Die Liste an Personen, bei denen sich Autor Christopher Reich für Rat und Tat bedankt, ist lang. Deren Arbeitsplätze reichen von der Londoner Metropolitan Police über New Scotland Yard bis zum Center for Strategic and International Studies oder der Financial Crimes Enforcement Network. Die Danksagung zieht sich über mehr als drei Seiten. Das ganze Buch "Getäuscht" zieht sich über 570 - und ist wirklich zäh; Christopher Reich mag ja viel von seinem Recherchewissen reingepackt haben - aber erzählen kann er nicht.
Das ist nicht die einzige Crux. Ein Ehepaar wird in diesem Terror- und Spionagethriller auf einen losgelassen, das in seinen Handlungen und Emotionen völlig konstruiert, dämlich, unwirklich wirkt. Das ist teils dessen geschuldet, dass "Getäuscht" eine Fortsetzung ist. Im ersten Band der Serie musste der Held - engagierter, in Afrika wirkender Chirurg - feststellen, dass seine Ehefrau Superagentin ist und ihr Arbeitgeber die fiktive "Division". Bei der hatte sie sich unbeliebt gemacht und ist seit Band 1 die Gejagte. Ihr Ehemann wird flux zum Agenten-Azubi, stellt sich nicht dusselig an und rettet seiner Frau gleich mal das Leben.
Ungefähr bei dieser Situation setzt Band 2, "Getäuscht" an. Ehefrau 'Emma' lebt wie ein Kriegsverbrecher, wie sie es selber ausdrückt, und kann kaum lange an einem Ort bleiben. Nichtmal eine Wochenendbeziehung bleibt den beiden also. Ehemann 'Jonathan' versieht weiterhin seinen aufopferungsvollen Dienst in afrikanischen Flüchtlingslagern und muss sich selbst Angriffen der Schergen der Division erwehren.
Selbst die gewollte Radikalität, mit der das allererste Kapitel des Buches einsetzt, wirkt müde. Ein Autobombenattentat auf Diplomaten in Londons Zentrum so saftlos zu schildern, ist wirklich eine Kunst. Das Einzige, was aufhorchen lässt, ist, dass - unabhängig voneinander oder zusammen? - das Ehepäarchen verletzt auf der Straße mit auftaucht...
Das Attentat war ein Vorgriff in der Chronologie der Erzählzeit des Romans. Als nächstes muss der Leser das halbe Buch lang haarsträubend absurden Dialogen des Ehepaars lauschen. Die sind tatsächlich beide in London. Er als Gastredner auf einem Ärztekongress, sie angeblich, weil sie davon weiß und unbedingt ein Stelldichein mit ihm haben musste, Gefahr des Auffliegens in der bestüberwachten Stadt der Welt hin oder her. Mein Gott, Erzähler Christopher Reich lässt die beiden sich nicht mal gegenseitig die Klamotten vom Leibe reißen. Sie sagen wie Roboter etwa Dinge wie, "Ich muss dann hiernach wahrscheinlich ein Jahr lang untertauchen. " - "Hmh. Okay."
Schnell wird klar, spätestens beim Befüllen eines 7er BMW mit allerlei Sprengmittelchen, dass Emma wohl nicht ist, wer sie vorgab zu sein, nachdem sie vorgegeben hatte, wer sie sei. Es stirbt noch jemand - vor der Autoexplosion -, der für "Oxford Analytics" gearbeitet hatte, einer top geheimen Organisation, deren Chef verschwörerisch der ermittelnden Polizistin die bahnbrechende Erkenntnis mitteilt, sie hätten erkannt, dass in Zeiten von Handy-Kamera und Internet jede Person, ob gewollt oder ungewollt, als Informant herangezogen werden könne. Christopher Reich scheint technischen Fortschritt nicht als etwas Fließendes zu sehen. Vor 150 Jahren, zur Erfindung des Telefons, hätte er seine Figuren wahrscheinlich ähnlich banalen Quatsch verbreiten lassen.
Bleibt die sympathische, sehr geerdete Kriminalerin 'Katherine Elizabeth Ford'. Eine mit so einem Namen kann nur vernünftig sein. Aber rausreißen kann sie allein freilich das "Getäuscht" nicht.
Besprochene Ausgabe: Bastei-Lübbe | 2011 | 572 Seiten | Broschur* | € 8,99
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