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 21.05.2012         Chris Beckett - The Holy Machine: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Chris Beckett - The Holy Machine: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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The Holy Machine (2008), engl. (Neuauflage; Erste Auflage 2004; in dt. noch nicht erschienen)
Penelope war kein Roboter
Auf seiner Odyssee testet Beckett's traurig sympathischer Held die Dehnbarkeit des Begriffes Liebe und die Spielarten von Weltflucht in einer nahen Zukunft.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 21.10.2008

George, der langweilige Buchhalter-Typ - obgleich, eigentlich ist er Übersetzer bei der Firma 'Word for Word' - lebt zusammen mit seiner Mutter Ruth in einem hochmodernen Kleinstaat an der ionischen Küste. Sich abschottend von den sie umgebenden, in ihrer Entwicklung zurückgefallenen „wilden“ Staaten, gründeten vertriebene Wissenschaftler eine Insel der Vernunft, der Rationalität und des Säkularismus. Der Rest der Welt ist im Zuge der 'Reaction' - Glaubenskriegen und Progromen ausgelöst durch fundamentalistische Gruppen jeder Couleur - in eine Art vormodernen Status zurückgefallen.
Zunehmend versucht der Kleinstaat 'Illyria' alle Gastarbeiter aus den Barbarenstaaten durch Roboter und hochentwickelte 'Syntecs' - äußerlich kaum mehr vom Menschen zu unterscheiden - zu ersetzen und somit sämtliches aufwieglerisches Potential zu beseitigen. Scheint im Rest der Welt schon totale Segregation der Volksstämme und Religionen zu herrschen, so schickt sich auch Illyria an, in totalitärer Manier, endgültig den Strich zu ziehen, zu allem, was auch nur religiös angehaucht ist oder am eigenen Gründungsmythos zu kratzen droht. Der Schrecken der Progrome sitzt tief; alle Bewohner haben Ermordete in der Familie zu beklagen und die eigene Verfolgung durch fanatischen, rasenden Mob.

George kennt die umgebenden Länder, ist er doch oft mit Handelsdelegationen unterwegs, um zu übersetzen. Autark ist Illyria nicht. Er kennt die Stimmungslage der Religiösen: Die Illyrer seien zum Schmoren in der Hölle verdammt; jetzt würden sie auch noch das Leben selbst pervertieren, mit ihrer Einführung von Maschinen an Menschen statt; wegen der 'Advanced Sensual Pleasure Units' - Sexrobotern - heißt es: „Ihr verspottet sogar die Liebe!“

Genau bei einem dieser ASPUs beobachtet George die langsame Entwicklung eines eigenen Bewußtseins...

Der Ton des Buches ist äußerst warm, in schöner Ambivalenz zur High-Tech-Umgebung und dem Zusammenleben mit Robotern. Die traumatisierte Mutter Ruth versucht jeglicher Gefahr zu entfliehen und verbringt immer mehr Zeit im 'SenSpace', einer virtuellen Welt mit vermeintlich schier unendlichen Möglichkeiten. Die ersten Protestdemos von Gastarbeitern bringen ihr das Grauen der Progrome in Erinnerung. George kann weder seine hilflose Mutter lieben noch sonst jemand, so wie es das Sprichwort sagt: „Kannst Du Deine Mutter nicht lieben, wirst Du auch keinen anderen Menschen lieben können.“ Ruth zerbricht mehr und mehr, soweit, dass sich real angestellte Sozialarbeiter virtuell um Ruth in 'SenSpace' kümmern müssen.
Ungewollt sadistisch, mietet sich Ruth eines Tages, zuhause auf der Virtual-Reality-Liege liegend, ein 'Vehicle' - einen von ihr ferngesteuerten, mit echtem Fleisch überzogenen perfekten Roboter. Als sexy junge Dame taucht sie unangemeldet an George's Arbeitsplatz auf. George muss die Erniedrigung ertragen - mit ihr im Café sitzend, gezwungen, lüstern auf die langen Beine der Stellvertreterin zu schielen.

Der Vortrag George's, als Ich-Erzähler, ist zögerlich und zeugt von seinem geringen Selbstbewußtsein, zumindest die nicht-funktionalen Bereiche des Lebens betreffend. Es schwingt Bescheidenheit mit und es scheint auch die des Autors durchzuschimmern wie in einer Blaupause. Das Zögerliche ist sympathisch, hört man doch einem Antihelden fast lieber zu als dem Helden.

Der Antiheld stürzt nicht aus idealistischen Gründen in eine wilde Odyssee unter politischer Flagge und um den Einsatz für empfindende Maschinen, sondern wird beeinflusst, will imponieren und sucht seinen Vorteil. Wie einst E. T. A. Hoffmann in „Der Sandmann“ das Hadern der Romantik mit dem Mechanischen hinterfragt, ist George hin- und hergerissen ob der moralischen Legitimität seiner Liebe zu einem Roboter. Das implementiert die Fragen nach der Wesenheit einer Maschine mit künstlichem Bewußtsein und ob jemand, der, wie im Falle George's, keine Liebe erfährt und dies auch nicht zu erwarten hat, die Liebe pervertieren kann.

Chris Beckett schlingert um diese Fragen mit erstaunlichen Wendungen. Die mögen nicht immer in Erwartung des Lesers liegen, entsprechen manchmal dem Zeitgeist und gehen ihm dann wieder entgegen. Dass die Weltfluchten von Ruth und George mit zunehmenden technischen Möglichkeiten einfacher werden ist Fakt. Ob sie sich potenzieren, wie es ein Großteil der SF-Literatur sieht oder auch die Soziologie, bleibt Spekulation.

Beckett schrieb mit klarer und geraffter Sprache einen Roman, der sich um wenige, tolle Kernthemen dreht. Die tragischen Figuren, ob Mensch oder Maschine, stehen im Mittelpunkt, eingebunden in ihr Gänsehaut erzeugendes Agieren mit einer schon bald erhältlichen Technik.

Besprochene Ausgabe: Wildside Press | 2008


 

 

 

 
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