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Charles Stross - Glashaus: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Glashaus

(2008) - Orig.: Glasshouse (2006), engl.
Freundliche KZ-Ärzte und Kaffeehauskränzchen als Widerstandszirkel
Ein Mengele ist Waisenknabe gegen die Boshaftigkeit der Hirnforscher in Stross ' „Glashaus“. Davon ab kann man schon mal schnuppern, wie es für ein Individuum sein wird, dessen zwei oder mehr Personifizierungen getrennt gelebt haben und dann wieder zusammengeführt werden. Wieviel hält ein Hirn aus? Und was sagt der Verstand? Spannende Fragen.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin * 08.12.2008
Charles Stross - Glashaus
Zoom Charles Stross - Glashaus

Dem unbedarften SF-Leser muss klar sein, dass Stross beim Leser die Kenntnis einer Vorstellungswelt voraussetzt, die er selbst und andere SF-Autoren erst in den letzten paar Jahren erschaffen haben. Manchmal wird ihre Spielart als 'Post-SF' tituliert, was natürlich eigentlich Blödsinn ist, gehört es doch zur SF dazu, dass sie dem (noch) Undenkbaren, dem Weithergeholten einen Rahmen gibt. Und meist ist ja die SF innerhalb weniger Jahre von der Realität eingeholt, wie etwa die „Gedankenschreibmaschine“ zeigt, mit deren Hilfe Schwerkranke, die nur noch ihre Hirntätigkeit haben aber keine motorischen Fähigkeiten mehr, mittels Elektrodenhaube, Screen und der sich selbst weiterentwickelnden Software mit ihren Angehörigen kommunizieren können. Übrigens funktioniert dies natürlich noch besser über ein direktes fleischliches Interface. Ein 'Cyborg' ist also keine Science Fiction mehr.

Dieser von Stross und anderen geprägte Hintergrund kennt Backups, versatile Up- und Download-Möglichkeiten von Menschlichen Identitäten, und vor allem die Bedeutungsausweitung des Begriffs Leben; das Digitale Leben ist dem fleischlichen ebenbürtig in allen Rechten und Pflichten. Der Wahl des Geschlechts, der Körperform, der Wahl zum rein Digitalen Leben, dem Allem wird eine Beiläufigkeit zugesprochen; es existiert nebeneinander, der Mensch nimmt sich lang nicht mehr so wichtig wie heute. Die Natürlichkeit der Natur ist nicht mehr das einzige Credo, sondern die Digitalisierung wird als genauso natürlich hinzugenommen.
Es geht da nicht mehr um biologisches Klonen. Das ist nur noch eine Fussnote der Geschichte und furchtbar archaisch. Verstand und Körper sind bis auf den Zustand des letzten Atoms auslesbar, digitalisierbar und beliebig reproduzierbar ohne dies als Horrorvision hinzustellen. Denn es wird technisch möglich werden. Aber klar - Faszination und Abscheu vor dem Künstlichen Leben ist seit der Antike in uns verankert.

Schlicht und den Leser in einen Schwebezustand versetzend geht der Roman los. Da findet man sich mit zwei Reha-Patienten in einer eigenartig unverorteten und fast surreal wirkenden Klinik wieder. Dürrenmatts „Die Physiker“ steigen einem in den Kopf. Die beiden Patienten hingegen ringen mit Fetzen von Erinnerungen, bei denen sie sich manchmal ganz sicher sind, dass sie auf wahrer Erfahrung beruhen, manchmal nicht. Viele Mit-Patienten ringen mit ihrem Selbsthass, da ihnen Erinnerungen genommen worden zu sein scheinen. Ihr fragmentarisches Selbst zwingt sie „[...] die losen Fäden ihrer Persönlichkeit und ihrer Erinnerungen zu einer neuen Identität zusammenzustricken. Dieser unsinnige Zorn auf die ganze Welt, dieser Hass auf die eigene Existenz - der oftmals dem früheren ganzheitlichen Selbst gilt, weil es sie nackt und ohne Erinnerungen der Welt ausgesetzt hat - erzeugt eine ganz eigene Dynamik.“
Der Zorn führt sie oft in Duelle, damals wie in dieser Geschichte, als „[...] strukturierter, formeller Rahmen zum Abbau der Aggressionen nötig, der gewährleistet, dass kein anderer verletzt wird.“
Allerdings enden sie nur kurz tödlich. Das Backup läuft sich schon warm im nächsten Nano-Assembler. Der steckt auch schon mal in der Bar-Toilette, sodass man sich runderneuert nur mit ein bisschen Kopfweh sofort wieder an den Tresen setzen kann.

