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- Infektion

(2011) - Orig.: Rise again (2010), engl.
Vom "Key to the Mountains" in den Abgrund
Drehbuchautor und Themenpark-Designer Ben Tripp legt einen eleganten Seuchen-Thriller vor, mit Gegensätzen fast so schroff wie die der Landschaft seiner Heimat Kalifornien.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 16.11.2011
Ben Tripp - Infektion
Zoom Ben Tripp - Infektion

So ein Unabhängigkeitstag kann schon ganz schön Gefühle produzieren in US-Amerika. Unvorstellbar als Deutscher, der nur seinen müde-grauen dritten Oktober kennt, den er zum Schlafen nutzt. Schon die Schilderung des heißgeliebten oder gehassten vierten Julis macht Ben Tripp 's "Infektion" - ein Seuchen-Thriller - lesenswert. Die Stars-and-Stripes-Fähnchen auf den Feierlichkeiten im kalifornischen Gebirgsörtchen "Forest Peak" stammen zwar aus China und der weibliche Sheriff 'Danny' ist Dank posttraumatischer Störung aus diversen Irak-Einsätzen (der Krankheit, die für alle Menschengenerationen vorher leider schlicht "Er ist halt so, er war im Krieg" hieß) nicht gerade öffentlichkeitskompatibel. Da legt sich schon ein weites Feld offen, auf dem gründlich am US-amerikanischen Selbstverständnis geharkt werden wird in "Infektion".

Nur dem Leser sind die düsteren kryptischen Abschiedsbriefe bekannt, die Danny's jüngere Schwester 'Kelley' noch in der Nacht vom dritten auf den vierten verfasst. Da tun sich Geschichtlein über die Einwohner des beschaulichen Fleckens auf, die Forest Peak sehr an Lynch's Twin Peaks erinnern lassen. Der Grund, warum Schwester Kelley diese Abgründe besser kennt als die Ordnungshüterin? Sie ist die, die immer im Schatten stand, von einer Pflegefamilie zur nächsten geschoben, wenn Danny auf Einsätzen war. Vor der mehrfach ausgezeichneten Kriegsheldin sind die Leute auf der Hut, die kleine Schwester wird nicht wahrgenommen ...

Die schnappt sich denn auch am Morgen den Ford Mustang von Danny. Mit diesem US-amerikanischen Mythos ist nicht zu spaßen. Bei der Vermisstenanzeige an die umliegenden Polizeireviere muss Danny nicht viel mehr tun, als zu sagen "Sie hat den Mustang", um die Dringlichkeit zu manifestieren. Fortan an diesem vierten Juli wird dieses Ereignis an Danny nagen, der Kater nach der üblichen halben Flasche Whisky in der Nacht und die etwa tausend Touristen, die vom nur eine Autostunde entfernen L.A. das Dorf überfluten, auf der Suche nach der urverfälschten US-amerikanischen Folklore. Doch es wird schlimmer kommen. Zuerst gibt es aber noch viel Humor, etwa wenn Danny zu allem Überfluss noch vom Bürgermeister die jährlich vergebene, völlig sinnfreie Auszeichnung "Key to the Mountains" entgegennehmen muss - ein hässlicher überdimensionierter goldfarbener Schlüssel an einer Halskette. Der Laudator steckt im "schlecht sitzenden George-Washington-Anzug, den er ursprünglich 1976 für die Zweihundertjahrfeier erworben hatte." Uncle Sams streifen durch die Main Street und als Jury-Mitglied im Chili-Kochwettbewerb der ansässigen Kleinbetriebe und Dienstleister entscheidet sich Danny für eines, bei dem man trotz Schärfe noch die sonstigen Zutaten rausschmeckt.

Doch dann geht alles ganz schnell. Wie über dieses starke Land eine Katastrophe hereinbrechen kann, der keiner Herr wird, ist Grundmotiv des Seuchen- und Zombie-Thriller-Genres. Und es ist toll ausgearbeitet bei Ben Tripp. Als die Horden von Kranken aus den sonnigen Tälern Kaliforniens zu den Wäldern von Forest Peak hinaufgestürmt kommen, hat Danny anfangs noch Zeit, über die Behörden zu sinnieren, deren Notfallpläne noch aus den 50er-Jahre-Kalte-Kriegs-Zeiten stammen, New Orleans lasse grüßen. Doch auch bessere Pläne hätten wohl im Fortlauf nichts ausrichten können. Zur Seuche gesellt sich später der Kampf gegen deren Nutznießer im eigenen Lande. Das Thema Gewinnmaximierung über Leichenberge ist dabei ein ebenso zeitloses wie die Archetypen Danny, Ex-Soldatin, und ihre handfeste Freundin 'Amy', Tierärztin - denn Führungspersonen müssen ein kleines Grüpplein zusammenhalten, damit man solche Geschichten erzählen kann, wie diese im facettenreichen Endzeitdrama von Ben Tripp.

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Besprochene Ausgabe: Heyne  |  2011  |  450 Seiten  |  Broschur*  |  € 8,99

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