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Dean Motter - Mister X - Gesamtausgabe: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Mister X - Gesamtausgabe

(2013) - Orig.: Mister X: The Archives (2008), engl.
"Das Ding des Bekloppten"
Dean Motter nennt es in seinem "Mister X" Psychotektur, und die Stadt Radiant City. Architekt Le Corbusier wollte einfach nur Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen, mit seiner Cité radieuse.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 11.02.2014
Dean Motter - Mister X - Gesamtausgabe
Zoom Dean Motter - Mister X - Gesamtausgabe

Letztere gibt es wirklich, erbaut 1951 in Marseille. Ein recht großer Wohnklotz, für etwa 2.000 Leute, von dem die Marseiller, einfach so aufs freie Feld hingesetzt, erstmal gar nicht begeistert waren. "Das Ding des Bekloppten", nämlich Le Corbusiers, nennen sie es. Die Sicht hat sich gewandelt, und einst als bezahlbarer Wohnraum geschaffen, ist es heute hipp geworden, dort zu residieren.

Kein Wunder. Denn was direkt nach dem Krieg, als doch jeder biedermeierisch sich auf das Altbewährte besinnte, ungewohnt und gewagt schien, war freilich von Anfang an avantgardistisch, und wird es noch lange bleiben. Da gehen die Appartements über zwei Stockwerke, eines durch die ganze Tiefe des Gebäudes, das andere zumindest zur Hälfte, angrenzend an den Versorgungsgang. Gang? Le Corbusier nannte sie Straßen und jede Wohnungstür ist in einer anderen grellen Farbe beleuchtet. Offene Treppe, offene Küche, Fenster über die gesamte Fassadenbreite, zwei Balkone, Kindergarten auf dem Dach ...

Das ganze natürlich konstruiert nach den Maß-Prinzipien seines "Modulors" - ein Harmoniesystem, das sich nach typischen Maßen des menschlichen Körpers richtet, sitzend, stehend, lehnend etwa. Der Comic-Künstler Dean Motter geht die Sache rekursiv an: Kann eine absichtlich falsch gestaltete Stadt aktiv Einfluss auf die Psyche ihrer Bewohner nehmen!?

Vielleicht gibt es tollere Szenaristen als Dean Motter, den Erfinder von "Mister X", und auch tollere Zeichner als die Konsorten, mit denen er sich umgab - Seth, die Gebrüder Hernandez oder Paul Rivoche. Doch haben sie in ihren zwischen 1984 und 1989 erschienenen 14 "Mister X"-Bänden wohl genau den damaligen Zeitgeist getroffen. Ihre Radiant City ist ein retro-moderner Moloch, ein wilder Mix aus Art Déco, Futurismus und Expressionismus. Die breiten Schultern der Klamotten liehen sich die Zeichner aus der vorherrschenden Pop-Kultur des New Waves. So wie der sich schon die Wasserwellen der Frisuren aus den Zwanzigern entliehen hatte.

Nun also eine fiktive Stadt mit ihren Magnaten, Politikern und Gangstern vor dem realen Hintergrund eines Achtziger-Jahre-Turbokapitalismus, der die ärmeren Schichten niederwalzt, bis sie als "Cop Killer" (Ice-T) in den Neunzigern beginnen werden, die Städte aus Protest zu zerlegen ... Kein Superheld kommt daher, sondern ein zerrissener Ex-Architekt, der aus der einst von ihm mit erbauten Stadt flüchten musste, um jetzt zurückzukommen, um zu retten, was zu retten ist. Er nimmt mehr Drogen als Sonny und Crockett aus Miami Vice jemals beschlagnahmen könnten, um sich ständig wachzuhalten, denn "es gibt so viel zu tun und so wenig Zeit dafür", für ihn, für "Mister X". Mit den Kollegen begründete er die Psychotektur, das Wissen um die Beeinflussung des Gemütszustands einer Person allein durch Formgebung und Größe eines Raumes.

Doch in Radiant City läuft das schief - oder soll schieflaufen? Sie ist zur "Somnopolis" verkommen, einer Stadt der Alpträume.

"Yolanda ist nicht die erste Person, die ich kenne und die von der Stadt -- zerstört wurde. So viele andere ... Ausser mir. Mich hat es nie getroffen",

sinniert eine Freundin von Mister X.

Im Stile des Hard-Boiled-Detectives, der öfters auf die Schnauze fällt, als Erfolg zu haben, schlägt sich Mister X mit Gangstern und korrupten Kommunalpolitikern rum, die die Sucht der Bewohner nach Schlaflosigkeit anheizen oder mit der schwerreichen Ehefrau des verschwundenen Architekten 'Walter Eichmann', sic!

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