Als Cory Doctorow's Vater jung war, in den Sechzigern, war er eher gegen den Strich gebürstet. Er behauptete, Computer - damals so groß wie ein Schrank - seien eine gute Sache. Der Tenor in der Studentenschaft handelte dagegen von der Entmenschlichung der Gesellschaft, ihrer „Verlochstreifung“. Man trug Anstecknadeln mit der Aufschrift „STUDENT: DO NOT BEND, SPINDLE, FOLD OR MUTILATE“ in Anlehnung auf den Warnhinweis auf jeder Lochkarte. Computer würden den Autoritäten dienen, das Volk besser zu reglementieren und zu beugen.
Als Cory Doctorow selbst 17 war, lernte er Computer als Medium kennen, das Freiheit bedeutete. Schon immer Aktivisten-Gruppen zugeneigt, war er begeistert, wie einfach es geworden war sich zu organisieren, auf Knopfdruck dutzende Gleichgesinnte zu erreichen oder zu sehen, wie sich die Revolutionen im ehemaligen Ostblock ausbreiteten, mit Hilfe der Vorläufer des WWW.
Für die heutigen 17-Jährigen kommt der Alptraum der autoritären Gesellschaft aus den Sechzigern wieder zurück, meint Doctorow im Vorwort seines Buches. Die verführerischen kleinen Gadgets in ihren Hosentaschen und ihre vernetzten Spiele-Konsolen verzeichnen jede ihrer Bewegungen, zäunen sie ein und berauben sie systematisch der Freiheiten, von denen Doctorow als junger Erwachsener noch so rege Gebrauch gemacht hat.
Doctorow, einst Kanadier, zeitweise in den USA lebend und jetzt Londoner, wird in seiner neuen Heimat durchschnittlich 500 Mal pro Tag fotografiert. Die Begehrlichkeiten der Briten nach DNA, Fingerabdrücken und Videomaterial, am liebsten schon von Fünfjährigen mit auffälligem Verhalten, wie der Scotland-Yard-Chef forderte, ängstigen ihn und seine Familie.
Dennoch lässt er seinen Roman in San Francisco spielen. Und erzählt über eine Welt in der jegliche abweichende Meinung mit der Parole „Terrorism! 9/11! Terrorism!“ erdrückt werden kann.
Leidenschaftlich und patriotisch - diese Form von kritischem Patriotismus, die nur der US-Amerikaner kennt (Doctorow lebte auch in San Francisco) - fordert er den Leser im Vorwort auf, sich die Güter aus der Bill of Rights zurückzuholen, nämlich die Würdigung der Privatheit, das Recht, einfach in Ruhe gelassen zu werden und seine wildesten Ideen ausleben zu können, vorausgesetzt, man schädigt niemanden.
Man könnte - das ist das Gute und Schöne an politischer Science-Fiction-Literatur - eine ausufernde Rezension schreiben, die sich entlang hangelt an brennenden Themen wie Vorratsdatenspeicherung, RFID-Chips, Außerordentliche Auslieferung, Guantanamo und an den alten, allzu leicht vergessenen, hässlichen, wie Radikalen-Erlass und Raster-Fahndung oder fragen, wer sich erinnert, was der kaum sieben Jahre alte U.S.A. P.A.T.R.I.O.T. Act eigentlich ausgeschrieben heißt.
Man kann aber auch sehr einfach schreiben, dass uns „Little Brother“ lehrt, uns zu erinnern, was Privatheit heißt.
Die scheinen wir leichthin nicht mehr wichtig zu nehmen. Doctorow macht uns spielend bewusst, mit welchen Gehirnwäsche-Methoden wir akzeptiert haben, unser Innerstes, unser Intimstes - sobald wir es auf elektronischem Wege austauschen - preiszugeben. Auch die Privatheit unserer Wege und Aufenthaltsorte gleitet uns immer weiter aus den Händen.
