
Quanten-Teleportation, Quanten-Computer und Quantenkosmos sind für den Laien die derzeit spektakulärsten Schlagworte aus der Physik, die von vielen auch als spektakulärste Wissenschaft angesehen wird. Wie hart sich die Wissenschaft seit nunmehr hundert Jahren tut, seit die Pioniere Planck, Einstein & Co. die Grundlagen zu einem Verständnis der mikro- und makroskopischen Welt lieferten, zeigt Claus Kiefer. Dekaden vergingen, um die theoretischen Voraussagen mit immer besseren Versuchsanordnungen zu bestätigen. Das ist in vielen Bereichen eindrucksvoll gelungen. Die Kehrseite ist: Es zeigen sich immer mehr lose Enden in der Beschreibung des Kosmos auf der einen, und der Welt der Teilchen auf der anderen Seite. Wie wahrscheinlich in jedem Zeitalter, eilt die Messbarkeit und Beobachtbarkeit der Erklärung voraus. Für den Laien ergibt sich bei der Lektüre von Kiefers Buch allerdings der Eindruck eines beängstigend weiten Auseinanderklaffens. Das mag für die beteiligten Wissenschaftler anders aussehen, denn, es sei ganz klar gesagt: Kiefers Buch ist kein allgemeinverständliches Sachbuch! Es ist im Gegensatz zu Kiefers Vorwort auch mit einem Wissen etwa aus einem 20 Jahre zurückliegenden Physik-Leistungskurs nur in den Grundzügen verständlich, und das leider gar nicht mehr im letzten Drittel. Der Klappentext spricht gar von einer „kurzweiligen Reise“; die ist es vielleicht für einen Physik-Studenten nach dem Vordiplom. Der Ansatz Kiefers, ob bewusst oder nicht, ist kein didaktischer. Vielleicht muss „Der Quantenkosmos“ als Sachbuch scheitern, da man sich zur Thematik nur auf Fachbuch-Ebene äußern kann. Das Buch liegt irgendwo dazwischen, Schrödingers berühmte Katze ist also doch halbtot.
Dabei hätte mit geringem Aufwand und einem bißchen weniger Selbstverliebtheit Kiefers vieles besser gemacht werden können. Ersteres bezieht sich auf Diagramme. Die sind enorm wichtig, und nicht umsonst ist eine Schultafel fünf Meter breit, damit sie viele visuelle Erklärungen liefern kann. Die im Buch bedingte Beschränkung auf Schwarzweiss-Darstellung ist keine Entschuldigung für unzureichende Beschriftung von Achsen oder Linien oder fehlende Diagramm-Sequenzen, wo dies notwendig wäre. Beim brennenden, die Phantasie eines jeden beflügelnden Thema Zeitdilatation - also der verlangsamt ablaufenden Zeit (genau: Eigenzeit) unter Beschleunigung -, vergisst der Illustrator etwa das Einzeichnen einer beispielhaften 'Weltlinie' einer Person oder eines Gegenstands.
Kiefer listet viel und gerne die Errungenschaften der Wissenschaftler und Mathematiker der Antike und der Neuzeit auf. Das bricht den Gedanken- und Lesefluss und überfordert den Leser. Er hätte besser daran getan, hier mehr zusammenfassender vorzugehen und nicht haarklein aufzuspalten wer wann und wo vor 2.300 Jahren welche geometrischen Sätze aufstellte. Für Kiefer mag dieses Kompendium der Physik- und Mathematik-Geschichte eine Fingerübung sein und man spürt seinen Respekt vor den Alten. Der Leser, der innerhalb eines Absatzes zwischen Millennien hin und her geschickt wird, darf fragen, ob hier nicht um der selbst willen abgeschweift wird.
Auch ein beschriebener Wissenschaftlicher Streit zwischen Bohr, Heisenberg und Einstein geht eigentlich zu weit zurück in die Geschichte, wobei sich die Relevanz für das Buch dem Nicht-Wissenschaftler nicht erschließt, da er einem ohne Erläuterungen um die Ohren gehauen wird.
