25.05.2013         Chris Morgan Jones - Der Lockvogel: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
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- Der Lockvogel

(2012) - Orig.: An Agent of Deceit (2011), engl.
Zielgenau vorbei am Zehnten
Fast hätte der einst weltweit agierende Ex-Wirtschaftsdetektiv Chris Morgan Jones das neue Genre Technokratischer Wirtschaftsthriller begründet. Doch dazu hätte er noch tiefer ins Nähkästchen langen müssen.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 26.05.2012

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Das dicke Thema Steuerflucht - Geldwäsche - höchst komplexe Offshore-Firmengeflechte wird selten angegangen in der Kriminalliteratur. Dass es Chris Morgan Jones mit "Der Lockvogel" tut, ist schon allein ein Verdienst. Der einstige Angestellte einer weltweit bekannten Wirtschaftsdetektei versucht zumindest, seinen Lesern einen Einblick zu geben, wie dieses Tun funktioniert, welch hohe Kunst es ist, und schafft zumindest eines: Ehrfurcht zu erzeugen vor der fantastischen Intelligenz, Disziplin und Gedächtnisleistung seiner Unternehmensberater, hier freilich derer im halbseidenen Milieu. Doch das Thema bleibt ein schwieriges - und gerade weil ein Krimi kein Betriebswirtschaftslehrbuch sein kann und auch nicht sein sollte, bleibt Chris Morgan Jones irgendwo auf halber Strecke hängen und kann hier letztlich nicht ganz befriedigen, ebensowenig wie im Rest der Dinge, die zu einem Roman gehören. Zwischen der kalten Effizienz seiner Thematik erzeugen seine Figuren und das, was sie und das Buch antreibt, nur wenig Wärme.

Einen russischen Oligarchen nimmt sich Jones als Strippenzieher in seinem Plot. Ungleich der Blockupy-Bewegung, die mit wenig Wissen um betriebs- und volkswirtschaftliche Funktion des Investmentbankings ungut an Judenhetze erinnert, ist Wissen um das Oligarchentum tatsächlich so gut wie nicht zu bekommen. Nach dem Kalten Krieg begann der Westen "fröhlich" ihr Geld anzunehmen, ohne Fragen zu stellen, schreibt Hugh Carnegy, Executive Editor der FT. Sie hätten den Londoner Immobilienmarkt beflügelt, zählt er als Beispiel auf, ihre Jachten verstopften Marbella und Monaco und ihre Firmen fluteten an die Börse. Bei all dem hätte die oligarchische Aura des Mysteriösen und Bedrohlichen die einstigen Kreml-Eminenzen aus der Sowjet-Zeit abgelöst, mit ihrer grauen, geheimnisvollen Unnahbarkeit. Die verschränkte und oft gewalttätige Welt von russischer Politik und Wirtschaft mache die Oligarchen zu "ungemütlichen" Partnern. Konzerneigene Anwälte oder PR-Firmen schmettern Fragen ab. Zusätzliche Warnung ist die lange Liste toter russischer Journalisten.

Der bilaterale derzeitige Krieg zwischen Deutschland und der Schweiz mutet regional an, angesichts der Dimension des Firmennetzes und der Offshore-Unternehmen, die Chris Morgan Jones in seiner Geschichte skizziert. Doch wenn die schweizer Handelszeitung schreibt, der Spieß sei jetzt umgedreht, süddeutsche Banken fragten nicht, woher schweizerisches Geld käme, das jetzt dorthin flute, seit die meisten schweizer Banken auf eine Weißgeldstrategie umgeschwenkt seien, dann nagt es am Leser von "Der Lockvogel". Letztlich erklärt einem Jones nicht, wie denn ein Bankangestellter mehr wissen soll als die Steuerbehörden oder wie die Zusammenarbeit funktioniert. Doch anhand Strohmann 'Richard Lock' erhält man Einblick auf eine Meta-Ebene: Lock ist offizieller Eigentümer eines Firmenimperiums, das er im Auftrag des Oligarchen 'Malin' aufgebaut hat. Eine seiner Aufgaben ist, dafür zu sorgen, dass aus keiner einzigen dieser Firmen Malin als der eigentliche Eigentümer zurückzuverfolgen ist. Selbst Lock, trickreich durch Verkupplung Malins sogar familiär mit dem Oligarch verbandelt, weiß nicht, woher die Gelder kommen, mit denen er jongliert. Über monegassische Sociétés Anonymes ist er schon längst hinaus: zuviel Papierkram, der die mageren Steuervergünstigungen wieder auffrisst.

Fünfzehn Jahre lang arbeitete er jetzt schon daran, mit geschlossenen und offenen Fonds, mit Limited Liability Companies und Limited Liability Partnerships, mit Sociétés Anonymes und Sociétés Anonymes à Responsabilité Limitée, mit Anstalten in Liechtenstein, Stiftungen in der Schweiz und Privatstiftungen in Österreich, mit allen möglichen Abkürzungen in allen existierenden Offshore-Finanzplätzen eine komplexe Fiktion zu schaffen.

In seinem Moskauer Büro versucht er es an der Wand zu visualisieren: "Es sah aus wie eine technische Zeichnung, unbegreiflich verschlungen: Knotenpunkte, Verästelungen und dichte Cluster [...] er kannte die Buchhaltungsvorschriften für jedes Land; er wusste, wann Geld einen Ort verlassen und an einen anderen Ort transferiert werden musste."

Wofür das Ganze? Die verbrecherisch "erwirtschafteten" Einnahmen Malins wandern solange von Unternehmen zu Unternehmen, bis sie reingewaschen wieder nach Russland zurücktransferiert werden können.
Und doch: Ein bei einem Firmenkauf übers Ohr gehauener Unternehmer wagt, Malins Imperium anzugreifen, mit Hilfe der Justiz und der renommiertesten - und teuersten - Wirtschaftsdetektei Londons. Malin wird weiterhin im Hintergrund bleiben, und "Der Lockvogel" wird zum Zweikampf zwischen Ex-Journalist und jetzigem Detektiv 'Webster' und besagtem Lock werden.

Die akribische Kulisse, die Chris Morgan Jones im ersten Viertel des Buches aufbaut, ist sicher toll. Dann versäumt er es aber, eine wirklich spannende Dramaturgie aufzubauen. Sagen wir, selbst seine Figuren bleiben genauso "technokratisch" wie der Rahmen, den Jones um sie herum aufgebaut hat. Ihr Schicksal bleibt dem Leser eigentlich egal. Fatal für einen Roman.

Besprochene Ausgabe: Heyne | 2012 | 448 Seiten | Broschur* | € 12,99


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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