19.01.2019   Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik   Literatur, Buch, Kritik         Christopher Clark - Die Schlafwandler - Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
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- Die Schlafwandler - Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog

(2013) - Orig.: The Sleepwalkers - How Europe Went to War in 1914 (2012), engl.
Vor hundert Jahren
Erst 2012 im englischsprachigen Original erschienen, ist Christopher Clark 's ausgewogener Allround-Blick auf die Entstehungsgeschichte des Ersten Weltkriegs bereits ein junger Klassiker.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 08.07.2014
Christopher Clark - Die Schlafwandler - Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog
Zoom Christopher Clark - Die Schlafwandler - Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog

Nach dem einleitenden Kapitel steigt Clark 1903 in die Geschehnisse vor dem Ersten Weltkrieg ein - ins 19. Jahrhundert zurückblickende Analysen wird es freilich bis gut zur Hälfte des Werkes immer wieder geben. Er schmeißt den Leser hinein in die barbarische Ermordung und Zerstückelung des serbischen Königspaares Draga und Alexander. Und man sieht es nicht nur hier, 1903, dass die Südostecke Europas ein etwas rauheres archaischeres Pflaster ist. Auch die blutige Herrschaft der Serben über die während der beiden Balkankriege eroberten Gebiete kommt bei Clark nicht zu kurz in der Beschreibung. Serbien wird nicht als kleiner Pisaker verhandelt in diesem Buch, als Nation, die zwar den Funken für die Katastrophe lieferte, aber ansonsten nebensächlich war. Auf hundert Seiten geht es um seine panslawischen Großmachtträume, gepäppelt von Frankreich mit Darlehen, die in Form von Rüstungseinkäufen der Serben beim Darlehensgeber doppelten Gewinn abwerfen. Frankreichs spätere Weltkriegs-Kanonen werden in ihrer nie dagewesenen Zerstörungskraft vorher in den beiden Balkankriegen getestet.

Als nächstes richtet Christopher Clark den Blick auf die Österreichisch-Ungarische Monarchie. Er sieht die Streitereien der Vertreter der vielen Völker des Reiches eher als banales legitimes Mittel, sich Gehör und Einfluss in den Regierungsorganen zu verschaffen, denn als das in gängiger Forschung viel beschworene Menetekel des baldigen Auseinanderbrechens. Alle Landesteile hatten in den letzten Jahren einen ökonomischen Aufschwung erfahren; Bemühungen, Bildung, Infrastruktur und landwirtschaftliche Verbesserungen auch ins annektierte Bosnien-Herzegowina zu bringen, fruchteten. Und letztlich mussten auch die Minderheiten-Aktivisten eingestehen, dass zu damaligen Zeiten, in denen eine aggressive Territorialpolitik im Gegensatz zu heute selbstverständlicher war, das Habsburger Reich Sicherheit bot - nimmt man die eine Möglichkeit außer Acht, die sich nur wenige vorstellen konnten, da sie seit Napoleon nicht mehr aufgetreten war: ein kontinentweiter Krieg ...

Teil Zwei von "Die Schlafwandler" ist sein Kern und das Außergewöhnliche am Buch. Christopher Clark gibt dem Leser einen Einblick ins Denken der europäischen und russischen Entscheidungsträger seit etwa den 1880er Jahren. Wo nötig, zeigt er damalige politische Mechanismen der Entscheidungsfindung auf, die sich teils auf unglaubliche Weise von den heutigen unterscheiden. Und das jeweils für alle Großmächte! Der australisch-stämmige Clark scheint keinen Blickwinkel auszulassen. Herausgegriffen sei etwa das karikaturartige Amt des Außenministers von Frankreich in seiner Schleudersitzfunktion: pro Jahrzehnt gab es auch etwa zehn Amtsinhaber. Mächtiger als die Minister der Großmächte waren oft die Botschafter vor Ort in den Hauptstädten Europas (und der Welt). Herausstechender Sonderfall sicherlich Nikolai Hartwig, lange russischer Botschafter in Belgrad, der als langer Arm Russlands die Geschicke Serbiens entscheidend beeinflusste. Unerklärlicherweise haben es die Kapitelüberschriften zweiter Ordnung nicht ins Inhaltsverzeichnis der deutschen Übersetzung geschafft. Die Originalausgabe bietet etwa im Kapitel "Balkan Entanglements" Unterkapitel wie "Air Strikes on Libya", "The Balkanization of the Franco-Russian Alliance" oder "Paris Forces the Pace". Das ist auch nötig, liest man doch lange und genüßlich am Buch, und möchte bereits Gelesenes wieder nachschlagen.

