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Charles Stross - Die Kinder des Saturn: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Die Kinder des Saturn

(2009) - Orig.: Saturn's Children - A Space Opera (2008), engl. (dt. ab Okt. 2009 / Rezension der engl. Ausgabe)
„Space travel is shit!“
Stross wirft seine menschlichen Leser in eine reine Maschinenwelt. Die Maschinen haben ihre Ahnen gut adaptiert und versklaven sich gegenseitig. Wie weit seine Misanthropie geht, lässt er bis zum Ende offen, denn eine Wiedererschaffung der Spezies Mensch wäre möglich...  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 16.07.2008
Charles Stross - Die Kinder des Saturn
Zoom Charles Stross - Die Kinder des Saturn

Sie plumpsen also in einen Roman, in dem Sie ausschließlich mit der Ich-Erzählerin und Maschinenmensch Freya Nakamichi unterwegs sind. Das ist fordernd, denn obgleich neuronal ihren Erschaffern genau nachempfunden, hat sich einiges in der mentalen und physischen Empfindungswelt ihrer Nachfahren getan. Stross erfindet hierfür keine neue Kunstsprache, sondern einfach einen Duktus, dem man abnimmt, von einer Maschine zu stammen, von der der Leser argwöhnt, ob ihr Beseeltheit und Lebenssinn noch immanent sind.
Zum traurigen Gesamtton der gebeutelten Heldin gesellt sich eine kühle Strukturiertheit im Ausdruck. Es bleibt auch nicht bei einer einzigen Identität der körperlichen Hülle Freyas, denn mit weit weniger Problemen als ein Mensch, kann sie sich andere Identitäten hinzuverleiben, sie nur kurz tangieren oder nur gewisse Erfahrungsaspekte oder Erinnerungen anderer aufsaugen. Das impliziert insgesamt eine sehr hohe Dichte des Romans, jedes Wort erscheint wichtig, zumal er noch dazu als Spionagegeschichte angelegt ist.
Das kann das Lesevergnügen empfindlich bremsen, in Momenten in denen durchsickernde Erinnerungen - von wem noch gleich? - den einige Zeilen zuvor leichtsinnig unaufmerksamen Leser aus der Bahn werfen.

Natürlich bleiben Sie dran, mehr als durch den Spannungsaufbau, durch das Gefangenwerden in einer barbarischen Welt und beklemmenden Atmosphäre, deren Form so völlig neu ist: Selbst der Nachhall der Spezies Mensch ist längst verschwunden.
Sie bewegen sich mit Personen, die einst als „arbeiters“ - ja, so die Bezeichnung im englischen Original - für den Menschen das Sonnensystem erobern mussten, der Energie und den Rohstoffen hinterherhechtend. Dementsprechend angepasst erleben und überleben diese unter Umständen minus 240 Grad in der Nähe des Jupiters oder die kochende Oberfläche Merkurs und auch das Vakuum. Eindeutig gewappneter gegen diese Unbilden, als der völlig weltraumuntaugliche Mensch, schützt sie das nicht vor sich selbst. Einst konditioniert zur unbedingten Hingabe an den Menschen, nutzt eine Aristokratenschicht weiterhin diese Konditionierung, um auf perfide Weise den Großteil der wie auch immer körperlich geformten Roboter versklavt zu halten.

Freya ist als Lustmodell geschaffen. Durch die Süffisanz in der Wahl seiner Hauptfigur schafft sich Stross aber nur ein bisschen Erleichterung. Freyas Humor - es gibt immer Lacher in Charles-Stross-Büchern - bleibt ihr selber oft im Halse stecken, wirft den Leser umso mehr gegen die Wand, als er mit einer Protagonistin auf Reisen geht, der er angesichts der Boshaftigkeit ihrer Gegner gerne James-Bond-, in diesem Fall Emma-Peel-Kräfte zugestehen möchte, sie aber eher als Antiheldin daher kommt, meist mausgrau und depressiv wirkend, konträr zu ihrer körperlichen Erscheinung.
Man muss Empathie bekommen mit dieser Spionin wider Willen, einem Underdog, die in einer Welt lebt, in der die meisten auf die Angst um die nackte Existenz zurückgeworfen sind. Um ihre Haut vor der Willkür einer „Aristo“ zu retten, nimmt sie Aufträge an, die sie immer weiter in ihre eigene Vergangenheit führen, aber auch die zukünftige Entwicklung des ganzen Sonnensystems betreffen.

