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- Der letzte Polizist

(2013) - Orig.: The Last Policeman (2012), engl.
Der Letzte knipst das Licht aus
US-Autor Ben Winters stellt sich ein New England vor, das, wie die restliche Welt, dem Untergang geweiht ist. In einigen Monaten trifft ein Asteroid die Erde.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 19.12.2013
Ben Winters - Der letzte Polizist
Zoom Ben Winters - Der letzte Polizist

Einer Figur nimmt man am ehesten ab, was sie tut, in Ben Winters' "Der letzte Polizist". Es ist eben jene titelgebende und gottseidank die Hauptfigur. Henry 'Stretch' Palace ist ein wahrlich Getriebener. Aufgrund einer persönlichen Leidensgeschichte brennt er auf den Beruf des Detectives. Davor steht für ihn die übliche Karrierestufe Streifenpolizist. Die kann er flux überspringen, da immer mehr seiner Kollegen dem Dienst fernbleiben: Ein sechs Kilometer großer Asteroid wird in einigen Monaten die Erde treffen ... Stretch wird im doppelten Sinne letzter Polizist: Erstens ist er bereit - im Gegensatz zu seinen zu Zynikern gewordenen Kollegen - seine Arbeit noch ordentlich auszuführen, zweitens ist seine Berufsgruppe, so wie jede andere, und überhaupt jeder Mensch, mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Untergang geweiht.

Ben Winters entwirft ein Endzeitszenario, das streckenweise zum Schmunzeln anregt, da er einer Menschheit, die in einer solchen Situation zweifellos ab dem Bekanntwerden des nahenden Untergangs ins Stadium einer sich selbst zerfleischenden Bestie zurückkatapultiert würde, die Korrektheit seiner Hauptfigur entgegensetzt, die sich die Erfüllung ihres innigsten Berufswunsches nicht von einem scheiß Asteroiden vermasseln lassen will. Und so setzt sich Henry 'Hank' Palace alias Stretch in den Kopf, einen Mordfall aufzuklären, der vom Rest des Dezernats für Erwachsenenkriminalität in der Criminial Inverstigations Division des Concord Police Departments in Neuengland als normaler "Hänger" abgetan wird: Die Selbstmordrate ist enorm angestiegen und was zählt da schon ein weiterer mit einem Hosengürtel Erhängter?
Doch bis auf diese Selbstmorde bleibt Winters' Endzeitwelt recht ordentlich und vor allem behäbig. Im Erzählerischen als auch im Tun der Masse. Ein exponentieller Zuwachs aller Aktivitäten, allen Tuns, Liebens, Erlebens, Feierns, Exaltierens, Exzessionierens, Sich-zu-Tode-Amüsierens und Ausprobierens müsste die logischere Alternative sein. "I shot a man in Reno. Just to see him die", besang schon Johnny Cash zu relativ normalen Zeiten unsere dunkleren Lüste, die nur durch ein bisschen Zivilisation übertüncht sind ...
Falls Ben Winters nun also tatsächlich diesen Gegensatz zum Clou, zum Alleinstellungsmerkmal seines Buches machen wollte, so bleibt dies äußerst schal, seine Intention bleibt Rohrkrepierer.

Das Schmunzeln, das kommt schon, etwa bei manchem, mit dem Winters aus den Stereotypen des Genres ausbricht oder mit manch Situationskomik. Stretch ist nicht Superpolizist, weder im Denken noch hinsichtlich seiner Reflexe in rauhen Situationen. Eigentlich verliert er alle Zweikämpfe oder lässt sich seine Waffe aus der Hand schlagen. Aber er kann sich an Kleinigkeiten erfreuen: Während etwa des Dezernat für Jugendkriminalität einfach schon aufgelöst ist, bewundert er Kollege 'Culverson', der immer noch gekleidet wie ein "echter Detective" aufkreuzt, mit Dreiteiler, Kravattennadel und passendem Einstecktuch.
Der eigentliche Kriminalfall wirkt hingegen wieder fahl; statt mit den Wahrscheinlichkeitsrechnungen des ermordeten Versicherungsmathematikers 'Peter Zell', die der Letzte Polizist entdeckt, ein raffiniertes Komplott, ein gaunerhaftes, wenn auch letztlich sinnfreies Ausnutzen der Todesangst der kompletten Menschheit in großem Maßstab zu konstruieren, beschränkt sich der Autor auf ein kleines Ausbrechen aus der Normalität als Todesursache eines Spießbürgers.

Als Polizist Stretch einem Verdächtigen droht, straft sich Ben Winters selbst Lügen hinsichtlich der laschen Farben seines Endzeitgemäldes: "Spielt keine Rolle", sagt der Verdächtige, "Ich bin sowieso tot. Ich bin erledigt." Doch noch sind es die Leute in der Geschichte nicht: Es würde nicht die "Hänger" geben, sondern sie würden am Leben hängen, und feiern, bis zur letzten Sekunde, bis zum Einschlag.

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Besprochene Ausgabe: Heyne  |  2013  |  350 Seiten  |  Broschur*  |  € 8,99

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