
Es ist ein Sachbuch, das mehr Cliffhanger hat als jeder Krimi. Geschuldet dem Leben des Ex-Gangsters Cem Gülay und der Schreibe seines Ghostwriters, dem erfahrenen Journalisten Helmut Kuhn. Zudem durch eine unheimliche Komprimierung, mit der das Gespann zum Beispiel auf 30 Seiten durch die Soziologie der Siebziger- und Achtziger-Jahre-BRD pflügt. Dann die Beschreibung der Entstehung des Hasses, die für jeden, der entweder die Achtziger noch nicht bewußt miterlebt hat oder nicht in den Ballungszentren aufgewachsen ist, eine Offenbarung ist. Ganz nebenbei im Allgemeinen, und immer wieder zentral und persönlich durch die eigene Familiengeschichte, das Problem des Machotums: Auf wenigen Seiten skizziert Gülay im Tenor einer Seyran Ateş, wofür diese ein ganzes, ebenfalls gutes, Buch braucht („Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“). Und doch, das ist paradox, scheint das Buch langsam anzulaufen. Kommt eigentlich noch was über Cem Gülays Gangsterkarriere?, fragt man sich, der in den Neunzigern zur Hamburger „Gangster GmbH“ gehörte, in Deutschland geboren ist mit anatolischen Wurzeln. Es wird. Zuvor aber noch drei Knackpunkte in seinem Leben, wie er meint. Er hat das Abitur fast in der Tasche. Man wählt ihn zum Schulsprecher. Der Direktor zwingt ihn angeblich, das Amt nicht anzunehmen. Das dürfte die Person sein, die gegen das Buch eine Abmahnung ergehen ließ. Der Verlag dtv will wohl diese Stelle jetzt schwärzen aus Beweisnot. Vorher noch das Ende seiner Profifußballer-Karriere bevor sie überhaupt richtig begann. Bertie Vogts, ja, Bundesbertie, kommt an diesen Stellen nicht gut weg. Von Abmahnung hört man noch nichts. Letztlich die Verwandlung seines Vaters in einen Psychopathen, der die zwangsverheiratete Mutter schlägt. Cem Gülay sieht diese Tragödie zum Teil auch von aussen induziert, dazu später. Gülay zieht von zuhause aus.
Statt Studium: Einweisung ins Gangstertum durch Onkel Can. Gülay sieht trotz Abitur nur die Zurückweisungen, die ihn seit der Kindheit begleiten. Bis jetzt glaubte er an die deutsche Gesellschaft: Bringst du gute Leistung, hast du ein gutes Leben. Gerecht. Nun kommt ihm der Gedanke: Egal, ob du studierst oder nicht, man wird dich immer abweisen. Es folgen viele Geschichten in der Geschichte dieses Gangsterdaseins, das er mit Anfang 20 beginnt. Über den Gangsterehre-Mythos, der nur stimmt, solange er nicht abrupt ins Gegenteil kippt. Über die Vorbilder, das sind neben den eigenen Landsleuten tatsächlich die Figuren aus übel romantisierenden Schinken wie die „Pate-Trilogie“, „Good Fellas“ oder „Donnie Brasco“. Über den Aufbau zur Machtstellung durch schonungslose Brutalität. Und über die Hamburger Warentermingeschäft-Szene der Neunziger. Das war eine türkisch-deutsche Szene in der sich die intelligentesten frischgebackenen BWL- oder Jurastudenten befanden. Man wusch Schwarzgeld aus ganz Europa weiß, saugte aber den Kunden aus. Man betrog also Betrüger. Man hatte kein schlechtes Gewissen. Die Hamburger Polizei „zitterte“ laut Gülay vor dieser Szene. Man fuhr mit den Porsches mit 200 durch die Stadt ohne auch nur einen Strafzettel zu bekommen. Zudem seien Warentermingeschäfte „eine hanseatische Domäne“ gewesen und die Justiz habe weggeschaut.
