Den Buchumschlag ziert das Bild eines windschiefen, klapprigen Verschlages in winterlich trüber Landschaft. Eine kluge Metapher, die ahnen lässt, hier geht es nicht um eine stabile und zuverlässige Vaterfigur, die feste Grundmauern errichtet, vielmehr: Es kann abenteuerlich werden. Und das wird es in dieser sehr wahrhaftig anmutenden, hoffnungstrüben Geschichte des 1966 in Alaska geborenen Autors. Dessen Vater nahm sich das Leben als David Vann dreizehn Jahre alt war. "Im Schatten des Vaters" wurde im Original als Erzählung im Band "Legend of a Suicide" veröffentlicht, der die direkte Verarbeitung dieses Traumas war, jahrelang nur Manuskript blieb und schließlich unzählige Buchpreise in den angelsächsischen Ländern und in Frankreich abräumte.
In der Geschichte, die Vanns französischer Verleger ebenso wie der deutsche Suhrkamp-Verlag herausgegriffen hat, bilden Vater 'Jim' und Sohn 'Roy' ein archetypisches Gespann. Der mehrfach geschiedene Vater überredet den überwiegend ohne ihn aufgewachsenen Sohn, mit ihm allein für ein Jahr lang auf einer abgeschiedenen südalaskischen Insel zu siedeln. Sohn Roy willigt ungern und eher aus Furcht um seinen Vater in das Wagnis ein, auch seine Mutter verhindert es aus Schuldgefühl nicht. In frühsommerlichen Tagen brechen sie auf. Ein romantisches Abenteuer, mit Angeln und Jagen, könnte man meinen. Doch dieser Vater ist auf die lange Zeit nur schlecht vorbereitet. Bereits die ersten Tage in der noch sommerlichen Einsamkeit verstärken das Gefühl des Sohnes, eher verantwortlich für den Vater zu sein, als sich auf dessen Handeln verlassen zu können.
"Roy kam der Gedanke, dass Baumfällen hier vielleicht gar nicht erlaubt war, weil es sich um eine Art Nationalpark handelte, aber er sagte nichts. ... Wir haben nicht das richtige Werkzeug. Nein, sagte Roy. Wir müssen einfach die Axt und die Säge oder so was nehmen. Was nimmst du normalerweise für Bretter? Keine Ahnung, irgendetwas, was wir nicht haben."
Meisterlich einfach und in messerscharfen Sätzen schildert David Vann wie der unkoordinierte, unsichere Jim und sein Sohn den notwendigen, anfallenden Aufgaben in und um das immerhin recht stabile finnische Holzhaus meist linkisch nachgehen. Näher bringt das Vater und Sohn nicht. Umgeben von Zedern, Urwaldgehölz und Bergen mit Blick auf die kalte See, angeln oder jagen sie ihr Abendbrot, müssen sich vor plündernden Bären schützen und, um überhaupt heizen zu können, feuchtes Holz trocknen. Ein Funkgerät bietet nur unbefriedigenden Kontakt zur Außenwelt. Den arbeitsamen Tagen folgen wortkarge Abende und für Roy besonders bedrängend, die immer wiederkehrenden durchweinten Nächte des Vaters. Der, wenn er mit seinem Sohn spricht, ihn häufig mit selbstmitleidigen und offenbarenden Wahrheiten der eigenen Vergangenheit belastet.
Je weiter die Zeit voranschreitet, um so mehr ist Jim, der Vater, nur mit sich beschäftigt, ist abwesend, obschon er körperlich da ist. Für Roy und seine Bedürfnisse bleibt da kein Raum mehr. Roy fühlt sich alles andere als wohl. Er will weg, doch unbewusst manipulativ drängt der Vater ihn zu bleiben. Er bleibt, zu groß ist die Angst, sein Vater könnte sich töten.
Das unberechenbare, selbstbezogene Verhalten des Vaters "Ich brauche eine belebte Welt, und sie muss sich auf mich beziehen", nimmt Roys ganze Aufmerksamkeit gefangen. Sein Dasein richtet sich nur noch nach Jims Handeln aus.
Mit immer weniger werdenden Gedanken, die der Erzähler von Sohn Roy preisgibt, nähert sich die Geschichte dem unvermuteten, aber durchaus folgerichtigen Höhepunkt, der einer Schussfahrt unter ständigem Perspektivwechsel gleicht. Der Leser hat jetzt erst noch einen kompletten Albtraum vor sich, der durch David Vanns durchgängige Realismus-Komprimierung umso surrealer wirkt.
Besprochene Ausgabe: Suhrkamp | 2011 | 184 Seiten | Festeinband* | € 17,90
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