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 22.05.2012         Cord Hagen - Aquagene: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Cord Hagen - Aquagene: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Aquagene

(2010)
Tango-Oskar-Tango
Dieses Tier wird immer beliebter in Literaturperipherien: das Axolotl. In Cord Hagens Bio-Thriller steht es für die flinke Ersetzungs- und Anpassungsfreudigkeit der Natur.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 06.11.2010

Geschickt windet sich Cord Hagen, übrigens Pseudonym "eines deutschen Bestsellerautors, lebend in Berlin und La Palma", um eindeutige Erklärungsmuster zum Meeresspiegelanstieg in seinem Near-Future-Thriller. Da tut er gut dran, balgen sich doch die Wissenschaftler, die sich damit auskennen sollten, auch im wahren Leben um ihre teilweise diametralen Theorien unsere Zukunft betreffend. In einer lebhaften Pressekonferenz beim fiktiven deutschen Umweltminister klatschen sich Fachreferenten, Journalisten und Aktivisten die Argumente um die Ohren und bezichtigen sich gegenseitig der Lüge. Weiterer Kunstgriff: Heldin 'Jenna' wird hierbei auch noch ungewollt in einen Attentatsversuch auf den Minister involviert und muss aus Deutschland flüchten. So kriegt Cord Hagen schon mal eine seiner Hauptfiguren ins kalte Grönland, wohin sich Jenna absetzt, um bei einer Forschungsstation anzuheuern.

Auftakt von "Aquagene" bildet ein pedantisch und atemberaubend skizzierter Höllenritt eines Hubschrauber-Rettungseinsatzes. Bewundernswert, wie Hagen hier recherchiert haben muss, falls er nicht selber Pilot ist. Selbst wenn die Fakten um den Flug der Helikopter-Crew in absoluter Dunkelheit, Sturm und Fallwinden über dem Nord-Polarmeer Humbug sein sollten - das ist ja für den Laien selten erkennbar -, beherrscht Cord Hagen die Kunst, dass sie sich für den Leser wahr anfühlen. Überraschend ist auch die Lebendigkeit der Charaktere, sind doch drei der vier Figuren dieser Anfangsszene Nebenfiguren, die im Roman nicht mehr auftauchen werden. Trotzdem wurde Mühe für sie aufgewendet. Doch die meist 500 Seiten eines Thrillers können nicht nur aus Action-Sequenzen bestehen, so freilich auch der von Cord Hagen nicht. Und mit dem, was dazwischen hängt - und verbinden soll -, hat "Aquagene" doch teils erhebliche Probleme.

So ist der nächste Haufen an Leuten, nämlich die Wohngemeinschafts-Mitglieder von Heldin Jenna, bis hin zur Lächerlichkeit lieblos gemalt, wobei die Frage besteht, warum uns Hagen überhaupt ellenlang mit gestelztem Geplapper dieser Freundinnen nervt, und sich nicht sofort auf die unvermeidlich anstehende Flucht konzentriert. Hier Jennas soziales Umfeld mal eben noch einzuweben, wirkt künstlich. Es fehlt die Beiläufigkeit der Charaktervertiefung, eine über den kompletten Roman verteilte, übrigens wird die auch bei allen anderen Figuren nicht stattfinden. Das muss auch nicht die Kern-Qualität eines Wissenschaft-Thrillers sein, doch wenn man darauf keine Mühe verwenden möchte, sollte man entsprechend banale Stellen, in denen man so tut als ob, weglassen, wegkürzen. So etwa das Büro-Alltagsleben von Neben-Held 'Brandel' bei einer Wasseraufbereitungs-Technologie-Firma. So wie die Kollegen dort sprechen, spricht wirklich niemand!

Hagen legt seinen Figuren gerne unangenehm oft Weisheiten zur gesellschaftspolitischen Weltlage in die Wörtliche Rede. Und zwar in die von gestandenen Erwachsenen, die dann so wirken als seien sie gerade zwölf geworden und hätten im Zuge des Coming-of-Age zum ersten Mal politisches Bewusstsein entwickelt. Schauderlich und unnötig, ärgern doch diese an sich kleinen Dinge in der ansonsten ganz guten Phantastik-Geschichte mit der Kernfrage "Wie schnell ist Evolution?" und wie lässt sich ihr - vom Menschen natürlich - nachhelfen. Während die Großmächte weiterhin ihre Claims um die letzten unerschlossenen Rohstofflager in den Pol-Gebieten abstecken, mit immer militanteren Mitteln, bereitet sich eine unabhängige Fraktion um Multi-Milliardär 'Pesqueros' schon auf die nächste Stufe der Menschheit vor: auf ihr Leben unter und im Wasser ... Längst beim Menschen abgeschaltete, schlafende Reptilien-Gene sollen hierbei helfen. Dass der Mensch dem Meer viel zu verdanken hat, wissen die Inuit schon immer, und so mischen diese auch mit in einem Guerilla-Kampf gegen ausländische Invasoren. Die netten Zoten um Kultur, Götterwelt und Gebräuche der Inuit zählen zu den Stärken des Buches. Die Abenteuer von Jenna und Gleichgesinnten in einer absolut lebensbedrohlichen Umwelt sind dagegen nicht stimmig. Obgleich Cord Hagen auf die Unbilden ständig aufmerksam macht, torkeln die mehr oder weniger wie auf einem Sonntagsspaziergang vor sich hin, sodass sich vermuten lässt, dass Hagen noch nie eine längere Tour mit schwerem Gepäck selber gemacht hat.

Besprochene Ausgabe: Heyne | 2010 | 512 Seiten | Broschur* | € 9,99


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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