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Caroline Alexander Der Krieg des Achill - Die ILIAS und ihre Geschichte

Caroline Alexander - Der Krieg des Achill - Die ILIAS und ihre Geschichte (2009) - Orig.: The War That Killed Achilles - The True Story of Homer's Iliad and the Trojan War (2009), engl.

„Gewaltig gleicht sie unsterblichen Göttinnen von Angesicht“
Um die so zweischneidig beschriebene Frau tobt der irrwitzigste Krieg der Mythen-Geschichte und somit Prototyp aller Kriege. Einigermaßen klar scheint nur Achill zu sehen, meint Caroline Alexander.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 20.12.2009
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Bereits in ihrer Doktorarbeit befasste sich die US-Amerikanerin Caroline Alexander, Jahrgang 1956, mit der Ilias. Sie studierte an der Columbia University unter der Leitung von zwei Homer-Experten und kannte noch den mittlerweile verstorbenen maßgeblichen Entschlüssler der „Linear-B-Schrift“, mit der die mykenische Zivilisation um 1.250 v. Chr. schrieb. Sie kennt den Ausgrabungsleiter in Mykene und durfte den ebenfalls verstorbenen Leiter der neuen Grabungen in Troja kennenlernen.

So eine Altertumsbegeisterte wird jetzt im linksorientierten Berlin Verlag mit ihrem „Der Krieg des Achill“ verlegt. Das macht neugierig. Aufschlussreicher schon mal, der Originaltitel: „The War That Killed Achilles - The True Story of Homer's Iliad and the Trojan War“. Dass Homers Ilias eher Anti-Kriegsepos ist, ist nichts Neues. Es gibt keinen einzigen Helden und auch niemanden im einfachen Fußvolk, der glorreich und ruhmvoll stirbt. Sie starrt vor Vergewaltigungen bei den Göttern - in den Vorgeschichten - und bei den Irdischen, vor akribischer Beschreibungen der Verstümmelungen im Kampf. Keiner kämpft verletzt mannhaft weiter und wird dann geheilt, in der Regel stirbt man, was oft historische Tatsache sein dürfte. Neu ist, wie Alexander die Verweigerungshaltung Achills herausarbeitet, seine Andersartigkeit beginnend bei seiner Herkunft und vor allem seine letztlich scheiternde Auflehnung gegen das Althergebrachte, den unbedingten Respekt vor den älteren Generationen, die ja naturgemäß alles besser machen - glaubt man dem üblichen Moralkodex einer Gesellschaft.

Caroline Alexander betont, Achill kämpfte nicht vor Troja wegen einer gemeinsamen Sache und nicht für Ruhm, sondern weil er überlistet wurde. Er schlitterte in eine zehn Jahre andauernde Sache hinein, von der Homer nur zwei Wochen herausgreift und schon in den ersten Szenen der Ilias deutlich macht „dass die demoralisierte Armee der Achäer unter mangelhafter Führung für eine fragwürdige Sache kämpft und nach Hause will.“ Das sei, meint Alexander weiter, „gelinde gesagt, eine bemerkenswerte Art und Weise, ein großes Kriegsepos einzuleiten.“ Sie legt jedoch nicht offen - soweit man bei einem Mythos irgendetwas wirklich offenlegen kann -, warum in Achill erst nach geschlagenen zehn Jahren die Erkenntnis reift, dass er in einem sinnlosen Krieg sein Leben lassen wird. Das Problem könnte doppelt sein: oben genanntes, - die ältere Generation beschließt Kriege - und die Unüberlegtheit und Tollkühnheit der Jugend - an einer Stelle stellt Caroline Alexander die Überlegung an, Achill müsse 18 gewesen sein, als er nach Troja aufbrach. Verhärmung trifft auf Verführbarkeit. Zeitlos.

Die Auszehrung durch diesen Krieg oder dessen reale Vorbilder - wahrscheinlich mehrere Kriegszüge - war desaströs. Die mykenische Kultur wird aufgerieben und verliert für 500 Jahre die Kenntnis der Schrift, etwa bis zur Zeit Homers. Das ist viel, verglichen mit den zwei Wochen, die Homer schildert: Von Achills Auseinandersetzung mit dem unfähigen Heerführer und Großkönig Agamemnon bis zur Beisetzung Hektors. Und es ist auch viel, verglichen mit der vergänglichen Schönheit einer Helena, die übrigens, basierend auf zwei unterschiedlichen Erzählungen das Kind einer Vergewaltigung war: Wie auch immer, Zeus vergewaltigte Leda und Nemesis, letztere in Gestalt eines Schwans, warum der wohl auf alle Zeit als Symbol verlogener Spießbürgerlichkeit gelten dürfte. Das leitet dazu über, dass Homer auch jegliche blinde Familienloyalität in Abrede stellt. Hektor etwa, würde Paris am liebsten steinigen. Steht bei Hesiod der Schwur der Freier Helenas noch als etwas Kühnes im Raum, macht Homer deutlich, wie schwachsinnig sich nun Agamemnon für seinen Bruder Minelaos einsetzt, beziehungsweise die Familienehre vorschützt, um vermeintliche Reichtümer von den Trojanern zu erbeuten.

Die detaillierten Todesschilderungen im Kampf sind gruselig. Alexander zitiert einige davon. Die Eigenart Homers dabei ist auch, dass er selbst beim „Einfachen Soldaten“ immer einige kleine Anekdoten oder Charakterzeichnungen aus dessen Leben anfügt. Die Tode sollen somit „elend und leidvoll wirken“ und in der Ilias drängt sich laut Alexander „an die Stelle des Ruhms das Mitleid mit dem Menschen, der eine Familie und eine Lebensgeschichte besitzt und nun ausgelöscht wird.“
Sie zitiert zum Vergleich andere Heldensagen, in denen zwar „der Boden mit Blut getränkt“ wird, aber nie anatomisch anschaulich erzählt wird, wie einem die Backe weggeschossen wird und das Geschoss die Wurzel der Zunge durchtrennt.

Die Beweggründe Caroline Alexander 's nach 1991 - ihrer Doktorarbeit - wieder ein Buch zu diesem Thema zu veröffentlichen, liegen in diesen Kriegszeiten nur allzu klar auf der Hand. Zudem ist das kompakte, leicht verständliche Buch wichtig, da kaum jemand die komplette Ilias kauft und liest.

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Besprochene Ausgabe: Berlin Verlag | 2009 | 318 Seiten | Festeinband* | € 22,00
 
* Festeinband: harte Buchdeckel
  / Broschur: weiche Buchdeckel

 
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