Auch an diesen Stellen schreibt Cem Gülay plastisch, macht zum Beispiel auch dem Nicht-Ökonomen klar, am Beispiel des 1991er Irak-Krieges, wie alle Börsenzocker, egal wo auf der Welt, an einem Krieg verdienen wollen und können.
Cem Gülays Buch vertritt bei allen seinen soziologischen Erkundungen natürlich seine Sichtweise: Die eines in Deutschland geborenen Türkischstämmigen, mit perfekten deutschen und englischen Sprachkenntnissen und Abitur, der trotzdem sein Leben erstmal in den Sand setzt. Dabei beschreibt er seine türkischen Landsleute schonungslos als auch seine deutschen. Dabei zeigt er, was die deutsche Politik ab den Siebzigern punkto Integration hätte besser machen können. Unterschwellig schiebt er dabei doch zuviel Schuld auf Deutschland hinsichtlich der kommenden Miseren Bandenkriege in den Trabantenstädten in den Achtzigern und anhaltende Bildungsproblematik sowie der Einzelschicksale in seinem Buch. Da sieht er oft die Kulturunterschiede nicht, die aber betrachtet werden müssen, weil sie extrem wichtig sind in der Konfliktentstehung. Aber vor allem haben weder Journalist Kuhn noch Gülay das Zuwegekommen des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens für Gastarbeiter studiert, das ein ganz anderes Licht auf die landläufige Lesart des deutschen Arbeitskräftebedarfs als Grund wirft und damit auf irgendeine „Schuldfrage“ wirft, falls die überhaupt irgendwo festzumachen ist. Und - was banal erscheint - die letzte massenhafte Integration Nicht-Deutschstämmiger fand im Kaiserreich statt, die sogenannten Ruhrpolen: Es gibt für die millionenfache Einwanderung der Siebziger und Achtziger aus einem völlig anderen Kulturkreis, die dann noch mit einem gutgemeinten Gesetz von 1973 völlig aus dem Ruder lief, keinen Präzedenzfall! Erst als das Kind im Brunnen lag, warnten erste Soziologen.
Dinge sind einfach passiert. Deutschland hatte Anwerbeabkommen mit einigen europäischen Ländern und wollte das auch weiter so handhaben. Die Türkei drängte jedoch zu einem weiteren Abkommen. Sie litt unter extremem Devisenmangel und war das ärmste aller sogenannten Entsendeländer. Ihr Durchsetzungshebel war ihre Funktion als Südost-Flanke der NATO. Es war kalter Krieg. Zweiter-Weltkriegsverlierer und Holocaust-Verursacher Deutschland musste kuschen vor den ehemaligen Alliierten und hat sich heute noch nicht davon emanzipiert. Man stimmte schließlich dem Abkommen zu.
1972 überwiesen türkische Arbeitnehmer aus Deutschland 2,1 Mrd. DM in die Türkei und überkompensierten das türkische Handelsbilanzdefizit. Dann 1973 der Anwerbestopp, aber das Gesetz zur Nachführung von Kindern bis 14 Jahren. Diese Auswirkungen wiederum beschreibt Cem Gülay in ihrer vollen Krassheit: In der Türkei werden massenhaft Pässe gefälscht, Sechzehn- und Siebzehnjährige, komplett ohne Bildung und Sprachkenntnisse, wandern nach Deutschland ein, teils ohne Verwandschaftsverhältnis. Es werden die sogenannten Nachgezogenen sein, die mit Schnurrbart in die Erste Klasse der Schulen gesetzt werden oder in die Sonderschule. Sie werden die Banden bilden. Wir haben zwei Weltwirtschaftskrisen in den Siebzigern. Es wird der Türkenhass entstehen. Es wird der Deutschenhass entstehen... „Ganz unten“, das Wallraff-Buch, das auch Gülay in seiner Jugend liest. Aber man muss die Entstehung eben miteinbeziehen.