Es brauchte einstmals viel Platz und Personal, um Überwachungsdaten auszuwerten. Heute ist Speicherplatz billig, im Übermaß vorhanden, und was früher noch nahezu händisch in der Raster-Fahndung gerastert wurde, kostet einen Bruchteil von Sekunden. Internet Service Provider in Deutschland müssen zum 01.01.2009 (EU: 15.03.2009) jeden Verbindungsvorgang ihrer Kunden für sechs Monate speichern sowie E-Mail-Kopf-Daten. Der E-Mail-Header enthält auch den Betreff. Es kann also schon bei dieser Stufe des Gesetzes nicht davon die Rede sein, dass keine Inhalte gespeichert werden. In Italien ist die Begehrlichkeit schon weiter: Dort werden SMS-Daten gespeichert, d. h. auch deren Inhalte. Dies läßt sich technisch gar nicht vermeiden.
Nicht nur kann man allein aus den Kopf-Daten einer EMail auf deren Inhalt schließen, sondern wenn ich weiß, auf welchen Seiten Du surfst, sagst Du mir, welch ein Mensch Du bist. Doctorow's Roman-Held erklärt an einer Stelle, niemand würde sich freiwillig auf einer gläsernen Toilette mitten auf dem Times Square entleeren. Warum? Nicht weil man sich dafür schämen müßte, sondern weil es etwas Privates sei. Dies entkräftet das oft gehörte Argument, jemand, der sich nichts zu Schulden kommen ließe, brauche doch keine Abhörmaßnahmen zu fürchten. „The National Security Agency has illegally wiretapped [verwanzt; zum Abhören verdrahtet] the entire USA and gotten away with it.“, so Doctorow.
Marcus, ein 17-Jähriger in San Francisco, macht sich darüber keine tiefschürfenden Gedanken. In einer nahen Zukunft ist es für ihn eher Sport, die überbordenden technischen Überwachungsmaßnahmen an seiner Schule auszutricksen. Da kann man die 'Haltungs-Erkennungs-Software', die durch Kameras auf jedem Schul-Flur gefüttert wird - Gesichts-Erkennung wurde immerhin verboten - aus dem Tritt bringen, indem man sich ein bisschen selbst quält und sich Kieselsteine in die Schuhe schüttet. Den RFID-Chip (Radio Frequency Identification) im vergessenen Bibliotheksbuch will man nicht überschreiben, da das Buch sonst nicht mehr zuordbar wäre. So haut man es 30 Sekunden in die Mikrowelle. Der Schüler kann nicht mehr geortet werden und bei Rückgabe des Buches sind die Mitarbeiter gezwungen, es neu zu katalogisieren. Das Betriebssystem der kostenlos verteilten 'SchoolBooks' - Laptops -, ist „das antiquierte WindowsVista4Schools, das die Schulbehörde in der Illusion wiegen soll, sie könne kontrollieren, welche Programme die Schüler am laufen haben.“ Natürlich läßt man in einer eigens abgesicherten Schicht alle möglichen Programme laufen. Die Aufzeichnung jeder einzelnen Aktivität im Internet umgeht man mit 'IMParanoid'. Eine Boot-DVD ist im Umlauf, die beim Start die Integritätstests der Schulbehörde abblockt.
Schwänzt man die Schule, hat man's auch nicht leicht. Ladenbesitzer sind gehalten, Fotos hochzuladen in die 'truancy [Schuleschwänzen] moblogs'. Da passiert es: Ein Terroranschlag mitten in San Francisco. Marcus und einige seiner Freunde sind zur falschen Zeit am falschen Ort und werden vom Department of Homeland Security als Terrorverdächtige verschleppt. Noch im ersten Viertel des Buches findet sich der Leser in der Haut Marcus' in klaustrophobischen Zuständen wieder, gefoltert, gedemütigt und in den eigenen Exkrementen schwimmend. Nachvollziehbar wird gezeigt, wie eine Person dazu gebracht werden kann, alles zuzugeben und alles aufzugeben. „They'd taken everything from me. First my privacy, then my dignity. I'd been ready to sign anything.“ Marcus kommt frei, beherrscht von einer Drohkulisse des DHS, die ihn zwingt, niemandem von seiner Festnahme zu erzählen.
Die Bürger arrangieren sich mit den elektronischen Chips in ihren Zug-/S-Bahn-Tickets, mit denen, die an ihre Autos geklebt sind, in etwa so funktionierend wie das LKW-Maut-System, nur so gut wie an jeder Straßenecke abgefragt, und mit den allgegenwärtigen Kameras.
