Doris Lessing - Anweisung für einen Abstieg zur Hölle: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Anweisung für einen Abstieg zur Hölle

(1981) - Orig.: Briefing for a descent into Hell (1971), engl. (dt. nur antiquarisch)
Inner Space like hell
Heiße Diskussionen gab es über die Literatur-Nobelpreis-Verleihung 2007, nicht zuletzt in Science-Fiction-Foren, wo sich viele freuten und viel Häme über greisenhafte Literaturkritiker gegossen wurde. Man musste sich wirklich wundern, wie hart sich diese Zunft mit Doris Lessing tut, weil sich ihr Schaffen nicht als ein homogener Block fassen lässt und sie sich während ihrer 60 Berufsjahre Änderungen in ihren persönlichen Auffassungen zugestand.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin * 09.02.2009

Eigentlich ist die Frau anti. Anti-Friedensbewegung zur denkbar ungünstigsten Zeit, Anfang der Achtziger, wo man sofort CIA-finanziert oder Faschist ist, wenn man in die Diskussion auch nur ein zaghaftes „aber“ einfügte; anti-feministisch, zumindest was Etikettierungen betrifft und ganz sicher dagegen, für was die Feministinnen sie ungefragt einspannen wollen. Mit ihrem fünfbändigen Science-Fiction-Opus „Canopus“ stößt sie mal eben ihre weltweite Fan-Gemeinde vor den Kopf. Ja, wirklich, auch die Fachwelt war entsetzt. Das kann man in Zeitungartikeln aus dieser Zeit nachlesen. Lessing sagt, es sei ihr Hauptwerk. Die Wissenschaftlerin Jeanette King betont den „anti-novel“-Charakter des ersten Bandes „Shikasta“.
Die Reihe kann man weiter in die Vergangenheit führen, als sie noch Kommunistin war, ohne darauf stolz zu sein, wie sie später sagt. 1956 war damit Schluß. Anti. Dinge wie Anti-Apartheid und Anti-Eurozentrismus blieben. Auch Frau Lessing sollte man einige Konstanten zugestehen.

Schubladen hat man ja dann doch irgendwie gern. Und so packt Lesley Hazelton sie in der New York Times 1982 gleich in drei schriftstellerische Phasen unter der Beeinflussung von: 1. Kommunismus 1944-1956, 2. Radikale Psychiatrie, späte 50er bis 60er, dann 3. Sufismus.

Neben Lessing 's buntem Strauß formaler Experimente stehen aber wiederum Kontinuitäten, wie sie o. g. Wissenschaftlerin beschreibt: Sie findet Lessing 's beliebtes Motiv zwiegespaltener Heldinnen sowohl in den 50ern in „Martha Quest“, mit dem sie die „Kinder der Gewalt“-Serie begründete, als auch im allein stehenden, grandiosen „The Good Terrorist“ von 1985. Lessing 's überbordend universellen und gleichzeitig facettenreichen Blick auf unsere Welt sieht sie in ihrer kolonialen Herkunft und ihrem Geschlecht. Sie befände sich „am Rande“ der Westeuropäischen Kultur (der Ansatz von Jeanette King 's Buch ist u. a. ganz klar ein feministischer).
Martha Quest 's Träumereien von Ganzheit und Einheit mit dem Universum sollen auch nochmal Würdigung finden in „Anweisung für einen Abstieg zur Hölle“ von 1971, in anderer Formulierung; hauptsächlich kommen wir mit dem Buch aber zum nächsten Anti. Radikale Psychiatrie und „anti-psychiatry“-Bewegung, deren Unterschiede hier nicht auseinanderklamüsert werden sollen, standen hoch im Kurs bei Doris Lessing. Die Radikale Psychiatrie geht anstatt einer individuellen Pathologie mehr von einer sozialen Pathologie aus. Sie sieht psychische Krankheiten als Rettungsanker des Patienten vor der Feindlichkeit der Gesellschaft. Das geht soweit, dass sie sich als politische Theorie psychischen Leids und als politische Praxis der Therapie sieht.