Cem Gülays Buch enthält viel vom Kulturunterschied und den Auswirkungen von Armut. Nur kommt deren Bedeutung etwas zu kurz. Er erzählt die Episode des anatolischen Verwandten, der durch sein Dorf gerne stolz mit einem seiner zwei Gewehre paradiert. Er erzählt vom Großvater mütterlicherseits, der aus Gier, nach Deutschland zu kommen, seine Tochter verkauft. Nämlich Gülays Mutter. Gülays Vater pflegte neben seinen Jobs noch Schiebergeschäfte. Nach der Zwangsheirat schleust er wirklich die Großeltern nach Deutschland, um dann mit irrer Brutalität sowohl seine Frau als auch die beiden Alten in einem Abhängigkeitsverhältnis zu halten. Deutschland hat aber das extreme wirtschaftliche Gefälle nicht erzeugt. Das türkische Gerücht, in Deutschland seien „die Straßen aus Gold“ kann kein Deutscher in die Welt gesetzt haben. Auch ist Deutschland nicht zuständig für die kulturellen Unterschiede. Als Beispiele: Gülay beschreibt den Hass auf die deutsche Türsteherszene. Einlass war seinesgleichen vor der Gangsterkarriere verwehrt. Danach natürlich kein Problem. Wer im Nachtleben gearbeitet hat, weiß: größere, rein männliche Gruppen erzeugen Ärger. Warum waren und sind diese größeren Gruppen überproportional oft türkisch? Weil die muslimischen Mädchen aus deren Bekanntenkreis oft zuhause eingeschlossen waren und sind. Gülay versucht an anderer Stelle das Machoding und die Großtuerei türkischer Jugendlicher mit der Notwendigkeit des Stärkezeigens und der Zusammengehörigkeit als Minderheit zu erklären. Sein anatolischer Verwandter mit dem Gewehr hat aber doch Deutschland nie gesehen. Es gibt eben keine einfachen Schuldzuweisungen für vergangene und gegenwärtige Minderheitenproblematiken.
In anderen Dingen ist Cem Gülay sehr genau. Er skizziert nicht drei oder vier Generationen von Türken in Deutschland sondern sechs. Generation Sechs sind die Kinder der damaligen „Nachgezogenen“ die jetzt „die Wut ihrer Väter im Bauch“ hätten. Er schert nie alle Gruppen über einen Kamm, was er von Gangster-Onkel Can gelernt haben will. Er beschreibt fast liebevoll die Hamburger Lenzsiedlung der Siebziger mit der fürsorglichen deutschen Nachbarschaft. Er beschreibt den immer multikulti-engagierten Lehrer, dessen Weltbild sich dreht, als sein Sohn von türkischen Banden terrorisiert wird. Er beschreibt auch die Aussöhnung mit jemandem, dem er vor 15 Jahren Auge und Nase schwer verletzt hatte. Er war einer von vielen, denen die Ansprache „Kanacke“ beim Kampfsportler Gülay nicht gut bekommen ist.
Trotz Kritik freuen wir uns auf ein zweites Buch, vielleicht über die Verhältnisse in Berlin, wo der Ex-Gangster Cem Gülay jetzt lebt. Nicht ganz freiwillig, wie er in einem Interiew sagt. Einige Rechnungen aus der charmanten „Good Fellas“-Welt scheinen noch offen.
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Besprochene Ausgabe: dtv premium | 2009 | 280 Seiten | Broschur* | € 14,90
* Festeinband: harte Buchdeckel
/ Broschur: weiche Buchdeckel
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1. Cem Gülay: Türken-Sam - Eine deutsche Gangsterkarriere (2009)
2. Seyran Ateş: Der Islam braucht eine sexuelle Revolution (2009)
3. Irene Dische: Clarissas empfindsame Reise (2009)
4. Joey Goebel: Heartland (2009) - Orig.: Commonwealth (2008), engl.
5. Stewart O'Nan: Letzte Nacht (2008) - Orig.: Last Night at the Lobster (2007), engl.
Banana Yoshimoto:
Mein Körper weiß alles - 13 Geschichten
Diogenes, Festeinband
Philipp Tingler:
Doktor Phil
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Josh Weil:
Herdentiere - Eine amerikanische Novelle
Dumont, Festeinband
Hanna Lemke:
Gesichertes - Stories
Kunstmann, Festeinband