Carlos Busqued - Unter dieser furchterregenden Sonne: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Unter dieser furchterregenden Sonne

(2010) - Orig.: Bajo este sol tremendo (2009), argent. Spanisch
Von Tieren und Menschen und dem Leben nach der Diktatur
Der Axolotl war jüngst in deutschsprachigen Literaturperipherien in aller Munde. Auch im Roman-Debüt des Argentiniers Carlos Busqued hat der Lurch mit dem Peter-Pan-Syndrom einen bedeutungsschwangeren Auftritt, um den herum sich grausige Verbrechen abspielen.  Von Clarissa Lempp - sf magazin 01.09.2010

In der Stadt Córdoba, im Norden des heutigen Argentinien, sitzt 'Javier Cetarti' - im Lebensalter irgendwo nach der 30 - gleichtönig die Abfindung seiner letzten Anstellung ab. Kiffend konsumiert er Tier-, Militär- und Kriegsdokumentationen im Fernsehen. Bis ihn ein Anruf aus der Provinz Chacao aus seiner televisionären Meditation über Riesenkraken herausreißt, die gierig, verfressen und "extrem aggressiv" mit phosphoreszierenden Augen in der Tiefe der Meere lauern. Auch auf Cetarti, wie er schlicht von Carlos Busqued benannt wird, lauert ein Unglück. Bruder und Mutter wurden ermordet. Der mutmaßliche Täter, der Lebensgefährte der Mutter, hat sich selbst erschossen. Für Cetarti ist dies eine Botschaft aus einer anderen Welt, er selbst hatte seit langem keinen Kontakt mehr zur Familie. Nun soll er über deren Beisetzung entscheiden und zur Testamentsvollstreckung nach Lapachito kommen. Die Reise in das Dorf, das durch Grundwasseranstieg zu einem Sumpf verkommt und über dem die titelgebende "furchterregende Sonne" gnadenlos brennt, ist aber keine Reise in die Vergangenheit Cetartis.

Wie in der Dokumentation über die Humboldt-Kalmare, warten auch auf Cetarti bereits zwei Fangarme in den unheimlichen Tiefen der menschlichen Abgründe. Aber wie es meist mit den anthropoiden Ungeheuern ist, treten sie zunächst mit freundlicher Geste auf - und in Cetartis Fall als Testamentsvollstrecker 'Duarte' mit guter Dope-Quelle und besten Verbindungen und Verhandlungsgeschick bei der Auszahlung der Lebensversicherung, die der Cetarti bis daher unbekannte Lebensgefährte 'Daniel Molina' auf die Mutter abschloss. Was Cetarti nicht ahnt, ist die Nebentätigkeit Duartes, der auch vertrauter Militärfreund Molinas in vergangenen Zeiten war. Gemeinsam mit 'Danielito', Sohn aus erster Ehe des Verblichenen und Verhaltenszwilling Cetartis (kiffen, Discovery Channel schauen, gleichgültig erscheinen), kidnapped Duarte Menschen jeglichen Alters, um deren Angehörige zu erpressen. Zunächst scheint es, als erfrische das gewitzte Auftreten Duartes den Ahnungslosen. Doch der kuschlig warme Marihuana-Nebel, der Cetarti fortdauernd umgibt – selbst auf den Autofahrten, für die extra noch ein paar Joints vorgedreht werden – verwandelt sich in einen Horrortrip, als "er dem Sumpf aus Verbrechen und Gewalt“ immer näher kommt.

Carlos Busqued, der bisher als Radioproduzent tätig war und selbst aus der nordargentinischen Region Chacao stammt, lässt seine Protagonisten berauscht durch extreme Landschaften fahren, in denen es giftige Insekten gibt und stellt ihnen auch sonst tierische Begleiter zur Seite. Da ist Cetartis Faszination für die Riesenkalmare, die immer bösartiger werdenden Doggen Danielitos und Duartes Besessenheit für die Legende von indischen Arbeits-Elefanten, die aus der Gefangenschaft ausbrechen und nachts an die Türen ihrer Besitzer klopfen, um diese zu töten. Und natürlich das Axolotl, das Cetarti zwischen den Kuriositäten seinen Messie-Bruders findet, eine Amphibie die sich Zeit ihres Lebens im Larvenstadium befindet. Busqueds trockener bis rotziger Stil bewahrt aber davor, die Nebenstränge und Metaphern ins Abgeschmackte ausufern zulassen. So werden die von Cetarti ausgeschnittenen Zeitungsartikel über die Riesenkraken nüchtern im Buch mit abgedruckt.

"Unter dieser furchterregenden Sonne" erzählt von einem Argentinien jenseits des Tango-Klischees. Die Schrecken, die Busqued 's Protagonisten bringen und erleiden müssen, die Geheimnisse um die Militärzeit Duartes und seines Kumpanen und Duartes Faszination für Gewaltpornographie sind mit ein wenig Wissen über das Argentinien des letzten Jahrhunderts, auch als Verweise zur gewaltvollen Geschichte des Landes und der Militärdiktatur und deren Opfer zu lesen. Carlos Busqued entwirft das Bild einer postdiktatorischen, traumatisierten Gesellschaft, in der sich Cetarti und Danielito, die als Kinder den Übergang Argentiniens in die Demokratie miterlebt hatten, unaufgeregt jeglicher Entwicklung verweigern – ganz wie das Axolotl, das kurz vor dem Showdown allein und ungewiss in seinem Glaskasten zurückbleibt. Ein intelligentes und packendes Roman-Noir-Debüt, für das sich eine Auseinandersetzung mit der argentinischen Geschichte lohnt.

Besprochene Ausgabe: Kunstmann | 2010 | 192 Seiten | Festeinband* | € 17,90
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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