Charles Stross schafft es, ähnlich wie in seinem „Accelerando“, gerade Wohnwelten und Umgebungen, die es heute noch nicht gibt - zum Teil aus technischen Gründen - eine Atmosphäre und eine sinnliche Erfassbarkeit zu geben. Die ist hier meist schauderlich und klaustrophobisch. Dabei reicht sie von steriler Leere bis zum Hirschen an der Wand. Auch in Zukunft scheint man sich an das Architektenmotto der 70er zu erinnern: „Grün und braun, kann's nix versaun!“; bei Stross: „einem bezaubernden, idyllischen Platz in geringer Schwerkraft, der mit Schaumbeton in Rautenmustern gefliest ist und auf dem Riesenkoniferen in Bonsaiformat wachsen.“
Zeitlos hingegen geht's auf den Genesungsparties zu, nur ist dem Hasch Phosphodiesterase-5-Hemmer beigemischt; wirkt ähnlich Viagra, wie man aus dem Anhang erfährt. Alles wirkt hier freundlich und harmonisch, wie auf dem Wartehof zum Paradies. Es scheint „nach dem Krieg“ zu sein. Sind die Patienten etwa schon im „Vorgarten des Todes“ wie in „Die Stadt hinter dem Strom“ von Hermann Kasack?

Das schnell entstandene Liebespaar Kay und Robin wird für ein Historisches Experiment gelockt, das vermeintlich in einer Simulation die gesellschaftlichen Antriebe des 21. Jahrhunderts erforschen soll, da es hierüber wenige authentische Aufzeichnungen gibt - tja, unseren verrosteten Diskettenscheiss kann schon in einigen Jahren leider niemand mehr lesen und unsere Handy-Fotos sind Digitaler Staub.
Sie landen in einer Kleinstadt-Idylle innerhalb eines Habitats. Verpflichtet haben sie sich auf drei Jahre. Traditionelles Zusammenleben wird von ihnen erwartet und mithilfe des Drucks durch ein Gruppen-Punktesystem bringen die Versuchsleiter die Probanden zu manch scheußlichen Dingen...

Schnell wird klar, dass nicht alles so authentisch ist; so gibt es keine Verhütungsmittel. So lachen sich die Insassen zwar tot über den völlig ungezielten Einsatz von Medikamenten, erschrecken aber über das barbarische „Schwangerwerden“, also das Austragen von Nachwuchs im eigenen Körper, um ihn dann krass durch die Scheide auszupressen!

Es wird ebenso eine Reise in die Vergangenheit der einzelnen Protagonisten. Die müssen die Bruchstücke ihres Lebens zusammenfügen und lernen, Schein und Sein auseinanderzuhalten. Oder einfach beides zu akzeptieren.

Ambivalent kann der Leser dem Mittelteil des Romans gegenüberstehen und den Rückblenden. Die an und wann naive Zeichnung dieser Versuchsgesellschaft kann nerven. Und ist sie doch Hebel für den Fortlauf. Stross fragt, wieviel sich ein Individuum gefallen lassen darf und wann ein Aufstand erfolgen muss. So ist 'Sam' ein extrem unheroischer Charakter, doch muss man ehrfurchtsvoll eingestehen, dass er sich einprägt und seine Entwicklung gegen Ende eigentlich die interessanteste ist. Anders bei den Rückblenden. Die Hintergrund-Fakten und die Tätigkeiten der Protagonisten lesen sich hier wie ein Telefonbuch. Stross schien neben dem schwierigen Haupt-Plot nicht genug Kraft gehabt zu haben, auch diesen Strang gut auszugestalten.
Der Rezensent neigt ganz knapp dazu, dennoch die Hänger und Wiederholungen im Mittelteil zu kritisieren. In seinen darauffolgenden Büchern „Halting State“ und „Saturn's Children“ hat sich Stross vom Diktat der Länge, vorgegeben von den Verlagen, frei gemacht; sie sind 100 bis 200 Seiten kürzer und das tut Stross' Werk gut.

Der Gummi, der die Geschichte zusammenhält ist durchaus klassisch: die Love-Story. Die wäre heutzutage nur ansatzweise möglich. So perfekt ist unser Körpertausch, Geschlechtsmix und Erinnerungs-Mingle-Mangle noch nicht.

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Besprochene Ausgabe: Heyne  |  2008

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