Snow Dog“, deutsch 2006. Damit kommen wir gleich zum nächsten Anti der Anti-Frau Doris Lessing: Ganz normal, dass sie Phantastische Literatur schreibt und nutzt. In dieser können modellhaft Themenzusammenhänge gewebt werden, die in der Mainstream-Prosa auf diese Weise nicht möglich wären. Die große Phase ihrer „Inner Fiction“ und „Space Fiction“ hatte sie in den Siebzigern und Achtzigern. Den Begriff „Space Fiction“ hatte sie von Kollege J. G. Ballard dankbar ausgeliehen. Science Fiction wollte sie ihre Werke nicht nennen, nicht aus Abfälligkeit, sondern, weil sie, wie sie sagt, die wirklich technischen Utopien Kollegen überlassen wolle, die sich wirklich damit auskennen. Wie traurig ist es gerade dieser Tage, zu sehen, wie der SF immer noch das Bahnhofs-Kiosk-Image anhaftet. Von der angesehenen Autorin Margaret Atwood war gerade ein neuer SF-Roman, eindeutig dem Sub-Genre Negative Utopie zuordbar, erschienen. Frau Atwood wehrt sich hingegen gegen das Etikett „Science Fiction“, nennt ihre Romane Interpolationen der Gegenwart oder Spekulative Fiktion. In die gleiche Kerbe schlägt vermeintlich zur Unterstützung ihre Kollegin Ursula K. Le Guin, die Zeit ihres Lebens anspruchsvolle Fantasy und SF geschrieben hatte. Schrecklich: Ein Genre verleugnet sich selbst! Zurück zu Doris Lessing. Sie hatte nie Berührungsängste.
„Die Geschichte von General Dann und Maras Tochter, von Griot und dem Schneehund“ ist genau das, was der Titel vermuten lässt. Ja, es spielt in der Zukunft, und die ist schlammig, nämlich kurz nach einer Eiszeit. Aber, es ist genau das: eine Geschichte um das Menschliche, um wenige Personen, die entweder verwandt sind oder zusammen eine Menge durchgemacht haben. Sie müssen sich bewähren, sie müssen Rollen annehmen, die ihnen natürlicherweise vorgegeben sind, sie müssen damit leben, dass Blutsbande nicht immer toll sind, sie müssen erkennen, dass man nicht immer erklären kann, warum der eine ein guter Mensch ist, der nächste ein schlechter. Eine Abenteuer-Geschichte, das Leben in Ausnahmesituation, der Alltag unter widrigen Umständen.
Nicht unbedingt muss man den ersten Teil der Geschichte um 'Dann' und 'Mara' aus dem Buch „Mara und Dann“ kennen, die als Kinder eine Odyssee durch eine dürregeplagte südliche Welt ertragen müssen, während die nördliche Welt unter einem Eispanzer liegt. Das Klima hat sich weiter verändert und geht wieder einer Warmzeit entgegen. In einer grau anmutenden Zwitterwelt, die genau vor den abschmelzenden Eismassen liegt, versucht sich Dann Wissen über die untergegangene Zivilisation, wie sie vor der Eiszeit existierte, anzueignen. Doch das alte Wissen alleine reicht nicht. Die Flüchtlinge und Überlebende aus diversen Bürgerkriegen müssen nach vorne schauen. Der ehemalige Kindersoldat Griot hält die Fäden zusammen in einem notdürftigen Übergangslager in den riesenhaften Ruinen einer Stadt, die man jetzt schlicht „Zentrum“ nennt. Dann kämpft mit den Schatten der Vergangenheit und seiner Ex-Frau. Doch sein Ruf eilt ihm voraus; er soll eine neue Zivilisation aufbauen... „Nur jene besondere, unwirkliche Eigenschaft war geblieben, Danns Fähigkeit, Erwartungen in anderen zu erwecken, die ihn nicht einmal persönlich kannten.“
„Urrup“, lautsprachlich das englische „Europe“, heißt eine der alten Gegenden, von denen man spricht. Und Lessing weiß genau, dass Macht- und Wirtschaftszentren auf der Erde kommen und gehen. Und in ihrer typischen Gelassenheit sieht sie dem auch entgegen. Ihr Held Dann hadert zwar mit diesem ewigen Kreislauf von Krieg und Untergang und Wiederaufbau. Die Menschheit: der Hamster im Rad. Das sehen einige Religionen so. Und wenn schon. Wenn dem so ist, so soll's doch immer irgendwie voran gehen, wenn auch im Rad. Schicksal. Man sollte den Menschen eben nicht so wichtig nehmen, Warnung vor Selbstüberschätzung zieht sich durch das ganze Werk Lessings. Es gibt Wichtigeres: Liebe, Treue, Freundschaft, Selbstlosigkeit.
Es hat immer alles so Hand und Fuß, was Doris Lessing übers Überleben und Leben in einfachen oder schwierigen Verhältnissen erzählt. Das muss ganz einfach daher kommen, dass sie auf einer Farm aufwuchs, die nicht die besten Voraussetzungen in Boden und Klima bot. Und das in den Zwanziger- und Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Und sie kennt die Geschichten aus dem 1. Weltkrieg der ihren Vater verkrüppelte, und die aus dem Zweiten, der ihrem Bruder ein Trauma bescherte, die Geschichten auch von den versprengten RAF-Soldaten, die auf der Farm in Rhodesien untergebracht waren und mit der Mutter am Klavier Lili Marleen sangen.
Das Tolle an „Die Geschichte von General Dann und Maras Tochter, von Griot und dem Schneehund“: Das kommt völlig bescheiden daher, einfühlsam, manchmal elegisch, in dieser Einfachheit gelegentlich an ein Märchen gemahnend. Und eben wie ein Märchen rührt es an den Urthemen.
Einfach und erhaben soll sie weiterhin bleiben und lebe hoch: Doris Lessing.
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