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Colson Whitehead - Zone One: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Zone One

(2014) - Orig.: Zone One (2011), engl.
Melancholie und Defenestration
History repeating. Im Angesicht der Katastrophe verklären die Übriggebliebenen doch nur die Vergangenheit, anstatt von Utopien zu träumen. Sie merken kaum, wie der Horror schon vorher in ihrem Alltag steckte, in Colson Whitehead 's grandiosem literarischen Zombie-Roman.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 04.02.2014
Colson Whitehead - Zone One
Zoom Colson Whitehead - Zone One

Die gestandenen New Yorker Literaten tun es immer wieder: Auster, Moody, Lethem sowieso. Sie vermischen Genreliteratur mit der "Gehobenen". Genre-Slumming heißt das augenzwinkernd im Amerikanischen. Bücherleser jünger oder aus der Generation X interessiert diese Distinktion sowieso nicht. Ausgerechnet im tradierten Hanser-Verlag erscheint "Zone One" von Colson Whitehead. Die betreuen damit mittlerweile sein sechstes zu Deutsch erscheinendes Buch und fühlen sich bemüßigt, im peinlichen Presse- und Klappentext von Persiflage und Trash-Talk zu schreiben. Man scheint sich zu schämen. Das ist so, als ordne man Cormac McCarthy's "The Road" lieber erstmal der Groschenromansparte zu.

Doch Whitehead 's Aneignung des Untoten-Themas erzeugt unendlich viel mehr Melancholie und süße Traurigkeit als Horror. Der Zombie ist bei ihm wie die gequälte Seele aus Dantes Inferno, die sich müht und abstrampelt und doch die nächste Daseinsstufe nicht erreichen kann. Sie unterscheiden sich nicht viel von den Überlebenden der Katastrophe. Die ergehen sich in Nostalgie und Verklärung der alten Zeiten. Sie erinnern sich, wie sie als Kind sonntags mit den Eltern die billigen Restaurant-Ketten besucht haben, an TV-Soaps, an die B-Promis, an die bunten Verpackungen der Süßigkeiten, die allein durch ihren Markennamen ein Versprechen einlösen konnten. Held 'Mark Spitz' durchforstet zusammen mit anderen "Sweepers" die verlassenen Büro- und Wohntürme Manhattans Stock für Stock, um sie von versprengten oder eingeschlossenen Zombies zu reinigen: Man will wieder zurück zu altem Glanz; schließlich soll alles mal wieder vermietet werden, in einer absehbaren Zukunft, in der die jetzt in befestigten Camps hausenden Menschen sich wieder die Städte zurückerobern, wenn sich der "Amerikanische Phoenix" erstmal wieder erhebt ...

Mark Spitz ist endlich an seinem Sehnsuchtsort Manhattan angekommen. Anders als er sich dies als Landei in der Jugend vorgestellt hatte. Auf der Flucht erlebt er - wie die meisten - wie Hoffnungen immer wieder zerstört werden. Das gemeinsam verbarrikadierte Haus wird überrannt, selbst einsamste Farmen bleiben von den gefräßigen Horden nicht lange unentdeckt. Man hat drei Versionen seiner Vita in petto, die man Fremden erzählt, je nach dem wie lange man das Sich-Zusammentun mit ihnen einschätzt, die kurze, mittlere und lange. Sie drehen durch, sie beklauen dich und hauen ab oder sie werden gebissen ... Eltern, die mit ihren Kindern unterwegs sind, sind die Schlimmsten, weiß Mark und meidet sie, sie sind am mißtrauischsten und gehen am schnellsten über Leichen, alles im Namen ihrer Kinder. Die Gerüchte von von Soldaten geschützten Camps treibt manche weiter an. Einmal ist es Cleveland, das aber gefallen sein soll. Dann Buffalo, wo es sogar eine neue Regierung geben soll. "Buffalo ist das neue Cleveland", bringt es Mark's temporäre Begleiterin 'Mim' auf den Punkt. "Wenn es da draußen nichts gibt, welchen Sinn hat das Ganze dann?"

Und nun Manhattan. Hier haben Marines die "Zone One" eingerichtet und ummauert. Von hier soll der Zivilisationsneustart beginnen.

"Ja, er hatte schon immer in New York leben wollen."

