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Charles Stross - Halting State: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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Halting State (2008), engl. (dt. Du bist tot August 2010)
Keine Angst vor dem Halteproblem
Das „Halteproblem“ in der Informatik hat der Rezensionsautor auch nach mehrmaligem nachgooglen nicht annähernd kapiert. Aber eine mythische Faszination übt dieses Paradoxon der Programmiertechnik allemal aus, allein schon durch seinen puren Wortklang.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 18.05.2008
Charles Stross - Halting State
Zoom Charles Stross - Halting State

Keine Angst! Stross neppt uns nur mit dem Buchtitel seines fröhlichen Hacker-Krimis. Zwar streift man in seiner zu Zeiten der „Dritten Internet Bubble“ angesiedelten Geschichte durchaus die Welt der Programmier-Cracks, doch ist „Halting State“ in anderem Sinne wörtlich zu nehmen. Nichts weniger als eine staatstragende Krise erlebt das kleine Schottland durch Angriffe auf seine elektronische Infrastruktur.

Die Polizistin Sue Smith mag auf ihre Umwelt mausgrau wirken, ihre Sicht der Dinge ist jedoch durchdrungen von britisch sarkastischer Unerschütterlichkeit. Das Buch ist durchweg in Zweiter Person gehalten, aus dem jeweiligen Blickwinkel der Hauptfiguren, die sich kapitelweise abwechseln. Dieses ungewohnte „Du gehst ins Büro deines Chefs und weißt schon was auf dich zukommt... Du bist die vierte Stunde auf Streife... etc.“ ist erfrischend und kommt gerade dem lakonischen Charakter der Sue aufs beste entgegen.
Blow me, you think, as you save the incident form you've halfway through filling in and swap window“ ist ihr Gedankengang als sie über das „CopSpace“-Netzwerk auf ihrer dazugehörigen Daten-Brille einen Befehl ihres Vorgesetzten entgegennimmt. Da sie eigentlich gerade bei Starbucks sitzt und versucht zu relaxen, folgt „You swallow convulsively and take a swig of too-hot coffee, burning the roof of your mouth. It stings like crazy and you just know the skin's going to be peeling by evening when you rub it with your tongue.“

So hangelt sich Sue durch ihre Schichten, abgehangen wie ein alter Schinken, sich amüsierend über ihren Rookie-Kollegen, der frisch von der Polizeischule kommt, hellwach gegenüber jedem, der ihr schräg kommen will, aber stets auch ein bißchen bedrückt von dem was da noch kommen mag. Vieles hat sie schon erlebt und nur wenige Gangster können sie noch beeindrucken. Doch in ihrem neuen Fall weicht schnell das „Och nee, nich schon wieder“ einem „Oh Gott, es kommt noch schlimmer!“

So steht schnell fest, dass sie die Aufklärung eines Banküberfalls innerhalb eines Massen-Rollenspiels nicht alleine stemmen kann (das sind Online-Spiele mit mehreren tausend Spielern, bei denen die Spieler auch Rechenleistung ihres eigenen Computers dem Netzwerk zur Verfügung stellen; am bekanntesten: World of Warcraft, WoW).
26 Millionen Euro - Schottland ist mittlerweile der EU beigetreten - kamen abhanden. Dass dies „richtiges“ Geld ist, läßt sich in etwa so erklären: Der Betreiber dieser Fantasy-Welt bietet den Spielern eine Depositen-Bank an, in der sie Erbeutetes, Ansehen Ihrer Avatare, Waffen etc. lagern können. Das Spiel unterhält einen Wirtschaftsbeauftragten, der durch diesen Regelmechanismus Inflation, also einem Aufblähen der Waren- und Eigenschaftenwelt des Spiels, Einhalt bebietet.
Der Geldwert ergibt sich real - in heutiger Zeit als auch im Roman - über ebay, wo Fans Avatare mit hohen Levels und Fähigkeiten zu vielen hunderten Euros verkaufen.

Neben der Polizei interessiert sich eine Wirtschaftsprüfungs-Firma für den Spielebetreiber. Die heuert unheimlicherweise ohne mit der Wimper zu zucken für 8.000 Euro pro Tag den Programmierer Jack an, da ein Insider als Täter vermutet wird und Jack mit dem Programmier-Code eines ähnlichen Spiels vertraut ist. Zusammen mit der Wirtschaftsprüferin Elaine begibt er sich auf die Jagd, on- und offline.

Doch bald werden die Jäger zu Gejagten. Die Einfallstore zwischen verschiedenen Spielewelten werden nicht nur für relativ harmlose kriminelle Machenschaften genutzt. Sie dienen genauso auch zur Anbahnung von Spionagegeschäften über sogenannte „Blacknets“, Datenbahnen über Satellit, außerhalb staatlicher Kontrolle.
Schnell haben Sue, Jack und Elaine tausend Fragen um die Ohren: Ist diese Spielefirma wirklich privat oder steckt der Geheimdienst dahinter? Wem können sie überhaupt noch trauen?

Die virtuellen Aufenthalte in der Fantasy-Spielwelt hat Stross recht kurz gehalten. Das ist gut so, von Stross erwartet man Science Fiction.
Die bietet er gut, mit einem Bild der Polizeiarbeit wie sie in zehn bis zwanzig Jahren aussehen könnte.
Charmant beschreibt Stross diesmal irdische Orte wie Edinburgh und charmant sind seine Figuren, die allesamt mächtig einen Tick irgendwo weg haben.

Warum zum Showdown eine Flash-Mob-Horde von Zombies und ein schottisches Zweihand-Schwert eine Hauptrolle spielen werden, müssen Sie selber rausfinden!

>>> Mehr Bücher im Genre Near-Future-Thriller ...

Besprochene Ausgabe: Orbit (engl.)  |  2008

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