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 21.05.2012         Christos Tsiolkas - Nur eine Ohrfeige: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Christos Tsiolkas - Nur eine Ohrfeige: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Nur eine Ohrfeige

(2012) - Orig.: The Slap (2008), engl.
Acht Säulen der Familie, brüchig
Die Australier konnten kürzlich schon die achtteilige Verfilmung von "The Slap" genießen; auch im Buch, "Nur eine Ohrfeige", jetzt zu Deutsch, seziert Christos Tsiolkas in acht Kapiteln aus der Sicht von acht Figuren die gesellschaftliche Mitte des multikulturellen Australiens.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 25.02.2012

Seit 2008, dem Erscheinungsjahr der englischen Ausgabe, würden die "The Slap"-Themen den water cooler talk anheizen, also den kleinen Schnack zwischendurch im Büro, behauptet der Daily Telegraph noch im Oktober 2011 anläßlich des TV-Starts der Verfilmungen. Man kann sich vorstellen, was das alles gewesen sein könnte: Zuallererst bietet "Nur eine Ohrfeige" dem Komplex ein Dach, dem sich kein Mensch auf Erden entziehen kann - Familie. Das führt weiter zur Ehe und inwieweit die einen zusätzlich an die Familie des Partners kettet. Nicht genug, schaut der griechisch-stämmige Christos Tsiolkas wie dieses Anketten gerade in stark in alten Tradierungen verhafteten Auswanderergemeinschaften funktioniert, hier den Griechen in Australien. Die Animositäten zwischen den Gruppen im Vielvölkerstaat kommen offen zur Sprache und nicht zuletzt: die Ohrfeige, praktiziert an einem Dreijährigen ...

Die Teilnehmer eines Barbecues sind eigentlich alle gut situierte Mittelstandsbürger: Die Gastgeberin ist Tierärztin, ihr Ehemann im Öffentlichen Dienst, die Freunde und Verwandten Unternehmer oder im TV-Biz. Die Ethnien reichen tatsächlich vom Aborigines über die Anglo-Australier bis hin zu den Kreisen um die indisch-stämmige Tierärztin und ihren griechisch-stämmigen Ehemann. Da passiert's: Cousin 'Harry' klatscht eher im Reflex dem dreijährigen 'Hugo' eine, nachdem dieser erst auf seinen Sohn losgegangen war, und dann ihm selber gegens Schienbein trat. Ein Riss wird sich auftun, quer durch Familien und durch Freundeskreise. Dass man ein Kind nicht schlägt, steht außer Frage, doch die überzogene Reaktion der Eltern Hugos - sie streben einen Gerichtsprozeß an -, und ihre Erziehungsmethoden, die zum allgemeinen Ruf des Kinds Hugo als Monster führten, erzeugen eine Spirale, die sich alsbald der Rationalität entzieht, und den Erwachsenen eher dazu dient, Loyalitäten auszutesten und einzufordern und lange Gedeckeltes in den Seelen von Lebenspartnern und Verwandten zum Überkochen bringen wird. Böse gesagt, wird Hugos sich eingefangene Ohrfeige zum Befreiungsschlag.

Wüsteste Kraftausdrücke, mal neckisch unter ihresgleichen, mal für die jeweils andere Volksgruppe haben alle untereinander parat. Gemeinsamster Nenner ist noch der "scheiß Aussi", hierzulande korrespondierend mit dem "du Deutscher, Kartoffel". Das nimmt Christos Tsiolkas seinen Protagonisten noch nicht allzu übel, haben seine zweiten oder dritten Migrantengenerationen doch schon einen erheblichen Fortschritt gegenüber der Elterngeneration getan: Die alte Griechin 'Koula' weigert sich seit 15 Jahren hartnäckig, ihre Schwiegertochter - die Tierärztin - zuhause beim Namen zu nennen, nennt sie nur "diese Inderin". Doch simpel schwarzweiß malt Tsiolkas nie. Eines der stärksten acht Kapitel, die jeweils aus Sichtweise einer anderen Figur geschrieben sind, widmet er deren Ehemann 'Manolis'. Er, der Auswanderer der ersten Generation, sinniert, "der ganze verrückte Haufen", nämlich die Vierzigjährigen, die sich jetzt wegen einer Ohrfeige an den Kragen gehen, hätten keine Ahnung, was es bedeutete, mutig zu sein: "Ihnen war alles geschenkt worden, sie waren der Meinung, alles stünde ihnen zu." Freilich steht auch für ihn Loyalität in der Familie an oberster Stelle, doch vermisst er Demut, Großzügigkeit und Gesprächsbereitschaft.

Erzählerisch am dichtesten bleibt das erste Kapitel, wenn Christos Tsiolkas auf dem Tableau dieses Melbourner Vorstadt-Gartens während des Barbecues seine Figuren ausbreitet. Er tut das sprachlich unaffektiert, eher wie ein guter Krimi-Autor, der weiß, ich möchte mein Personal möglichst schnell für den Leser charakterlich und soziologisch einordbar machen. Das wird von Kapitel zu Kapitel dann mehr in die Tiefe gehen, das interpersonelle Gefüge und der Alltag werden erkennbarer und detaillierter. Die Erzähl-Zeitspanne von "Nur eine Ohrfeige" ist nicht lang und so ist es auch eine Art statischer Roman, der majestätisch auf acht Säulen ruht, seinen acht Figuren mit ihren Blickwinkeln in ihren acht Kapiteln. Umso dynamischer deren Reigen: die Vierzigjährigen mit ihrem Ringen um Sich-Entlieben, Affären und dem Kitt und gleichzeitigem "Ballast" gemeinsame Kinder, zwei dazu regelrecht unschuldig erscheinende Teenager, einer davon schwul, und letztlich der alte Manolis, der stoisch seine Ehe ohne Liebe zuende leben wird. Weil nicht alles Zuckerschlecken ist, würde der wohl sagen.

Besprochene Ausgabe: Klett-Cotta | 2012 | 510 Seiten | Festeinband* | € 24,95


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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