Fachliteratur hatte es bis dato genug gegeben zu einem der unglaublichsten Fälle der Kriminalgeschichte. Der Nachname der italienisch-stämmigen US-Amerikanerin hatte bald den Fachbegriff Genovese-Syndrom - auch Bystander-Effekt benannt - geprägt. Die "Bystander", das sind Menschen, die einem Ereignis beiwohnen, ohne direkt daran beteiligt zu sein. In vielen Versuchen, unter anderem des Sozialpsychologen Stanley Milgram (bekannt durch sein Milgram-Experiment zur Authoritätshörigkeit), wurde geschaut, wie sich ein Individuum oder mehrere verhalten, wenn Hilfe gefordert ist. Erschreckend: Umso mehr Versuchspersonen zur Hilfe aufgefordert werden, umso weniger passiert eigentlich, die Verantwortung "diffundiert", wie es die Wissenschaftler B. Latané und J. M. Darley ausdrücken. Für Catherine Susan Genovese, genannt Kitty, bedeutete dieses Verhalten einen qualvollen Tod, der sich über etwa vierzig Minuten hinzog.
In den Originalen erscheinen im Jahr 2009 gleich zwei True-Crime-Romane zu Kitty, beide parallel zu Deutsch im März 2011. Beiden gemein ist das tiefe Mitgefühl und die Ehrerweisung gegenüber dem im Alter von 29 Jahren ermordeten Opfer. Das sollte bei jedem Mordopfer selbstverständlich sein. Doch der Fall Kitty hebt sich heraus, weil er verwoben ist mit der Gesamtheit menschlicher Schwäche - zumindest einer Schwäche von 38 anderen Personen. Der eigentliche Mörder Kitty's tritt hierbei tatsächlich eher in den Hintergrund.
Der junge US-Amerikaner Ryan David Jahn nutzt in seinem "Ein Akt der Gewalt" (zur Buchbesprechung ... ) den Genovese-Fall, um gleich ein ganzes Sittengemälde eines düsteren Früh-Sechziger-Zeitraums zu entwerfen. Er legt sein Schwergewicht auf das Panoptikum der Rand- und doch Hauptfiguren der Mordnacht. Der altgediente Franzose Didier Decoin umreißt das Unfassbare mehr durch Konzentration auf Kitty und ihren Mörder, dem Trick eines fiktiven Erzählers, der gegenüber von Kitty wohnt, aber kein Bystander war, sowie - auch dies freilich stilistisch formvollendet - durch die Detailliertheit in der Skizzierung der konkreten Gewalttat.
Auf Betreiben des damaligen New Yorker Polizeichefs sowie des Chefredakteurs der New York Times - die beiden waren befreundet - bringt die Times einen gründlich recherchierten großen Artikel über den Fall. Übereinstimmend mit den Polizeiprotokollen ergab sich, dass die meisten der vernommenen 38 Zeugen, die etwas gehört hatten im Umfeld des Wohnhauses vor dem Kitty angegriffen wurde und in dem sie später getötet wurde, ihre Schreie als Hilferufe interpretierten. Einige reagierten, jedoch nicht in ausreichendem Maße. Didier Decoin zitiert einige typische Aussagen. "Eine Frau gab zu, ihr Mann und sie hätten bis zum Schluss aus dem Fenster geschaut, und sie erklärte, sie habe ihrem Mann, der geneigt war einzugreifen, untersagt, sich in Dinge einzumischen, die ihn nichts angingen." Noch grotesker, ein Mann, der zugab, er habe das Radio lauter gedreht, um das Geschrei nicht mehr hören zu müssen. Ein Mit-Hausbewohner von Kitty schließlich hätte diese eventuell noch schwer verletzt retten können, wenn er sich nicht erst in falsch verstandener Auslegung von Privatheit bei einer Freundin telefonisch Rat geholt hätte, was er tun soll. Dann ruft er in einem zweiten Schritt seine Nachbarin an. Erst die verständigt die Polizei. Eine spätere Auswirkung des Falles war die Einrichtung der "911"-Notfallrufnummer; davor musste man erstmal die Nummer der örtlichen Dienststelle rausfinden.
Einfühlsam geht Didier Decoin auch dem kurzen Leben und den Plänen von Catherine Susan Genovese nach. So wollte sie mit ihrem Job als Abend-Geschäftsführerin einer Bar genügend Geld zurücklegen, um eines Tages zusammen mit ihrem Vater ein italienisches Restaurant im beschaulichen New Canaan, Connecticut, zu eröffnen. An diesen verheißungsvollen Ort wird sie nicht mehr ziehen.
Besprochene Ausgabe: Arche | 2011 | 240 Seiten | Festeinband* | € 19,90
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