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Bettina Balàka - Kassiopeia: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Kassiopeia

(2012)
Ernsthaftigkeit mit nur einem Grad Abweichung
Aber das macht's, in den Büchern der Österreicherin Bettina Balàka, das Feinironische. Hinzu kommt, dass sie ihre Geschehnisse in Gegenwart und Vergangenheit um Herkunft, Identität und um das ausgestorbene Idyll der Zweierbeziehung fest verzurrt zu einem imposanten Romanerlebnis macht, mit Zoten, Episoden und kompakter Abschweifung.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 05.04.2012
Bettina Balàka - Kassiopeia
Zoom Bettina Balàka - Kassiopeia

'Markus', Figur und Schriftsteller in "Kassiopeia" scheint als Newcomer im Literaturbetrieb noch sehr bemüht, dem Publikum in seinen Texten ja keine Steilvorlage für Spekulation und Auskundschaftung um die eigene Biografie zu geben. Für den Roman im Roman entwirft dieser noch ein "Morphing" aus eigenem Vater und eigener Mutter, um ihre Eigenschaften in nur einer Hauptfigur zusammenzufassen. Strikt achtet er auf fiktive Figuren, "um sich keinen Einwänden ausgesetzt zu sehen." Bei seiner Schöpferin Bettina Balàka hegt man hingegen den prickelnden Verdacht, eigene autobiografische Eckpunkte könnten das Gerüst zu "Kassiopeia" aufspannen. Die österreichische Die Presse will von ihr erfahren haben, dies sei nicht der Fall. Dann muss also die Erzeugung dieses Gefühls eine andere Quelle haben: die simple Qualität von Bettina Balàka 's Buch.

Zumindest wird aber in "Kassiopeia" die Entstehung von Literatur und ihre Rückkoppelung auf das wahre Leben der Protagonisten kräftig durchgewirbelt. Bevor dieser Markus, der Schriftsteller, für den Hauptfigur 'Judit' eine eigentümliche Fixierung entwickelt zu haben scheint, überhaupt beginnt, sich wie ein langsam aus dem Nebel tretender Schemen schärfer abzuzeichnen, wartet man - genüsslich - über hundert Seiten! Doch die Geradlinigkeit einer Lovestory wird das Buch an keiner Stelle annehmen. Eher packt Balàka in kunstvoller Verschränkung von Episoden um Verwandschaft und Freundinnenkreis von Judit das komplette Metathema Zweierbeziehung rein. Um all ihre weiteren Themenkomplexen auf eine Art frei schwebende Plattform zu hieven, lässt sie die Rahmenhandlung in einem Venedig spielen, das sie durch banale, alltägliche Innenansichten seiner Romantikversprechungen beraubt. Die feuchte Juli-Hitze lässt Judit, Freundin 'Erika' und Schreiber Markus tatsächlich in ihren Gedanken und im eigenen Saft braten. In der dreistöckigen Wohnung von 'Tita' fühlt sich der oberste an "wie unter einem Blechdach".

Judit und die in Salzburg weilende Schwester 'Katalin' sind Suchende. Dabei hat der reiche, liebevolle Vater, eine Immobilien-Legende, alles für ihr perfektes Leben vorbereitet. Sie söllten so ungebunden sein, dass sie in simpler Dualität entweder arbeitend glücklich werden können oder auch nicht arbeitend sich auf die eigene Familie konzentrieren können. Weder das eine noch das andere schaffen die Schwestern, mittlerweile in ihren Vierzigern. Katalin erklärt bei ihrer vierten Hochzeit, jetzt sei sie "endlich angekommen", wie bei den dreien davor. Reichtum schützt Judit nicht vor einem Schicksalsschlag, bei dem sie ihren spät geheirateten Ehemann verliert. In Rückblicken auf die Mustereltern, aber auch augenzwinkernd auf gemäntelte sexuelle Seitentritte der Altvorderen in der Verwandschaft, scheint Bettina Balàka eine Abwägung zu vollziehen, zwischen dem Zweisamkeitsmodell vor Achtundsechzig und dem danach. Die Tücken und Leiden haben sich gewandelt, sind aber dank Sexueller Revolution nicht weniger geworden.
Die Alten allerdings, hier in "Kassiopeia", hatten innerhalb ihrer Flüchtlingsschicksale von Ungarn und von Südtirol aus nach Österreich und dem darauffolgenden harten Bereitens des Bodens für die sorglosen Jungen überhaupt keine Zeit, sich mit Kinkerlitzchen wie aufgebauschtem Beziehungsschmerz zu beschäftigen.

So versucht Judit, Identität zumindest an Verortung und Herkunft festzumachen. Ein zweifelhaftes Unterfangen. Wir landen mit ihr auf ihrer Suche nach Spuren der Ahnen mütterlicherseits in Südtirol. Paradebeispiel für den Hassel, den man sich einhandelt mit Identitätsfindung im Blut des Bodens. Die Zoten, die Balàka aus diesem Familienzweig erzählt, sind köstlich und höchstironisch.

Bleibt noch manch Bashing auf Literaturbranche und -betrieb, das sich Routinier Bettina Balàka längst erlauben kann. Sprachrohr Markus lästert auf die "Kulturtanten", die auf ein Lesungs-Honorar von 200 Euro erschrocken reagieren, beim Freiberufler, der all seine Sozialabgaben selber aufbringen muss, und für so eine augenscheinlich einstündige Lesung schon mal eben den ganzen Tag investiert, mit Anreise. Auf die Kommunen, die sich gönnerisch ihren writer in residence halten, mit miesem Zimmer und jeder Menge PR-Verpflichtungen. Auf Journalisten, die sich empören, dass sie nicht im Zuge der Homestory jeden Quadratzentimeter seiner Wohnzimmerregale ablichten dürfen.

Erst im Showdown, der die komplette Familie Judits nach Venedig führen wird sowie neue und alte, reuige Männer könnte das gleißende Licht auch soetwas wie Erlösung verheißen.

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Besprochene Ausgabe: Haymon  |  2012  |  280 Seiten  |  Festeinband*  |  € 19,90

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