Detlev Bucks gleichnamige Verfilmung kommt am 21.01.2010 ins Kino. Daher die TB-Neuauflage des alten Buchtitels „Wohin Du auch gehst“. Der war wohl eh ein bisschen kitschig und deutet in keinster Weise die Dramatik an, die der Hamburger Benjamin Prüfer und seine Freundin Sreykeo durchleben, vom ersten Treffen im Klub „Heart of Darkness“, über Zusammenleben in der Stadtwohnung der Großfamilie, beim Onkel im Pfahlhaus auf dem Land, über Zeiten der Trennung, wenn Prüfer in Deutschland ist und schließlich über das Sondermerkmal der Beziehung: die Bekämpfung von Sreykeos HIV-Infizierung unter kambodschanischen Bedingungen und mit Geldmitteln, die der Halbtags-Jungredakteur Prüfer aufbringt.
„Same Same But Different“ ist vieles. Natürlich eine außergewöhnliche Liebesgeschichte. Desweiteren eine Abrechnung mit dem Freaktum der „Traveller“, für die doch letztendlich jedes Land der Erde abgeschottete Zonen des allumfassenden, homogenen „Backpackerlands“ aufzuweisen hat, wie Prüfer es nennt. Das sei in Phnom Penh das Boeng-Kak-Viertel - dem er noch eine Sonderstellung einräumt, da es mitten in einem Slum liegt -, in Jakarta das Jalan Jaksa in Saigon das Pham Ngu Lao etc. In Berlin ist es übrigens gerade der Wrangelkiez. Es gibt uns Einblick in uns Westlern absurd erscheinende festgeschriebene Familien-Hierarchien, die wohl in Kambodscha einst Sinn machten, aber in der Moderne mittlerweile destruktiv wirken. Benjamin Prüfer verfällt hierbei nie in Früher-war-alles-besser-Larmoyanz oder westliche Selbstverachtung, wie er überhaupt einen überraschend lakonischen Stil an den Tag legt, was genau betrachtet nicht wundern darf, da er von Haus aus Journalist war.
Sextourismus: Prüfer bringt auch dessen Mechanismen in das Buch ein. Natürlich verschüttet er manch Häme über den „typischen“ westlichen Sextouristen. Doch ebenso zeigt er die Doppelmoral der kambodschanischen Gesellschaft auf. Freilich, eine Moral, die durch Armut enorm gebeugt ist. Da lässt gerade das Ende von „Same Same But Different“ im wahrsten Sinne des Titels, ob einem das gefällt oder nicht, hoffen: 2007 hält Kentucky Fried Chicken Einzug in Phnom Penh. Verwestlichung, das heißt in diesem Falle auch Primat des Individuums und des eigenen Körpers, und Prostitution als völlig normaler, global angebotener Massen-Job dürfte bald dort dem Ende entgegensehen.
Lange Zeit zieht das Buch seine Spannung jedoch aus diesem Umstand: Benjamin Prüfer weiß, dass er sich in eine Prostituierte verliebt hat, die sich nicht mal eben aus ihrem Familienverband lösen kann, das heißt vor allem von ihrer ständig Geld einfordernden und verprassenden Mutter, und von der er annehmen muss, dass sie weiterhin ihrem Job nachgeht, obwohl sie ständig von Heirat spricht, um eben genau den beenden zu können. Anstrengend hingegen die Passagen, in denen Prüfer quasi eine Einweisung in die jeweiligen, sich von Jahr zu Jahr verändernden Behandlungsroutinen von AIDS gibt. Aber nötig, und dafür bekam er auch 2007 den Medienpreis der Deutschen Aids-Stiftung. Die meisten Leser dürfte verwundern, dass Prüfer einer Frau die Treue hält, die absolut keine Bildung hatte und der Ursache und Wirkung völlig unbekannt waren. Als er sich auf dem Land Coli-Bakterien einfängt, lag das daran, dass er bei irgendeinem Schrein eines Dorfgeistes nicht vorstellig geworden war und so dessen Zorn erregt hatte. Doch Sreykeos Pragmatismus geht immer einher. So wundert sich Prüfer an einem anderen Ort, der hier nicht verraten sei, dass vor dem Altar des Haus-Buddhas 1,5 Liter Fruchtsaft liegen anstatt gemischtes Obst. Da sei doch alles drin, meint Sreykeo.
Es gibt noch viele „Argumente“ für diese Liebe, obwohl eine echte Liebe kein einziges bräuchte, glaubt man Prüfer. Eines davon scheint zu sein, dass Embryo und Mutter getrennte Blutkreisläufe haben. Aber das ist eine andere Geschichte innerhalb der Geschichte...
Lesereise Benjamin Prüfer (himself!) mit Vorab-Szenen aus dem Film "Same Same But Different" von Detlev Buck:
11. Januar 2010 ||| Berlin:
Deutsches Historisches Museum
Zeughauskino/Eingang Spreeseite Am Zeughaus
10117 Berlin
Beginn: 18.00 Uhr
12. Januar 2010 ||| Dresden:
Euro-Business-College Dresden
Wiener Platz 6/ 3.OG
01069 Dresden
Beginn: 18.00 Uhr
13. Januar 2010 ||| Köln:
Kölner Filmhaus e.V.
Studio
Maybachstrasse 111
50670 Köln
Beginn: 18.00 Uhr
14. Januar 2010 ||| Essen:
Campus Essen
Universitätsstrasse 2
Hörsaalzentrum S05, Raum:T00 B32
45141 Essen
Beginn: 19.00 Uhr
15. Januar2010 ||| Hamburg:
Euro Business College (EBC) Hamburg
Esplanade 6, 3. OG
20354 Hamburg
Beginn: 16.30 Uhr
Besprochene Ausgabe: Fischer | 2010 | 336 Seiten | Broschur* | € 9,95
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
2. Jonas-Philipp Dallmann: Notschek (2011)
3. Gavin James Bower: Dazed & Aroused (2009)
4. Ron Leshem: Der geheime Basar (2011) - Orig.: Megilat zchujot hajareach (2009), hebräisch
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
suhrkamp nova, Broschur
Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
Arche, Festeinband
Martin Amis:
1999
Rowohlt, Festeinband
Sorj Chalandon:
Die Legende unserer Väter
dtv premium, Broschur
Douglas Coupland:
Eleanor Rigby
Hoffmann und Campe, Festeinband
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