Schön stellt Clark heraus, wie Aversionen und knallharte Machtkalküls - und damit mögliche Kriegskonstellationen - zwischen den Großmächten in den circa drei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg sich mit einer Frequenz von oft nur fünf oder zehn Jahren komplett drehen. So skizziert er etwa die Kriegsgefahr zwischen Großbritannien und Frankreich im Jahr 1900. Letztlich zieht Clark ein Resümee, das die drei Weltmächte Großbritannien, Frankreich und Russland doch nicht vor der Katastrophe bewahren kann: Man war sich einig, dass ihre Streitigkeiten in der Peripherie ihrer Einflusssphären nicht nach Europa greifen dürfen ... Für Streit mit der k.u.k. Nicht-Kolonialmacht und dem gerne aus globalen ökonomischen Angelegenheiten herausgedrängten Deutschen Reich schien es hingegen keinen Plan B zu geben.

Teil Zwei war mit jedem Satz informationsbeladen. Das bleibt freilich auch der dritte und letzte Teil von "Die Schlafwandler". Schlicht als "Krise" betitelt, kommt jedoch hinzu, dass er sich liest wie ein Krimi, so pervers dies im schrecklichen Zusammenhang klingen mag. Es ist erstaunlich, wie sich ein Großteil der Akteure doch äußerst vorsichtig und erschrocken in die letzten Wochen vor Kriegsausbruch begibt, angesichts jahrzehntelanger verbaler und schriftlicher diplomatischer Grobheiten, von denen der Leser im Teil davor erfuhr. Sie wissen sehr genau um die Vernichtungskraft ihrer Armeen und sind geschockt von der Maschinerie, die sich aus Blickwinkel jedes einzelnen Entscheiders wie von selbst in Gang gesetzt zu haben scheint, auf jeden Fall nicht aus jeweils eigener Schuld. Diese Diskrepanz meint Christopher Clark mit Schlafwandeln. Ein Teil der Vernunft scheint wach, ein anderer ausgeschaltet. Mit am wachesten ist da noch der Brief von Willy an Nicky - so nennen sich die Monarchen von Deutschland und Russland gegenseitig -, doch längst haben ihre Minister den Hebel umgelegt.

Für den deutschen Leser ist das Tolle, dass Clark 's Buch alles andere als deutsch-zentriert ist. Gefühlt gibt er dem Handeln der anderen Großmächte mehr Raum. Da ist fast eine Spannung, wann wieder ein Kapitel kommt, mit dem man sich auf gewohntem "Terrain" befindet. Das zeigt frappierend an einem selber, wie die Entscheider vor dem Ersten Weltkrieg gedacht und gefühlt haben müssen. Man war nur auf die eigene Position fixiert, ohne sich in die jeweils anderen Seiten genügend hineinzuversetzen. Überholten Sichtweisen auf die Rolle Deutschlands, Stichwort Fischer-Kontroverse, widmet Clark gerademal wohltuend nur eine halbe Seite. Zum bereits erwähnten Manko der deutschen Buch-Ausgabe kommt noch hinzu, dass im Personen- und Sachregister willkürliche Kürzungen vorgenommen wurden und zum Beispiel Funktionen von Personen einfach weggelassen wurden. So ist es bei diesem jungen Klassiker nicht gänzlich banal, die Originalausgabe zu bevorzugen, auch wenn man einige Fachbegriffe nachschlagen müssen wird.

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Besprochene Ausgabe: DVA  |  2013  |  895 Seiten  |  Festeinband*  |  € 39,00

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