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- Alfred und Emily

(2008) - Orig.: Alfred and Emily (2008), engl.
„Erzähl uns eine Geschichte!“
Das fordern Horden von Kindern von Doris Lessings Mutter Emily in einer fiktiven Biografie. Die Grande Dame Doris Lessing hingegen hat es immer noch drauf, den Erwachsenen Geschichten zu erzählen. Und erfindet die neue Buchform „Alternative Biografie mit Fotos, Erläuterungen und echten Erinnerungen“.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin * 28.11.2008
Doris Lessing - Alfred und Emily
Zoom Doris Lessing - Alfred und Emily

Da erzählt jemand von den zwei größten Ungeheuerlichkeiten, den größten Monstrositäten des Zwanzigsten Jahrhunderts, den beiden Weltkriegen, aus nahezu Erster Hand. Es ist die 1919 geborene Grande Dame der Literatur Doris Lessing. Sie tut es indirekt, indem sie die seelischen Schäden beschreibt, der ihr nahestehenden Leute, die zwischen den Kriegen oder nach dem Zweiten versuchen, etwas zu verarbeiten, was nicht verarbeitet werden kann. Lessings Bruder etwa, der im Zweiten Weltkrieg zwar den Untergang eines Kriegsschiffes überlebt, aber Jahre später in einem selten klaren Moment zu seiner Schwester sagt: „Weißt du Tigs [Kindername Lessings], für den größten Teil meines Lebens gilt: Ich bin einfach gar nicht da gewesen.“

Alfred und Emily sind allerdings die Eltern Lessings. Und für die beiden denkt sich Lessing eine Alternative Realität aus: Der Erste Weltkrieg findet nicht statt. Das ist etwa die Hälfte des 300 Seiten umfassenden Buches. Die andere sind Erinnerungen und eindrucksvolle Fotos von dem, was wirklich war. Es sind die von Lessing selber wahrgenommenen Zwanziger, Dreißiger und Vierziger Jahre in Persien und Rhodesien, immer wieder mit Rückbezügen auf diesen Ersten Weltkrieg, der den Vater körperlich und seelisch unheilbar verwundet und die Mutter seelisch. Während der Vater den Schmerz über die gefallenen Kameraden, die „prächtigen, feinen Kerle“, von denen er als einziger überlebt, mit sich herumträgt, scheint er nach aussen hin ein ausgeglichener, umgänglicher Mensch gewesen zu sein. Mit ihrer Mutter hadert Doris Lessing Zeit ihres Lebens. Sie fühlt sich von ihr erdrückt und kann sich erst emanzipieren, als sie nach England zieht. Vier Jahre lang hat die Mutter in einem der größten Londoner Krankenhäuser als Schwester Soldaten sterben sehen. Immer kurz nach den großen Schlachten auf dem Kontinent waren alle Londoner Krankenhäuser in Alarmzustand. Welch perverse Kopplung an den geplanten Tod.

In ihrer Alternativen Biographie bekommt Emily gar keine Kinder. Typisch Lessing, könnte man meinen, denkt man an bitterböse Bücher von ihr wie „Das fünfte Kind“ oder „Ben in der Welt“. Aber natürlich baut Lessing für ihre Eltern keine völlig perfekte Roman-Welt auf. Gerade für Frauen bietet die post-edwardianische Ära in Großbritannien nicht gerade alle Möglichkeiten um rundum glücklich zu werden. Doch lässt Lessing auch Ansätze einfliessen, die implizieren, dass sich die gesellschaftlichen Krusten und Erstarrungen auch ohne den Holzhammer des Ersten Weltkrieges aufgesprengt hätten. Der ökonomische und soziale Wandel war ja schon seit der Jahrhundertwende in vollem Gange. Im Roman trägt Emily tatkräftig dazu bei, dass der feiste Wohlstand dieser Ära auch bei den unteren Schichten ankommt. Sie gründet eine neue Form von Schulen und verbreitet diese übers ganze Land.

Alfred wird Farmer in England, nicht in Rhodesien, wie im wirklichen Leben. Die Farm in Rhodesien war immer als Übergangsstadium gedacht. Die Kolonialverwaltung lockte Farmer oder Leute, die es werden wollten, in die Kolonien, schon vor dem Krieg. Viele waren zu Wohlstand gekommen. Als Doris Lessings Familie 1924 nach Rhodesien zieht, endet der Traum in Plackerei. Ihre Eltern haben zu wenig Erfahrung und in England tritt Rezession ein. Alfred und Emily werden nicht mehr nach England zurückgehen. Das Leben, das Lessing im zweiten Teil des Buches beschreibt, mildert allerdings oft dieses zu Anfang harsch geäußerte Urteil. Die Farmer waren ja stark, heute würde man sagen, subventioniert. Sie gehörten zur weißen Mittelschicht. Doris und ihrem Bruder fehlte nichts hinsichtlich Bildung - dicke Bücherpakete kamen regelmäßig aus England -, vielfältiger Nahrung im Überfluss - Lessing beschreibt sehnsüchtig Gerichte, von denen man heute gar nicht mehr die Zutaten zusammenbringen würde - und dem Naturerlebnis: dem meilenweiten Blick in alle Richtungen von dem Hügel aus, auf dem das Haus stand.
Trotzdem: Emily hatte abgelehnt zu studieren; ein Angebot ihres Vaters, das sie ausschlug, nach Doris ' Meinung nur aus Trotz gegenüber ihm. Zudem war sie begnadete Pianistin. Man sagte, sie könne eine Zukunft als Konzertpianistin einschlagen. Im Roman wie im wirklichen Leben wird sie Krankenschwester. Es ist nicht erkenntlich, ob Doris Lessing aus Dünkel heraus ihrer Mutter Übel nimmt, nicht nach „Höherem“ gestrebt zu haben und zu welchem Anteil sie hiermit die spätere Unzufriedenheit der Mutter begründet und wieviel sie die seelischen Schäden aus dem Krieg verbunden mit denen ihres Mannes hierfür verantwortlich macht.

Der Erste Weltkrieg: Das war zu einer Zeit, als man noch sagte, jede Männergeneration müsse sich zumindest einmal in einem feinen, kleinen Krieg abgehärtet haben. In diesem Fall übersah man, dass man mittlerweile motorisierte Fahrzeuge, Giftgase, Aufklärungsflugzeuge und neue Stahl-Sorten hatte. Dass der Krieg ein „Stahlgewitter“ werden würde, zudem mit Gasgeruch - man hätte sich es denken können. Nur ausmalen konnte sich das niemand. Die Neugier, die Büchse der Pandora zu öffnen, überwiegte.
In Lessings Alternativen Realität nennen sich die Jungs der Zwanziger die „Überschussgeneration“. Zu lange Frieden. Sie suchen sich Kriege in fernen Ländern als kleine Abenteuer.

Alfred und Emily erleben zwei Kriege. Als gegen Ende des Zweiten Weltkriegs etwa zehn gestrandete RAF-Soldaten in Emily 's Haus in Rhodesien untergebracht sind, sitzt sie mit ihnen am Klavier. Sie singen zusammen Lieder, in denen es meistens darum geht, dass die Liebste, die man vor dem Krieg noch hatte, garantiert nicht mehr zuhause auf einen wartet. Auch Lili Marleen spielen sie oft.

Ein großes Buch, ein Vermächtnis auch an alle unzähligen Menschen des Zwanzigsten Jahrhunderts denen es erging wie Alfred und Emily und deren Kindern und über die keine Bücher geschrieben werden.

>>> Mehr Bücher im Genre Alternative Realität ...

Besprochene Ausgabe: Hoffmann und Campe  |  2008

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