Doris Lessing - Die Entstehung des Repräsentanten von Planet 8: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Die Entstehung des Repräsentanten von Planet 8

(2009) - Orig.: Canopus in Argos: Archives. The Making of the Representative for Planet 8 (1982), engl.
Eiszeit im Zeitraffer
Der vierte Band aus Doris Lessings „Canopus“-Serie lacht sich eins über die Wichtigtuerei des Menschengeschlechts. Stellvertretend geraten die Leute von Planet 8 in eine Eiszeit durch Achsverschiebung. Dagegen wächst kein Kraut, weil bald gar nichts mehr wächst.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 26.08.2009

Dieter Moor, einer unserer lustigsten Fernsehmacher, bemerkte zum Thema E-Mail-Senden für jedermann durch die NASA zu diesem erdähnlichen Planeten neben dem Stern mit irgendeiner Nummer - ja, was für Namen sollen sich die Astronomen auch jedesmal ausdenken, für diese Stäubchen im Weltall -, was, wenn die dort ihren Spam-Filter eingeschaltet haben, weil sie gar kein Bock auf den Menschen-Scheiss haben? Schlussfolgernd sagt er: „Der Mensch ist der Spam des Universums.“

Doris Lessing würde diese Sichtweise gefallen. Zwar ist sie literarisch nicht mehr in ihrer „Sufistischen Phase“ unterwegs - privat weiß es der Rezensent nicht -, aber den Gedanken der Anmaßung von zuviel Freiem Willen des Menschen innerhalb der ihn stark determinierenden unbelebten Umwelt hat sie bestimmt nicht abgelegt.
Im 1982 erstmals erschienenen „Die Entstehung des Repräsentanten von Planet 8“ kommt, wie bei Lessing üblich, keine wilde Raumfahrerei vor, sie nennt die „Canopus“-Serie ja auch Space Fiction, den Begriff ausleihend von ihrem Kollegen J. G. Ballard, und nicht Science Fiction. So ist die einzige Figur, die ab und an angeflogen kommt auf den Planeten 8, 'Johor', der Canopäer. Canopus, das ist diese nur diffus gezeichnete galaxie-weite Macht, deren Technologie soweit fortgeschritten ist, dass sie ein bisschen Gott spielen kann. Sie lenken nämlich die Entwicklung von noch nicht so weit fortgeschrittenen Rassen auf diversen Planeten, und nehmen mal eben eugenische Maßnahmen vor, indem sie komplette Rassen umsiedeln und mit anderen auf anderen Planeten verschmelzen; Projekte über Jahrhunderttausende... Für den Schützling Planet 8 sehen sie die Eiszeit, entgegen dem dort noch rein agrarisch lebenden Volk, voraus. Johor verspricht Hilfe und als erste Akut-Maßnahme lässt er eine riesige Mauer bauen aus Spezialmaterial. Lange Zeit kann diese Mauer die von den Polen vordringenden Eismassen bremsen (Klar, ist die Mauer eher Metapher denn realistisch). Doch dann: Die allmächtig scheinenden Canopäer verschieben immer wieder die versprochene Umsiedlung. Ein anderes, auch für sie unvorhersehbares Ereignis kommt dazwischen...

Die Lessing. Die kann erzählen. Die kann schreiben. Und dabei ist es ganz egal, in welchem Genre sie es tut. Da ist es gerade im SF-Bereich eine Wohltat, wenn selbst so ein altes Buch neu aufgelegt wird. Im Mäntelchen des Zukunftsromans, wobei die Ereignisse ja auch vor „unserer“ Zeit gespielt haben können - da nimmt die SF den Menschen nämlich nicht so wichtig, obgleich sie ihn ständig hinterfrägt -, kann sie sich mehr formale und erzählerische Freiheiten nehmen. Zum Beispiel ihre Evolutionsgeschichten im Zeitraffer, oder speziell hier in Planet 8, eine ganze Eiszeit im Zeitraffer, so elegant und kurzweilig geschrieben, als sei es eine Fingerübung. Man leidet mit den Leuten von Planet 8, wenn der lakonisch berichtende Ich-Erzähler die Auf-und-Abs während der Katastrophe beschreibt, das Aufkeimen von Hoffnung, das Sich-Aufbäumen der Bevölkerung, die Innovationen, und dann doch der Fatalismus, die Gewalt, das Sterben der Hoffnung.

Die Canopäer bringen Isoliermaterial für die Häuser, aber immer noch keine Erklärung, warum die Evakuierung auf sich warten lässt. Es ist große Kunst Lessings, Dinge im Diffusen zu lassen, etwa wie alt jemand auf Planet 8 überhaupt werden kann, von welchen Zeiträumen sie eigentlich spricht, wie eine Technik funktioniert. Man muss es nicht wissen. Sie spielt souverän mit der Zeitlosigkeit und dem Schicksal einer ganzen Rasse, deren Aussehen sie nicht einmal genau beschreibt, und trifft uns trotzdem mitten ins Herz.

Besprochene Ausgabe: Hoffmann und Campe | 2009 | 192 Seiten | Festeinband* | € 22,00
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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