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- Accelerando

(2006) - Orig.: Accelerando (2005), engl.
Eine schrecklich nette Familie - die Bundys rudern durch die Singularität
Stross' Familien- und Technikepos liefert exponentiellen Schwung bis zur letzten Konsequenz.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 26.01.2008

Man muss sich herankämpfen an diesen Roman: Die ersten hundert Seiten sprachlich ungelenk, die Charakterzeichnung ungenügend, die beschriebenen Ökonomien fragwürdig.
Die Sprache wird besser und in der zweiten Hälfte sogar brillant (wie auch immer, ein guter Lektor hätte Stross die ersten hundert Seiten nochmal schreiben lassen).

Der Entwurf jedoch ist großartig. Es ist die Geschichte von einem rasanten Ende der Menschheit wie wir sie kennen, (fast) gänzlich ohne die Einwirkung von Außerirdischen und ohne postnukleares Dahinsiechen.
Alles fängt harmlos an, in den Zehner-Jahren dieses Jahrhunderts mit den Gimmicks, die sich mancher heute schon neben seinem iphone zu haben erträumt: Netzhautimplantate sowie diese und jene kortikale Erweiterung, mit deren Hilfe ständig, quasi „aus dem Augenwinkel heraus“, im unendlichen Informationsfluß eines omnipräsenten WLAN geforstet werden kann. Virtuelle Agenten - Abspaltungen der eigenen Persönlichkeit - schwärmen allzu bald aus, um dem Besitzer Wissen und Verhandlungsergebnisse aus der Netzwelt zurück zu tragen. Selbst den Denkprozeß unterstützende, die eigene Persönlichkeit erweiternde Konstrukte liegen noch vor Mitte des Jahrhunderts auf entfernten Servern.

Das Leben, das digitalisierte und das fleischliche, wechseln sich alsbald gegeneinander ab. Ein schöner neuer Klon-Körper zum Dekantieren ist hier für jeden erschwinglich. Wohltuend moralisiert Stross hier nicht, sondern legt das Thema neutral an. Es fungiert nicht als Haken zu einer Negativen Utopie.
Die Menschheit bildet Fraktionen, die einen mehr dem „Meatspace“ zugeneigt, altmodisch und ohne zuviele Modifikationen des Körpers, die anderen, im Extremfall, eine pure Existenz im Cyberspace wählend.
Man bricht zudem zu den äußeren Planeten auf: Der Rohstoff- und Energiehunger ist ungebrochen.

Doch eine immer bedeutendere Fraktion gesellt sich hinzu und soll alsbald überborden: die reine Künstliche Intelligenz, die die Menschen nur noch als ihre Erschaffer erfährt bzw. sich aus der Verschmelzung unzähliger heraufgeladener Persönlichkeiten schafft, als kollektives Wesen. Deren Hunger nach Rechen- und Speicherkapazität und damit nach Materie und Energie ist unzügelbar...

Stross' Welt zum Ende des Romans ist elegant und ehrfurchterregend. Er lehrt uns, mit Umsicht in die Zukunft zu steuern, unseren Wissensdrang aber von nichts behindern zu lassen.

Aufgezogen ist alles anhand mehrerer Generationen einer „Familie“ - bei diesem Wort muß man herkömmliche Definitionen allerdings beiseite lassen, wie sich leicht erahnen läßt. Sie sind verschroben, genial, widerspenstig und unternehmungslustig, seine Hauptpersonen. Und sogar lachen kann man oft über sie.

Besprochene Ausgabe: Heyne | 2006

      
 
 
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