19.01.2019   Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik   Literatur, Buch, Kritik         Brian Falkner - Angriff aus dem Netz - Der nächste Krieg beginnt im Cyberspace: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Brian Falkner - Angriff aus dem Netz - Der nächste Krieg beginnt im Cyberspace: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Angriff aus dem Netz - Der nächste Krieg beginnt im Cyberspace

(2010) - Orig.: Brainjack (2009), engl.
Hirnbuchse
Seit den Sechzigern bemüht sich die Cyberpunk-Literatur, Interferenzen zwischen dem fleischlichen Hirn und der digitalen Welt auzuloten. Die reale Technik dafür ist zumindest in eine Richtung schon vorhanden. So fühlt sich Brian Falkner 's "Brainjack" nicht mehr als Utopie an, sondern als verdammt naher Near-Future-Thriller.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 02.12.2010
Brian Falkner - Angriff aus dem Netz - Der nächste Krieg beginnt im Cyberspace
Zoom Brian Falkner - Angriff aus dem Netz - Der nächste Krieg beginnt im Cyberspace

Der holprige deutsche Titel darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass "Brainjack" - so im Original - ein elegantes, rasantes und vor allem fundiertes Buch ist. Für "jack" findet sich die Übersetzung Buchse als auch Stecker. Mit der realen, sogenannten Gedankenschreibmaschine, mit der Schwerkranke, die über keinerlei motorische Fähigkeiten mehr verfügen, mit ihren Angehörigen kommunizieren können, ist schon ein Weg im Austausch zwischen Mensch und Maschine beschritten. Nennen wir das Gehirn des Kranken dabei die "Buchse". Freilich wird es nicht wirklich penetriert. Der Patient trägt eine Elektrodenhaube, die mit einer lernfähigen Software verbunden ist. Die Software lernt, welche Gehirnströme entstehen, wenn ihr Gegenüber ein "A" oder ein "E" denkt. Mithilfe eines Screens fügt der Patient dann Buchstabe an Buchstabe.
Ob in der Wissenschaft der Weg mittlerweile auch andersrum beschritten wird, also eine Maschine Gedanken "pflanzt", ist dem Rezensenten nicht bekannt.

Das ist eine traurige Einleitung zu einer Buchbesprechung, denn die meisten derart Erkrankten haben nicht mehr lange zu leben. Und scheint sie doch auch eine Self-fullfilling Prophecy, denn die Cyberpunk-Literatur war nie lustig. Sie war immer mehr den Negativen Utopien zugeneigt denn der leuchtenden Zukunft einer gängigen Space-Opera. Sie ist Revolutions-Literatur, die Angst hat vor omnipräsenter Macht von Konzern-Konglomeraten und Regierungen. Ihre Cyber-Helden nutzen das Netz, um zu unterwandern, um sich zu bereichern oder auch nur die Welt zu retten. Oft ist es das Dreieck Computer-Nerds, Kriminelle oder Terroristen, und die Konzerne. Wobei Letztere zweifelsfrei die Bösen sind und die Nerds in ihren Loyalitäten schwanken können. Sie sind die Cowboys des Daten-Äthers. Ihr schlimmster Feind kann von keinem Mitmenschen getoppt werden: Es ist die KI selbst, die Künstliche Intelligenz, die, wenn sie sich nur aus einem Super-Computer speist, noch irgendwie zu schlagen ist, aber nicht mehr, wenn sie sich des Kollektiven Bewusstseins des gesamten Netzes bedient.

Brian Falkner geht noch einen Schritt weiter: In seiner Dystopie haben Gamer und normale Computerbenutzer sofort millionenfach die neuen Neuro-Headsets gekauft. Und die können schon die Funktion von Stecker als auch Buchse erfüllen. Eigentlich sollen sie nur Vorstellungswelten in das Hirn ihrer Benutzer übertragen. Doch sie fangen an, auch Gedanken und Erinnerungen zu implementieren. Wer das tut, sollen Sie selbst lesen.

Falkner 's Protagonisten sind jung. Das ist aber auch das Einzige, warum es wohl im kleinen Neuseeland zwei Jugendbuchpreise abgeräumt haben könnte. Das Buch selbst ist erwachsen. Autor Falkner ist studierter Informatiker und hat sein Hacker-Wissen für "Brainjack" an einer führenden Uni aufgefrischt. So fehlt seinen Beschreibungen der Hacks, die seine Helden von der Cyber Defense Division durchführen, jeglicher Drall zum Kitsch, wie er im Genre oder bei unbedarften Autoren schon mal auftauchen kann. Die Hacks sind knallhart skizziert, wenngleich Falkner im Nachwort erläutert, dass er bewusst einige Fakten verfälscht hat. Und natürlich muss er manchmal abstrahieren, um die Spannung aufrechtzuerhalten - oder mal eine Verfolgungsjagd einschmeissen. Falls Ihnen der Techno-Babble in der Eingangsszene, als Held 'Sam' noch als "freischaffender" Hacker unterwegs ist, zu viel wird: Bleiben Sie dran!, Brian Falkner wird eine gute Balance finden. Da findet sogar eine zarte Romanze Platz.

Bevor die CDD Sam rekrutiert, muss er erstmal aus dem US-amerikanischen Jugendknast raus, wo er gerade wegen einem landesweit berühmten Hack einsitzt. Wenn Sam den Bibliothekscomputer, auf dem freilich alle Administrationsebenen und die meisten URLs gesperrt sind, durch Eingabe einer eine Endlosschleife erzeugenden Formel in einem scheissnormalen Tabellenkalkulationsprogramm zum Absturz bringt - die Tastenkombi zum Neustart ist ebenfalls gesperrt -, um dann den Neustart abzufangen und auf Sys-Ebene zu gehen, macht das Lesen einfach Spaß. Von wegen Cyberpunk-Literatur hätte gar keinen Humor.

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Besprochene Ausgabe: dtv premium  |  2010  |  420 Seiten  |  Broschur*  |  € 12,90

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