"Er ist ein Mover und Shaker, verdammt noch mal, das heißt, ihn können ALLE mal", lebt in einem Patrick-Bateman-mäßigen Appartement, sein fünfflammiger Gasherd ist noch nie benutzt worden - er ist der Restaurant-Typ, isst jeden Abend woanders -, 'Gruber', John Gruber, Schwester 'Kathi' scheint die Einzige, die ihm irgendwie ebenbürtig ist, alle anderen sind in Grubers Augen Spießer, die Frauen gar eine Art Untermensch.
Ja, der ist Hauptfigur in "Gruber geht". Und klar, er wird nicht durchgängig der volle Unsympath bleiben; niemand würde das Buch zu Ende lesen. Zudem, und fast "vollumfänglich" - ein Lieblingsadjektiv von Autorin Doris Knecht - speist sich "Gruber geht" aus den ganzen Nebengeschichtlein um Personen, die den gänzlich konträren Lebensentwurf von Gruber ihr Eigen zu nennen scheinen. Ein Illusionsaufbau, ein Kaleidoskop der Möglichkeiten, in dem sich Mensch verirren und verwirren kann. Letztlich gibt die Knecht nicht vor, irgendeine Wahrheit parat zu haben, bezüglich dem Umgang mit dem Leben. Freilich, gegen Ende gibt sie eine leichte Präferenz preis in Richtung ...
Da ist etwa 'Ruth', siebenunddreißig, Berlinerin und beste Freundin von DJane 'Sarah'. Gynäkologin, und also angehörig dieser angeblichen Sorte Akademikerin, für die es zu schwierig ist, einen Partner zu finden, der von Witz und Intellekt her passt und es gleichzeitig verknusen kann, eventuell weniger zu verdienen als Frauchen. Da ist bei Ruth was dran, wenngleich das immer vorgeschoben scheint: Sie lauert nach wenigen Monaten in einer neuen Beziehung auf Anzeichen, dass der Neue nicht hundertprozentig perfekt ist - und macht alsbald Schluss. Da ist schlichtweg kein Wille da, sich in was Endgültiges zu begeben. Denn welche ultimativ anerkannte Wahrheit sollte auch dazu drängen?
Für Gruber, finanziell erfolgreich, ist Sex kriegen eher genauso Sport wie seine Fitness-Center-Besuche. Der Wiener, charmant und gutaussehend, kann sich's raussuchen. So hat er einige ihm sowieso permanent zugeneigte Frauen in petto, wie "die Herzog", die er sich für kargere Zeiten aufspart. An seine von ihm selbst forcierten Eroberungen verliert er nach dem Akt kaum mehr als für wenige Tage Gedanken. Er denkt immer nach vorn, niemals könnte er sich in einer Art Gegenwart einrichten, und er denkt global. Freundin 'Carmen', in Bejing tätig, ist die, der er sich noch am ehesten öffnet mit alltäglichen Gedanken und Sorgen in elektronischer Kommunikation. Vielleicht deswegen, weil sie so weit weg ist. Für Schwager 'Tom' hat er nur Zynismus übrig, und von den drei Kindern die der zusammen mit Schwester Kathi hat, kann er sich immer höchstens zwei Namen merken.
Und bei solchen Situationen schlägt die Waage auch mal gerne um. Genüßlich seziert Doris Knecht dann die Scheinwelt derer, die in wohlgeordneten Bahnen leben. In Augen Grubers, der nicht den ganzen Roman Arschloch bleiben wird, sind Kathi und Ehemann Tom, den er nur "der Spießer" nennt, und die drei Kids "so happy together, [man] macht soviel wie möglich miteinander, auch wenn's in Wirklickeit allen total am Arsch vorbeigeht."
Auf so einen nun, den Gruber, trifft Berliner DJane Sarah, auch schon Ende dreißig. Da sind schon die ganzen Randbedingungen, zwischen denen man aufeinandertrifft herrlich abgesteckt. Unzähliges an Wiener Gastronomie kriegt man um die Ohren geschmissen sowie gewaltiges - und gerechtfertigtes - Berlin-Bashing. Am etwa 240 Seiten dicken Roman liest man lange, da man Knechts Sätze einzeln inhaliert und nicht nur überfliegt. Die schönen Schlagabtäusche mit Schwester Kathi in abgehangenem Schmäh - denn die hatte auch ihre faustdicken Zeiten im Leben -, der Innere Monolog Grubers, eines Wieners, "So geschmeidig, so elastisch irgendwie, diese unglaubliche Fähigkeit, sich um sein Gegenüber herumzuwickeln", eine sterbende Wiener Aristokratin, auf die man "kalmierend" einwirken muss, weil sie ihr "Bezahlpersonal aus den ehemaligen Kronländern" ständig fertigmacht.
Doris Knecht lässt ihrem Gruber nun also DJane Sarah zustoßen und noch etwas anderes. Jetzt passieren ganz "gruberunübliche" Dinge, die Knecht führt gerne Worte zusammen, einfach so wie im stets verkürzenden Angelsächsischen. Es knattert und hämmert. "Gruber geht" ist ein Buch, das raucht. Doris Knecht ist gottseidank eine Intellektuelle, die nicht drüber nachdenkt, wie sie den nächsten Satz schreibt, sondern einfach tut.
Besprochene Ausgabe: Rowohlt Berlin | 2011 | 240 Seiten | Festeinband* | € 16,95
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
2. Jonas-Philipp Dallmann: Notschek (2011)
3. Gavin James Bower: Dazed & Aroused (2009)
4. Ron Leshem: Der geheime Basar (2011) - Orig.: Megilat zchujot hajareach (2009), hebräisch
Janne Teller:
Komm
Hanser, Festeinband
Sepp Mall:
Berliner Zimmer
Haymon, Festeinband
Martin Amis:
Die schwangere Witwe
Hanser, Festeinband
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
suhrkamp nova, Broschur
Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
Arche, Festeinband
sf magazin lebt von Werbung. Sie haben keine Berechtigung, diese Site mit eingeschaltetem Ad-Blocker (Werbeblocker) zu surfen!
>>> Mehr Info ...