Die junge Hebamme 'Gaia', noch Teenager, lebt zwar in einer archaisch anmutenden Welt, doch die ist im Jahr 2390 angesiedelt, was sich durch Technik-Überbleibsel und manch gesellschaftliches Problem bemerkbar macht, das in einem sehr glaubhaft geschilderten Post-Klimawandel-Szenario entstanden ist.
Haupt-Faszination bietet ihr Buch in der Anschaulichkeit der Darstellung der Entstehung von Werten und Normen zu einem jeweiligen Zeitpunkt in der Entwicklung einer Gesellschaft. Caragh O'Brien fächert elegant auf, schaut im Zeitraffer zu, wie Geschichte entsteht. Dinge, die aus der Jetzt-Zeit sowie aus dem eigenen Kulturkreis heraus betrachtet, unmöglich, barbarisch, unethisch erscheinen, haben sich aus ihren ureigenen Notwendigkeiten und Umständen heraus entwickelt. Mit Entscheidern vergangener Tage kann man sich leider nicht mehr unterhalten, doch auch für die Gegenwart gibt O'Brien das Postulat aus, sich auf jeden Fall erstmal anzuhören, was eine Gegenseite zu sagen hat, darüber wie sie die Dinge sieht, und erteilt Schwarz-Weiß-Denken eine Absage.
So sind die Bewohner der "Enklave" nicht das personifizierte Böse, weil sie aus den umgebenden Siedlungen die jeweils drei ersten im Monat geborenen Säuglinge einfordern, die dann in der Enklave aufgezogen und zur Adoption freigegeben werden. Am ziemlich ausgedörrten Schauplatz der Handlung scheint sich die Menschheit auf recht kleine Häuflein gesund geschrumpft zu haben. Ein durchaus mögliches Zukunftsszenario, angesichts einer derzeitigen Bevölkerung, die etwa das Zehnfache des Maßes übersteigt, das dem Planeten gut tun würde. In Caragh O'Brien 's Welt sind die Sprenksel allerdings so klein, dass es genetische Probleme - sprich Krankheiten - gibt. Das weckt Begehrlichkeiten ...
Die Wissenschaftler und Politiker der Enklave entscheiden in einer Welt der Ressourcen- und Menschenknappheit sehr technokratisch und funktional, ja teilweise einfach sehr darwinistisch - und haben ihre Gründe dafür. Heldin Gaia ist das ganze Gegenteil von Emotionslosigkeit und fehlender Empathie. Für sie steht das Leben, egal wie wertvoll hinsichtlich konkreter Verwertungsparameter, immer an erster Stelle. Da bahnt sich ein weiterer interessanter Hauptkonflikt im Buch an: das Wohl der Allgemeinheit kontra dem jedes Einzelnen. Strikte Gleichheit unter dem Nachteil, das Schwächere die Fortentwicklung der Gesellschaft hemmen? Die Themen, die O'Brien in ihrer Zukunftswelt anpackt, gehen im Hier und Jetzt schon im Klassenzimmer los.
Auch mit billiger Küchen-Ethik à la "Du hast immer eine Wahl" räumt sie auf. Zwischen Widerstand, Kooperation, Tod oder Überleben gibt es unendlich viele Graustufen, in der sich Zwang und Wahl vermischen. Heldin Gaia muss erkennen, dass Politik in erster Linie Kompromiss bedeutet und dass man vermeintlichen Verrat erstmal genauer beleuchten muss.
Caragh O'Brien schreibt knappe, gute Sätze, die dennoch Atmosphäre erzeugen. Die schüchterne Hebamme Gaia lässt sie etwas schnell über sich hinaus wachsen, als diese aus familiären Gründen beginnt, an den Grundfesten der Überzeugungen der Enklave zu rütteln. Zuletzt vergaloppieren sich auch die inflationären Flucht-Szenen während des Konfliktes.
"Die Stadt der verschwundenen Kinder" endet abrupt und unbefriedigend; was bis zu diesem Punkt nicht klar war: Es ist auf eine Fortsetzung hin angelegt. Leider, aus unserer Sicht, sf magazin, eine Krankheit insbesondere der Science-Fiction- und Fantasy-Literatur. Die Empirie zeigt, dass die meisten Autoren ihre Figuren und Plot überstrapazieren, im Versuch, sie über mehrere Bände zu dehnen. Im konkreten Fall "Die Stadt der verschwundenen Kinder" wird sich Autorin Caragh O'Brien ganz schön anstrengen müssen. Denn ihre Grundthematik hat sie mit dem Buch zu Genüge ausgereizt, wenn nicht gar schon ein wenig redundant ausgeformt im letzten Drittel. In einer Fortsetzung um ihre Welt der Enklave, der Siedlung Wharfton und dem Toten Wald wird O'Brien radikale Neuerungen, Implikationen und Anreize bieten müssen.
Besprochene Ausgabe: Heyne | 2011 | 464 Seiten | Festeinband* | € 16,99
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1. Ben Tripp: Infektion (2011) - Orig.: Rise again (2010), engl.
2. J. L. Bourne: Tagebuch der Apokalypse (2010) - Orig.: Day by day Armageddon (2009), engl.
3. Caragh O'Brien: Die Stadt der verschwundenen Kinder (2011) - Orig.: Birthmarked (2010), engl.
Markus Stromiedel:
Die Kuppel
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John Ringo:
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