Auch in einem Sachbuch sollten wesentliche Zusammenhänge, so wie es ein Roman-Autor beiläufig tut, immer wieder mal im Fortlauf eingestreut sein, um dem Leser Stützen zu geben. Bei Kiefer merkt man, dass er Dinge nur einmal aufzunehmen braucht, um sie für immer registriert zu haben. Das erwartet er auch von seinen Lesern.
Weiter, mit dem, was der Rezensent verstanden hat.
Das Einstein-Jahr hat wohl endgültig angezeigt, dass der Gute in die Jahre gekommen ist. Gereift sozusagen. Ähnlich dem Schicksal das Kollege Newton ereilte, der die Klassischen Gravitationsgesetze aufstellte, gelten Einsteins Erkenntnisse aus heutiger Sicht nur noch für bestimmte Betrachtungsräume; oder immer noch - je nach Auge des Betrachters. So lassen sich damit beispielsweise das Innere eines Schwarzen Lochs, das Verdampfen desselbigen sowie der Anfang des Universums nicht erklären. Aber sowas trifft auch andere. Selbst der in den Achtzigern omnipräsent wirkende Stephen Hawking musste sich 2004 selbst wiederlegen bezüglich der Schwarzen Löcher.
Die Verhaltensweisen und Gesetze auf Ebene der Teilchen sind spektakulär andersartig als die auf makroskopischer oder gar kosmischer Ebene. Heutige Verständnis-Modelle lassen sich gegenseitig nicht auf diese Ebenen anwenden. Das versteht die Physik-Welt als größte Herausforderung. Sie ist auf der Suche nach einer allgemeinen Formel, die die vermeintlichen Widersprüche aufhebt, die sogenannte „Alltheorie“ (von alles, nicht von All). Schlagwort ist hier die Gravitation, die aus der Reihe tanzt. Vermutet wird, dass man ein Modell finden wird, koppelt doch die Gravitation universell an jede Form von Energie, die wiederum einer Masse entspricht, wobei die beiden letzteren schon durch die Quantentheorie beschrieben sind.
Diese Modelle verschiedener Forscher bewegen sich im fünf-, sechs- oder gar elfdimensionalen Raum. Darf's noch etwas mehr sein? Diese sarkastische Frage führt aber wieder zu etwas Ernstem: Claus Kiefer weiss, dass wir unsere Computer-Prozessoren noch lange Zeit 200 Watt fressen lassen müssen, bevor der erste Quanten-Computer über das Kleine Einmaleins hinauskommt. Und er räumt auf mit unglücklicher Wortwahl, wie der Quanten-“Teleportation“.
Die letzten Seiten seines Buches lesen sich eher so, als sollte uns ein nächster „Quantensprung“ wie der von Newton auf Einstein - und das waren 300 Jahre! - erst in ähnlichem Zeitabstand bevorstehen. Zu absurd und abstrakt lesen sich die widerstreitenden oder sich im günstigsten Fall ergänzenden Theorien zum „Quantenkosmos“. Klar ist auch, das der Konjunktiv immer vor der Gewissheit steht. Und das gibt wohl jedem Wissenschaftler seinen Ansporn.
Gegen Ende versucht Kiefer mit einem eckigen Exkurs ins Philosophische den Leser wieder zu trösten. Aber der Funke will nicht richtig überspringen. Schrieb er doch ein paar Seiten zuvor, dass der an sich faszinierende - weil riesige - Beschleuniger-Ring Large Hadron Collider am CERN in Genf mit seinen 27 Kilometern Länge um Längen zu klein ist, um die wirklich „All“-umfassenden Fragen zu lösen... (Er ist sogar um unvorstellbar viele Potenzen zu klein; aber das hätte das schöne Wortspiel im letzten Satz nicht zugelassen.)
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