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Chang-rae Lee - On Such a Full Sea: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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On Such a Full Sea (2014), engl. (zu dt. noch nicht erschienen)
The Full Monty
In sein volles Können greift der aus allgemeiner Literatur bekannte US-Amerikaner Chang-rae Lee erzähltechnisch. Und schmälert sein interessantes erstes Genre-Stück - eine Negative Utopie - durch manch Überambitionierung.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 08.08.2014
Chang-rae Lee - On Such a Full Sea
Zoom Chang-rae Lee - On Such a Full Sea

US-Amerika ist kaputt. Sagen die Linken schon immer. In Chang-rae Lee 's wenig schmeichelhafter Zukunft ist es das ökologisch wirklich und die Schere im sozialen Status ist noch weiter auf gegangen. Doch das ist auf der ganzen Welt der Fall und das einstige Baltimore ist jetzt B-Mor und schaut auf eine hundertjährige Geschichte chinesischer Einwanderung zurück. Man erzeugt Fisch in Aquakultur und lebt recht gut vom Handel mit den reichen Enklaven der "Charters". Doch der größte Teil des Landes dazwischen ist wasteland: In diesen "open counties" ist es schwül-warm, klebrig und stinkend die Luft, ihre Bewohner stinken ebenso, so regelmäßiges Duschen wie es die B-Mors tun, wäre für sie Luxus.

Auch Chang-rae Lee, vielfach preisgekrönt im allgemeinen Literaturbereich, nutzt in seinem ersten Ausflug ins Dystopie-Genre das dort beliebte Mittel: Heroine 'Fan', sechzehnjährig, nimmt es alleine mit den Verkrustungen des Systems auf, bricht von B-Mor auf ins Ödland, um schließlich in die Fratze von Saturiertheit und Perfektion und die resultierende Panik vor Verlust von all dem zu schauen: Sie landet in einer der streng abgeschotteten Charter-Städte. Warum tut sie das? Revolutionärin? Nein, der Grund: Liebe! Doch ihr Ritt wird Saaten auslegen - ohne ihr gewolltes Zutun ...

Die Erlebnisse von Fan bieten durchaus einiges gutes Material, wie es aus den Genres Abenteuer oder Endzeit erwartet werden kann. Lee legt kleine Krümel aus, um uns zu kitzeln, etwa das alte Sprichwort in B-Mor "Don't become xiãng-cháng! - Don't become sausage!" Jugendliche waren nach einem Campingausflug in die Outskirts schon mal mit entnommenen Organen wieder nachhause gekommen. Doch es ist sehr schwer, sich von der Erzählweise von "On Such a Full Sea" mitreißen zu lassen. Denn die hat Lee sehr artifiziell und ausgeklügelt angelegt. Erzähler ist ein anonymes "Wir", das die Gemeinschaft der B-Morer verkörpert. Das Wir kann rückblickend über die Odyssee Fans berichten. Schnell ist klar, dass das Mädchen zur Legende wurde, und wir deren Genese zugucken. Dabei wertet der Berichterstatter teils doktrinär und lehrerhaft und schwankt zwischen Bewunderung und Skepsis. Auch die Funktion ist klar: "Stability is all here in B-Mor", wie es typisch ist für eine Exilgemeinde, werden traditionelle Werte, Arbeitsamkeit, Sitte und Abstammung hochgehalten. Es gibt so gut wie keine Verbrechen. Da passt Revolution schlecht rein. Die Starre der Gesellschaft ist zudem als Kontrapunkt zum verwüsteten Zustand der restlichen Welt zu sehen.

Nun das große Aber. Als Beispiel die Kapiteleinleitung "But Fan, we have come to learn, [...]", dieser vage Duktus, mit dem Chang-rae Lee eine milchige Scheibe zwischen uns, die Leser, und seinen Schützling Fan legt. Meint er es kunstvoll, will er nicht in den oft überhasteten, effektheischenden Duktus des Großteils der Dystopie-Literatur verfallen? Oder mehr Authentizität der Fiktion erreichen? Es täte in dieser Form jedenfalls keine Not. Eine Entschleunigung muss nicht durch das anonyme "Wir" erfolgen, das wie aus einem Archiv heraus berichtet, noch dazu mit einer zeitlichen Distanz, die wiederum noch mehr Gaze zwischen die Ereignisse und den Leser stellt.
Lee bremst gar Erwartungen und Lesefluss regelrecht aus, wenn das anonyme Wir direkt aus der Handlung raus mit einem neuen Kapitel recht banale Lebenssituationen innerhalb B-Mors langatmig beschreibt, nach dem Weggang Fans. Diese Passagen wirken noch archivartiger und lebloser, da sie kaum oder nur beispielhaft eingeführte Protagonisten haben.

In der Darstellung der Charters trifft Lee die Extrapolation unserer Gegenwart am besten. Was wir jetzt schon haben an narzisstischer Persönlichkeits- und Angststörung, wird in seiner Zukunft multipliziert. In den Kuppel- oder Untergrundrefugien ist alles da, und man kann umso mehr verlieren. Man kann alt werden, häßlich, arm, sich eine der tödlichen Seuchen aus dem Ödland einfangen, falsches Bioessen erwischen ... Wer nur darauf bedacht ist, alle Lebensrisiken zu minimieren, wird über Leichen gehen. Das sollte auch das behäbige Wir der B-Morer aufrütteln, diesen leichten "pain in the ass" in der Erzählweise von Chang-rae Lee 's "On Such a Full Sea".

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Besprochene Ausgabe: Riverhead  |  2014  |  368 Seiten  |  Festeinband*  | 

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