Den einprägsam beschriebenen Feindlichkeiten des Weltraums begegnen die Maschinen durchaus mit Grazie. Freya beobachtet ihre Feindin auf einem arschkalten Jupitermond: „I stare at her in her fairy-tale-princess finery, white and silver to suit the climate, an elven ice queen with sapphire hair, dressed for a winter ball in the dark of an Jovian moon.“

Doch den Träumen einer schnellen Eroberung auch nur „unseres“ Sonnensystems, etwa wie in NASA-Prospekten der Fünfziger manifestiert oder in gegenwärtiger Mars-Euphorie, erteilt Stross eine bittere - und wahrscheinlich realistische - Abfuhr. Das Befüllen sämtlicher Körper-Hohlräume mit g-Schutzgel und die Reaktionen der (Androiden-)Körper und der Psyche auf drogeninduzierte Zeitbeschleunigung, um jahrelange Raumreisen zu ertragen, ist herrlich eklig vorgetragen und verleidet jeden Wunsch nach Astronaut.

Freya ist Nachfahre des Templates ihrer Produktionslinie. Das Template, noch zu Menschenzeiten produziert, durchlebt aufwändiges Training und Konditionierung. Einmal zur Reife geführt, können dessen Erinnerungen in eine unbegrenzte Zahl weiterer Geschwister dekantiert werden. Die Geschwister können ihre Erinnerungen austauschen. Die Frage ist, wieviel nicht eigenes Erleben verträgt eine Person. Das Spiel mit Identitäten, das Durchsickern von Persönlichkeit, das mitunter undurchschaubare Mischen multipler Persönlichkeiten treibt Stross großartig auf die Spitze, wenn auch zeitweise an die Spitze der Aufnahmefähigkeit des Lesers. Ebenso groß, seine Beschreibungen des Leidens einer Maschine - im Kampf, in Agonie, im „Checken“, ob noch alles funktioniert - und das alles im Abhandensein von Seele? Auch der Maschinensex?

Warum ist der Mensch eigentlich weg? Hat er sich für alles und jedes Deputies geschaffen - für den Einkauf, für den Seitensprung, für den Sport - um sich schließlich als Mensch selbst vertreten zu lassen? Stross ist nie unbedingt in Jahreszahlen seinen Kollegen voraus, sondern im Erkennen derzeitiger soziologischer Trends, deren Wechselwirkungen mit den technischen Errungenschaften von ihm besser durchdrungen werden, als von reinen Wissenschaftlern.

Der Roman bietet eine extrem klaustrophobische Atmosphäre durch das Eintauchen in eine Welt aus der die Spezies des Lesers selbst längst verschwunden ist, das einhergehende Ausgeschlossensein von Motiven der Maschinen und durch ein Erzählkonzept, in dem sich Hintergründe sehr langsam und psychotisch manifestieren durch das Diffundieren einverleibter Persönlichkeiten in ein und demselben (Maschinen-)Kopf.

Der Rezensent kritzelte sich beim Lesen eine Assoziationskette des Lesegefühls zurecht und scheut sich nicht, sie wiederzugeben:
Ekel - Furcht - Abscheu - Neugierde - Faszination - Schmerz - wohlige Anstrengung - Verausgabung - Qual - (Masochismus) - Kälte - Emma Peel!

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Besprochene Ausgabe: Ace (engl.)  |  2008  |  336 Seiten  |  Festeinband*  |  € k. A.

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