Die Rahmenhandlung von „Anweisung für einen Abstieg zur Hölle“ spielt 1969. Ja genau, Swinging London, l'année erotique, etc. Erotik gibt es keine im Buch, aber die Lust am Experiment, wie sie der Zeit eigen ist, gibt es unbändig. Stream of Consciousness, Cut-Up, Pop, Collage, sind die Schlagworte. Und wer mit denen nichts anfangen kann, darf sich jetzt wegklicken.
Haben Sie schon mal zwei Menschen zugehört, die gerade miteinander einen Bong geraucht haben, nachdem sie sich die Nacht davor - oder zwei - mit Hilfe von Amphetamin wachgehalten haben? Sie hätten keine Chance, an dieser Kommunikation teilzunehmen, aber Sie würden fasziniert mit offenem Mund zuhören. Denn die beiden verstehen sich prächtig und sind wie Ping-Pong-Spieler äußerst reaktionsschnell. Ein nüchterner Zuhörer schaut auf den Dialog wie durch eine massive Glasglocke. Es gibt Themensprünge, denn die beiden „ahnen“ sich gegenseitig voraus. Sie können ganze Blöcke auslassen, die in einer normalen Konversation nötig wären.
Keine Angst; bei Lessing hat man ja Buchstaben vor Augen, Schwarzes auf Weißem, und bestimmt die Lesegeschwindigkeit selbst. Aber tatsächlich ist das erste Drittel des Buches wie ein wilder Fiebertraum. Auf den muss man sich einlassen und gerät von Hektik in einen eigenen, angenehmen Lesefluss, schwimmt im Gedankenfluss von 'Jonas', eine der vielen Personifizierungen, die die Hauptfigur erfährt im Laufe des Romans, und schwimmt einfach; und fragt sich nicht warum man jetzt schwimmt oder wie schwimmen funktioniert. Dieses Drittel ist relativ sinnfrei und das ist wohl auch der Ansatz. Denn wir liegen sozusagen im Kranken-Bett des 'Charles Watkins', wie sich später herausstellt, der mit Amnesie in ein Londoner Krankenhaus eingeliefert wurde. Sich abwechselnde Ärzte versuchen mit Medikamenten und Elektroschocks an ihn ranzukommen. Doch die Geschichten, die er ihnen auftischt erinnern mal an die Odyssee, mal an die Ilias und mal gehört der Patient einer erlauchten Auswahl der Personifizierungen der Planeten unseres Systems und der Sonne selbst an... Die Dame 'Minna Erve' (Minerva) und Herr 'Merk Ury' (Mercury) schauen not amused auf das Treiben der Menschen auf der Erde, auf die Verseuchung der Meere, das regelmäßige Sich-Abschlachten und die Umwandlung der Atmosphäre in Giftgas. Umweltschutzbewegungen sind erst zu Anfang der Siebziger am Entstehen und es ist mal wieder das Vorrecht der Science-Fiction-Literatur, Dinge auf's Tapet zu bringen, die sonst noch niemand für wichtig hält.

Watkins versucht an seiner Innenwelt festzuhalten, doch durch die Konfrontation mit jüngsten Briefwechseln mit seinen Verwandten, Freunden und Kollegen muss er sich langsam wieder der Realwelt vor seiner Krankheit stellen. Mit dem Kunstgriff der Briefe und der Dialoge sieht der Leser, aus welchem Spannungsfeld heraus Watkins in seine Psychose abdriftete.

Watkins Krankheit erscheint dabei mehr archetypisch denn individuell. Lessing passt eben doch in keine einzige Schublade, denn dass sich unser Bewusstsein verändern muss, bevor sich die Gesellschaft verändert, ist konträr zu Marx und wohl eher sufistisch... Das macht die Frau so großartig, egal von was sie sich vermeintlich in ihrem Leben beeinflussen lässt: Sie schreibt jederzeit höllisch gute Bücher.

Besprochene Ausgabe: Bertelsmann Lizenz Fischer | 1981 | 286 Seiten | Festeinband* | € vergriffen
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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