ANZEIGE

 21.05.2012         Christian Günther - Rost: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Christian Günther - Rost: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

* buchtipps buchkritik buchneuerscheinungen

 
buch neue literatur romane bestseller krimis thriller science fiction buchempfehlungen buchbesprechungen buchtipps buchkritik

- Rost

(2008)
Nordisch by Nature
Christian Günthers zweiter Roman spielt zwischen Ost- und Nordsee, in einer Landschaft, die wieder in ihren ehemals sumpfigen Urzustand zurückversetzt ist, dabei aber so schmutzig ist, wie eine Schmiede-Werkstatt nach einer Überschwemmung. Es ist 2078.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 26.06.2008

Welchen Eindruck nimmt der Besucher der heutigen Innenstadt Hamburgs mit? Stahl, Glas, Gelecktheit, Sterilität vielleicht - wo der 2. Weltkrieg Wunden gerissen hatte und wo in öder Funktionalität wieder aufgebaut wurde. In Günthers Roman bleibt Rost.
Der Hamburger Regen läuft gelb und sauer an den Fassaden runter. Verrottende Klimakuppeln überspannen noch Teile der Stadt. Das einstige „Tor zur Welt“ scheint sich abgeschottet zu haben: Immer höher und verkeilter drängen sich Stadtautobahnen und Hochhäuser gen einen fahlen Himmel. Denn in den Horizontalen stößt man auf die „Mauer“. Das Umland läßt sich nur schlierenhaft erkennen und für den Hamburger gehört es auch nicht zur Welt seines Erfahrungshorizontes. Wohl weiß er, dass es ökologisch so gut wie tot ist und sich dort nur noch ein paar Outlaws rumtreiben...

Das Umland: In makabrer Absicht wollen der junge Städter Aron und eine Handvoll Freunde mit Geländewagen und bewaffnet dort etwas Spaß haben. Die Beschreibungen finden zu Anfang nachts statt, so dass dem Leser nur langsam und ungeheuerlich dräut, in welch bizarrem Zustand sich die Landschaft befindet. Die Elbseitenarme und künstlichen Hafenbecken gehören nicht mehr zum Stadtgebiet, sind aufgegeben worden, dienen allerhöchstens noch als geheimer Umschlagplatz für Gebrauchtwaren und Schrott. Doch am schlimmsten, die gemarterte heutige Norddeutsche Tiefebene: Ein einziger Schlammpfuhl mit vergiftetem Boden, verschwundener Vegetation, verlassenen Siedlungen und abrupt endenden Resten von Autobahnen. Der Meeresspiegelanstieg scheint stattgefunden zu haben in Günthers Roman, und so überspülen giftige Fluten eines toten Meeres von Zeit zu Zeit das Land.

Aron wird fast zur Figur eines klassischen Entwicklungsromans, denn schon bald erlebt er eine Odyssee zwischen Stadt und Land, die für ihn nichts mehr läßt, wie es vorher war. Sicher geglaubte Gewißheiten über Gewohnheiten und Gesellschaft in der totalitär regierten Stadt müssen kippen.

Die Personen, auf die er trifft, sind schlicht in ihrer Art und gar lakonisch in ihrer Ausdrucksweise. Bei allem wirken sie authentisch und nicht überzogen. Zu Anfang des Buches nerven allerdings die typischen Cyberpunk-Schemata Clubszene, Drogen, Gaming. Für den Außenstehenden haben Beschreibungen der 48-Stunden-Feierszene keinen Erkenntnisgewinn; viele Autoren versuchen sich darin, erreichen aber, wenn überhaupt, nur den Eingeweihten, der die Wirkung von Partydrogen kennt. Die anderen Leser sind die Blinden, denen man versucht, die Farbe Grün zu erklären.
Christian Günther ist aber zugute zu halten, dass sich später ein Kreis gewissermaßen doch noch schließt: Aron kämpft plötzlich mit Entzugserscheinungen von einer Entspannungs-Droge, deren Einnahme für jeden Bürger der Stadt eine Selbstverständlichkeit ist. Sie steht als Metapher für jeglichen restlichen Zivilisationsmüll, den die Gesellschaft als unentbehrlich empfindet.

Der Einstieg ins „Brachland“ gelingt trotz turbulenter Ereignisse in einer ruhigen, getragenen Erzählweise. Das ist gut. Nicht die Erzählweise hetzt den Leser - die sagt eher „Inhaliere genüßlich den Inhalt dieser Seite!“ - sondern der Inhalt selbst. Das gelingt Günther allerdings nicht über den ganzen Roman hinweg. In der zweiten Hälfte benutzt er oft die Motive Flucht, Verfolgungsjagd, Entweichen vor Öffentlicher Überwachungstechnik zum Selbstzweck und zu lange. Hier entgleiten sie ihm als beiläufiges Mittel, um die Story voranzutreiben. Die Mischung aus Polit-, Verschwörungs- und Endzeitthriller wird dünner und leider muß der Leser dann auch noch unter dem Holzhammer erkennen, dass Günther eine Fortsetzung plant und gar nicht alle Enden auflöst.

Er verschenkt ein bißchen die Möglichkeit, die auf den deutschen Leser wirkende Monströsität einer ihm bekannten Landschaft und das Zurechtkommen der in ihr lebenden Menschen noch weiter auszubauen. Denn das macht das Buch wirklich aus: Dieses schaurig schöne „Wohlfühlen“, das Huckleberry-Finn-Gefühl, der Campingurlaub - in einer gruselig entstellten Umgebung, die aussieht, wie die Oberfläche eines Klärbeckens! Inklusive Love-Story natürlich.

Bei allem ein guter Roman um einen Yuppie-Jungen, der aus dem Nest fällt. Und einer grandiosen Einfühlsamkeit in das vor der Haustür liegende in einem möglichen 2078. Ein gehauchtes „Nordisch by Nature“.

Besprochene Ausgabe: Epikur | 2008


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
blog comments powered by Disqus
 
 

We see you! sf magazin lebt von Werbung. Sie haben keine Berechtigung, diese Site mit eingeschaltetem Ad-Blocker (Werbeblocker) zu surfen!
 
>>> Mehr Info ...


 


     
  • sf magazin   +
  • Bücher Romane Bestseller Krimis Thriller Buchneuerscheinungen
  • Exaktes Ad-Serving.
    Elegante Kunden-Reportings.