Mark ist Tagträumer mit gleichzeitig untrüglichem Instikt fürs Überleben. Die "PABS", die Postapokalyptische Belastungsstörung, so nimmt er es zumindest an - weil die alle haben -, gaukelt ihm einen ständigen grauen Ascheregen vor, der alle Oberflächen bedeckt. Oder es kommt durch die containergroßen Verbrennungsöfen, die pausenlos von riesigen Kränen mit an der Mauer erschossenen Zombies beschickt werden ...

Colson Whitehead, in Manhattan aufgewachsen und immer noch dort, hat es erlebt, wie vergänglich die Strahlkraft dieses in die Vertikale strebenden Stadtteils ist, als sich 2001 ihre zwei höchsten Türme in Staub und scharfkantige Stahlstreben verwandelten. So ist Mark's Asche gar keine Allegorie, ein Zombie-Roman gar nicht so abgehoben, es war alles schon da, in der Realität. Und vielleicht mußte Whitehead an diesem Ort sogar Selbst-Defenestrationen mitansehen, als die Menschen in den Türmen nicht verbrennen wollten. Im Roman verweigern sich die Einsammelkommandos schnell den Defenestrationen, weil die einfach durch die Fenster der Hochhäuser entsorgen erledigten Untoten unten nur noch als Matsch im aufgerissenen Leichensack ankommen.

Im Original ist es die PASD (Post Apocalyptic Stress Disorder), die Sweeper-Kollege 'Gary' einmal fälschlich als "past" - Vergangenheit - versteht. Die Überlebenden sehnen sich danach, was sie waren, was sie taten, wie die Welt vorher war. Höchster Ausdruck hierfür sind ausgerechnet ein geringer Prozentsatz von Untoten, die "Irrläufer". Sie stehen unbewegt und katatonisch an Orten, die ihnen früher am meisten bedeuteten: auf der Wiese beim Drachensteigen, vor dem Xerox-Kopierer ... Gerne sieht Mark in den Gesichtern der Untoten, die er erschießen muss, Ähnlichkeiten mit Promis, Leuten aus der Popkultur und freilich mit Verwandten und Bekannten, aus der Zeit davor.

Freitag, Samstag und Sonntag heißen die drei Kapitel des Buches und Colson Whitehead ist ein Meister der Abschweifung. Freitag geht bis Seite 125 im eng bedruckten Buch und die Rahmenhandlung sind gerademal zwei Arbeitsepisoden der Handvoll Sweepers in einigen Stockwerken eines Hochhauses! Da ist etwa die Rückblende auf Mim, aber noch nicht zuende geführt. Man ahnt mittlerweile die Erzählstruktur des Autors, die Vorhersehbarkeit in der Zufälligkeit, und will gar nicht wissen, warum Mim in der Jetztzeit der Erzählung nicht mehr auftaucht. Der Leser fürchtet, es wird ihm das Herz brechen ... und zurecht.
Whitehead spielt auch mit einem Changieren im Duktus, mit poetischem Mäandrieren der Sätze in allgemeinen Betrachtungen oder der herben Sachlichkeit, freilich immer noch auf sprachlich höchstem Niveau, in den Passagen, die Zustand und Handeln unter Seuchenumständen greifbar bebildern. Ja, in der reinen Genreliteratur sollte ständig was passieren, doch Whitehead geht den raffinierteren Weg: Hat er uns gerade angenehm eingelullt mit seinen Satzmelodien - sic! lullaby, das Schlaflied - wird der Eimer mit Eiswasser über unserem Kopf umso härter treffen in den nächsten Absätzen.

Die Figuren stehen zentrierter als der mechanische Ablauf der anhaltenden Katastrophe. Liebevoll sind auch die Nebenfiguren umrissen, die Sweeperkollegen, die temporären Weggefährten, die durchgeknallten Militärs (eher "Catch-22" als Zone 1) oder die hohe "Regierungs"-Angestellte 'Ms. Macy', die man sich als eine Angelina Jolie vorstellt, im strengen Kostüm, vielleicht navy-blau, Autorität, Kompetenz und Sexversprechen verheißend. Doch auch sie kann nicht mehr kitten, mit dem was sie gegen Ende als "PR-Gag" abtut ...

Freunde des Genres wissen, wie eine echte Zombie-Geschichte ausgehen muss, wissen um die Spezifikationen des Endes. Erfüllt die "Zone One"? Lesen Sie selbst, unbedingt.

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Besprochene Ausgabe: Hanser  |  2014  |  304 Seiten  |  Festeinband*  |  € 19,90

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