Im Debüt der derzeit in den USA Lebenden und in Buenos Aires Geborenen wimmelt es vor Berühmtheiten aus der Perón-Zeit und den Jahrzehnten danach, den Sechzigern und Siebzigern. Künstler, Sänger, Bands oder Literaten tauchen auf in den Erzählungen der Geliebten und der Freunde von Vater 'Fabio', die Tochter und Ich-Erzählerin 'Claudia' aufsucht, jetzt als Erwachsene im mittleren Alter. Denn Claudia und ihre Schwester haben nur Kindheitserinnerungen an ihn. Im Laufe ihrer Recherchen stellt sich sogar die Frage, ob der Unfalltod ein Unfall war, zu diesen Zeiten, als sich kaum ein junger Mensch aus politischer Agitation raushalten konnte. Freilich, alles, auch das Künstlerleben des Vaters, wird sich als weit weniger spektakulär herausstellen. Denn das ist der Kern des Buches: das unbändige Verlangen der Nachkommen, dem Schein auf den Grund zu gehen und das wirkliche Sein der Ahnen erfassen zu können. Eine Sisyphosaufgabe.
Was man von diesem Wunschdenken hat, großartige Ahnen haben zu wollen, stellt Betina González auch klar: nicht viel, außer eitler Selbstbeschau. Denn Impulsgeber Claudias ist eine kleine Skulptur, die sie bei einer der Geliebten des Vaters entdeckt. Die ergeht sich in dessen Verklärung, aber mitunter auch in logischen Ungereimtheiten und Widersprüchen. Das aufgeladene Symbol - die Skulptur, die die Frau um nichts auf der Welt hergeben würde - zeigt es schon: die Vereinfachung einer Person, um sie in den Griff zu bekommen, wird nicht funktionieren. Andere Erzählpartner werden andere Facetten des Vaters hinzufügen, teils die gleiche Facette in konträrer Ausleuchtung. Doch über Abgründe will Claudia vorerst lieber hinwegsehen, dichtet sich aus "apokryphen Bruchstücken" und "Bildsequenzen" einen "mentalen Lebenslauf“. Mit der Schwester gerät sie in einen Sammel-Fetischismus, jeder von ihm jemals beschriebene Papierfetzen scheint wichtig.
Hört sich irre spannend an, wird es aber weder inhaltlich - okay, Desillusionierung ist nun mal mitunter Thema des Buches - noch formal. Da ist der Satz „Das Einzige, was er als Bildhauer zuwege gebracht hat, ist ein Standbild vom Unbekannten Soldaten, das man auf dem lehmigen Friedhof San Martin platziert hat [...]“ schon mal wegweisend. Doch selbst der Witz, die Frische und Unverbrauchtheit zu Anfang des Buches wird nachlassen. Und ob die schwungvolle Polygamie bei Männlein wie Weiblein in Argentinien wirklich so natürlich und selbstverständlich präsent ist, wie es im Buch erscheint, und ob Betina González das gutheißt, als Ausdruck von Lebenskraft oder als Ärgernis sieht, wir wissen es nicht. Nachdem ein mysteriöses Zimmer und ein stets abgeschlossener Küchenschrank in den Erzählungen Ninas, der Ballett-Tänzerin, Spannung hinsichtlich etwaiger radikal politischer Aktivität oder Kleinganoventum aufkommen lassen, verliert sich diese aus dem Erzählfaden über den Vater, wenn die Mitte des Buches in Richtung Selbstbeschau der Ich-Erzählerin abknickt. Es dümpelt und hängt und die folgenden Berichte ehemaliger Weggefährten lassen alles nur noch zerfasern - inhaltlich gewollt, aber eben auch das Lesevergnügen schwächend. Ein Dilemma. Für den Leser im deutschen Sprachraum dürfte das unerläuterte Name-Dropping zusätzlich Probleme bringen und auch die Art und Weise Betina González ' Zeitkolorit schaffen zu wollen, dürfte nur für den Eingeweihten funktionieren, Nicht-Argentinier bleiben außen vor.
Worauf es mir ankommt, ist die Zähflüssigkeit der Erinnerung, jene Eigenschaft von Bildern, sich emulionsartig auszubreiten, bis sie alles bedecken, selbst die falschen Daten, selbst die Lügen.
So die Tochter Fabios. Doch, liebe Romanautoren und Layouter der Verlage: Mehr als, sagen wir, eine 3/4 Seite Kursivtext lesen wir Leser nicht, sondern überblättern es. Wenn kursiv = Zitat einer Erzählung in der Erzählung bedeuten soll, es euch also gleich wichtig sein soll wie der Rest, nehmt dafür bitte eine andere, gutlesbare Typo. Danke.
Besprochene Ausgabe: Hoffmann & Campe | 2010 | 208 Seiten | Festeinband* | € 18,00
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