Waren es im kontrovers diskutierten 80er-Jahre Filmklassiker „Die Rote Flut“ noch die anderen, von der anderen Seite, die von aufbegehrenden Jugendlichen wieder aus dem Land geschmissen wurden, so beginnt Marcus in „Little Brother“ eine Revolution gegen den Staat im Staat...
Dies ist alles höchst spannend aber unprätentiös erzählt, soll doch der Roman laut Doctorow vor allem Jugendliche erreichen. Die vielen Hacks und Modifikationen sind zum großen Teil heute schon durchführbar. Doctorow verweist auf mehrere Quellen im Netz. Dadurch und durch die allenfalls Near-Future-Atmosphäre erreicht der Roman eine hohe Authentizität.
In kleinen, eingeschobenen Exkursen eröffnet Marcus immer wieder Fakten aus der Geschichte San Francisco's, um dem Leser das kulturelle Erbe vorzuhalten, das aktuell mit Füßen getreten wird. Für den deutschen Leser ist dabei toll, das gern gepflegte einseitige US-Amerika-Bild gerade rücken zu können. Wieder zeigt sich, es wird zwar alles mit Zeitverzögerung aus Amerika übernommen, aber nicht nur das Schlechte. So war der 'Summer of Love' 1967, also ein Jahr vor den europäischen '68ern', der Kampf für Schwulenrechte wurde nicht etwa in Berlin erfunden, „unsere“ Alice Schwarzer war noch in Frankreich, als es mit der Frauenbewegung im Gefolge der Civil Rights Movement in den USA schon richtig rund ging.
Die Dramaturgie des Romans wird geschickt angeheizt, durch gewisse Wendepunkte, von denen zwei genannt seien, ohne zuviel zu verraten. An einem wird eine Sozialkunde-Lehrerin suspendiert, die offen zu erkennen gibt, was sie von der Beugung der Verfassung hält. Am zweiten wird ein hochdekorierter General, berühmt durch seine UN-Friedensmissionen, von drei Beamten des Department of Homeland Security niedergerissen, verletzt und gedemütigt, weil sein Elektronischer Pass eine Fehlfunktion hatte.
Die Stimmung kippt. Doch es gibt auch Rückschläge für die Sache Marcus'. Bei einem gutbesuchten, illegalen Pop-Konzert im Park setzt das DHS Hubschrauber und Pfefferspray ein. In den Medien werden die Bilder der Pogo tanzenden Kinder und Jugendlichen so verdreht, dass es erscheint, die Menge richte sich aggressiv gegen die Beamten.
Um den amerikanischen Joe Public umzudrehen, wird es noch eine Menge gewaltloser Attacken von Marcus' Elektro-Guerrilla brauchen, innerhalb und außerhalb des Netzes. Dabei sind so geniale Ideen wie Pressekonferenzen innerhalb eines Online-Rollenspiels, um die Immunität zu wahren.
Doctorow zeigt auch verbindende Elemente über den Generationen-Graben hinweg auf und will damit uns alle in die Pflicht nehmen: Marcus fährt auf Kerouac's „On the Road“ ab. Natürlich hat auch sein Vater eine vergilbte und mit tausend Bemerkungen vollgeschmierte Ausgabe im Wohnzimmerregal stehen.
Bei allem ist das Buch eine Form, die die SF dringend braucht: Nicht ein in Düsternis und Selbstmitleid versinkendes apokalyptisches Szenario, sondern ein mehr oder weniger aus unserer real gefühlten Lebewelt herausgegriffener lebensbejahender Ansatz.
Für Lehrer: Im Englisch-Unterricht lässt es sich gut verwenden, auch wenn keine Mittel zur Verfügung stehen. Das unter CCL erhältliche PDF ist eng und zweispaltig bedruckt, hat 126 Seiten, kostet also im Ausdruck ca. 60 Blatt Papier. Die Sprache ist einfach.
(U.S.A. P.A.T.R.I.O.T. Act: Uniting and Strengthening America by Providing Appropriate Tools Required to Intercept and Obstruct Terrorism Act of 2001)
Besprochene Ausgabe: TOR (engl.) | 2008
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5. Walter Jon Williams: Off (2009) - Orig.: This is Not a Game (2009), engl.
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