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Dave Hutchinson - Europe In Autumn: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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Europe In Autumn (2014), engl. (zu dt. noch nicht erschienen)
Schöne Grenzen
Dave Hutchinson 's sensationeller Agentenroman scheint altertümlich angehaucht, formal wie im Inhalt. Nicht von ungefähr, spielt er mit der heimlichen Sehnsucht nach Good Ole Europe. In Hutchinson 's naher Zukunft gleicht es wieder einem Flickenteppich.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 29.06.2014
Dave Hutchinson - Europe In Autumn
Zoom Dave Hutchinson - Europe In Autumn

'Rudi' ist chef. Küchenchef in einem Krakauer Restaurant. Die "Ungarn" belegen eines Abends unsanft einen nicht für sie reservierten Tisch. Lärmpegel und herumfliegende Gläser und Essensreste haben schnell alle anderen Gäste vertrieben. Besitzer 'Max' bleibt besonnen und lässt weiterhin zuvorkommend bedienen. "Good fuck cook", lässt der Boss der Mafiosi-Bande beim Gehen verlauten, und mit seinem dicken Bündel Geldscheine sind die Schäden am Restaurant mehr als wett gemacht. Warum hast du nicht unseren Schutzdienst benachrichtigt, fragt chef Rudi. Es hätte ein Blutbad gegeben, erwidert Besitzer Max. Diese Szene in Dave Hutchinson 's "Europe In Autumn" zeigt vielerlei: Das überragende Buch hat es an keiner Stelle nötig, Gewalt zu zelebrieren, es überlässt die Vorstellung davon, was passieren könnte, dem Leser. Es bleibt stets ein Geheimnis um die Handelnden - woher weiß Max, dass er ab jetzt nicht jeden Abend Scherereien hat? Ja, wie hat er überhaupt gelernt, eine solche Situation einzuschätzen? Und nicht zuletzt die Frage: Warum führt Dave Hutchinson genüßlich und mit trockenem Humor, den Esten Rudi, jetzt gestrandet in Polen, mit soviel Beiläufigem, fast Banalem, ein, mit vielen Zoten und Geschichtlein aus seinem Werdegang, oder mit augenzwinkerndem Einblick in die harschen armeehaften Zustände der gehobenen Küchen? Ja, natürlich, er soll Plastizität erhalten, dieser Rudi. Aber auch keine einzige der Personen, denen er begegnet, wird nur eine ausschmückende Rolle in "Europe In Autumn" haben ...

Akkurater, wohlgeformter und gewundener ist ein Spionage-Buch kaum zu schreiben. Weitere Faktoren nähren seine Faszination: Es spielt zwar in einer nahen Zukunft in einem bereits wieder in Partikularstaaten zerfallenen Europa, doch durch diesen Rückschritt müssen auch die Methoden der Schatten- und Geheimdienste wieder altertümlich wirken. "Sanjaks. Margravates. Principalities. Länder. Europe sinks back into the eighteenth century", fasst es jemand aus der Krakauer Unterwelt zusammen. Mehr Territorium für euch, entgegnet Rudi, der chef. Nein, gleiche Fläche, aber mehr Grenzen, also Vermehrung aller potentiell damit zusammenhängenden kriminellen Aktionen ... Dave Hutchinson verschränkt und verdrillt gegenläufig Futur und Präteritum, das eine schimmert durch das andere.

Rudi gerät hinein in die Schattenwelt der "Coureurs des Bois", die sich freilich als Dienstleister am Wohle aller Europäer sehen. Rudi reist durch einen Flickenteppich an "pocket nations". Seine erste Mission besteht simpel aus dem Treffen mit einer Person im um Oppeln und Breslau gegründeten "Unabhängigen Schlesischen Staat Hindenberg", eine glitzernde Enklave voller Luxus. In der "Beskid Economic Zone", einem Skigebiet, das einzig und allein von reichen polnischen Touristen lebt, soll er sich mit einem "Package" treffen. Die Coureurs lieben die altmodische Nomenklatur der Agentenwelt mit ihren Euphemismen; das Aufbauen von "legends", die "stringers", die kleine Mosaiksteinchen zu den Legenden der Agenten hinzufügen - etwa eine Wohnung mieten, ein Bahnticket kaufen, einen Strafzettel kassieren -, die "pianists", das sind die Hacker, die "tailors", die "cobblers", die Dokumente fälschen.

Dave Hutchinson treibt das Prinzip des McGuffin ans Äußerste. Seine Agenten wissen nie, warum sie jemanden treffen, was die Nachrichten bedeuten, die sie übermitteln, was die Aktentaschen beinhalten, die sie übergeben. Der Leser ebenso wenig. Warum funktioniert sein Buch trotzdem oder gerade deswegen so sensationell gut? Noch im letzten Zehntel des Buches tun sich Kapitelanfänge auf, bei denen man das Gefühl hat, mit einem komplett anderen Buch zu beginnen, um ein paar Seiten später wie mittlerweile von Dave Hutchinson gewohnt, die ersten herunterhängenden losen Enden in Griffweite zu bekommen, dann mehr und mehr, und schließlich wohlig und auf höherer Ebene wieder in den Fluss der Geschichte eintauchen zu können. Ereignisse, die fesselnd und gleichzeitig beiläufig wirkten, Jahre her in Rudis Leben respektive hunderte Seiten für den Leser, werden wieder in neuem Licht erscheinen, Personen werden wiederkommen. Das Banale ist nie banal. Es birgt eine Dichte und Spannung, deren Herkunft gar nicht zu eruieren ist. Wenn der Leser gar nicht artikulieren kann, mit welchen Mitteln Dave Hutchinson diesen Sog des Buches erzeugt, dann hat der Autor gewonnen, es ist ganz große Literatur.

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Besprochene Ausgabe: Solaris  |  2014  |  330 Seiten  |  Broschur*  | 

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