Barbara Vine - Das Geburtstagsgeschenk: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Das Geburtstagsgeschenk

(2009) - Orig.: The Birthday Present (2008), engl.
Bumerang
Eine einzige Unterlassung eines Berufspolitikers löst eine Verästelung an Folgen aus. Zwei grandios erzählte Blicke zurück, durch seinen Schwager und durch eine im Leben zu kurz Gekommene, zeigen dem atemlosen Leser dieses Geflecht auf.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 02.10.2009

Barbara Vine ist die englische Grande Dame des psychologischen Romans und des Kriminalromans. Sie gehört der Labour Party an, wurde auf Betreiben Tony Blair's geadelt und hat einen Sitz im House of Lords, das allerdings immer weniger politische Bedeutung hat. Da ist man schon bei einem Grundthema ihrer Bücher, die Klassengrenzen im Königreich. Ihre Hauptfigur in „Das Geburtstagsgeschenk“, der fiktive Tory-Politiker 'Ivor Tesham', entstammt denn auch einer wohlhabenden Gutsbesitzerfamilie. Angesiedelt ist die Geschichte in den Neunzigern, während der letzten beiden Regierungsperioden der Tories. Doch Politik ist nur der Aufhänger für ihre Geschichte um Ignoranz und deren unabsehbare Folgen, um einen Verursacher und den Impuls, den er auf eine nicht zu kontrollierende Anzahl an Personen auslöst.

Barbara Vine hätte eine Abrechnung machen können, aus den letzten Jahren der Tory-Regierung mit ihren vielen Skandalen und Rücktritten. Tut sie aber nicht. Vielmehr rechnet sie mit den zahllosen Boulevard-Blättern ab, die scheinheilig über die von ihnen selber je nach Belieben festgesetzte Moral der Parlamentarier wachen sowie der Scheinheiligkeit des politischen Betriebes, der immer nur dann auf längst überholte moralische Normen pocht, wenn es gilt, den politischen Gegner zu vernichten.
So schreibt einer der beiden Ich-Erzähler, der Begriff „Lebenspartner“ sei Anfang der Neunziger erst am Aufkommen gewesen. Als konservativer Politiker sollte sich der Anfang 30-jährige Ivor also besser verheiraten, um ungehindert die Erfolgsleiter nach oben klettern zu können. Doch ist es natürlich keine Sünde, „nur“ eine Geliebte zu haben. Doch Ivor's Geliebte ist verheiratet, anderweitig, und so trifft man sich lieber heimlich. Auch Sex ist ja für einen Tory nicht verboten, aber schön 08/15 sollte er sein. Ivor mag's auch außergewöhnlich und so entschließt er sich zu einem Unfall seiner Geliebten, zu dessen Aufklärung er beitragen könnte, zu schweigen. Selbst als die Polizei von einem Verwechslungsfall und Entführung ausgeht, meldet sich Ivor nicht. Jetzt gibt es kein Zurück mehr für ihn. Er muss damit leben, dass ein immer größer werdendes Personengeflecht von direkt und indirekt Betroffenen seine Verknüpfung ans Tageslicht bringen könnte. Schuldgefühle, Wiedergutmachungsversuche und Beschwichtigungen prägen die nächsten Jahre, doch sein politischer Aufstieg geht unaufhaltsam weiter. Erstmal.

Profi Barbara Vine holt ehrfurchterregend viele tolle Tricks aus der Kiste. Gerade mit ihrer völlig ruhigen Erzählweise und der unbedingten Objektivität eines ihrer beiden Ich-Erzähler erzeugt sie eine konstante Spannung. Beide erzählen rückblickend aus der Gegenwart. Und decken nur ganz langsam, peu à peu, auf. Sie schmeißen uns Häppchen hin, mit Bemerkungen wie „Was ich damals noch nicht wußte“ oder „damals natürlich noch nicht ahnen konnte“ zum Ende eines Kapitels, um uns dann aber erstmal wieder auf die chronologische Bahn zu verweisen. In dieser werden Ereignisse der Zukunft manchmal ganz zart und sublim angerissen, im Nebulösen gelassen. Das zwingt den Leser, auf jeder Seite des Buches für sich ein Gesamtbild der Geschehnisse im Vorab zu entwerfen, die Situation einzuschätzen.
Der Schwager des Politikers, einer der Ich-Erzähler, erzählt fast liebevoll, zeigt zwar die persönlichen Schwächen Ivor's, aber bedauert seine Fehler und leidet mit und ist weit davon entfernt, über einen Verwandten herzuziehen, wie man es ja gerne in der eigenen Sippe tut. Mit der Figur 'Jane' setzt Vine einen zweiten Schwerpunkt. Sie ist Gegenpol zum Erfolgsverwöhnten, beruflich auf dem absteigenden Ast und privat immer im Schatten anderer. Wie bei den anderen Unterschichtlern, denen Ivor noch begegnen wird, beschönigt Vine nichts in deren Rohheit, Naivität, Gier und Niederträchtigkeit. Aber es sind die, die in der neuen Berufswelt keine Chance mehr haben, eine Metapher für den Typus des „Einfachen Arbeiters“, der seit den Radikalreformen Maggie Thatcher's und auch unter „New Labour“ seinen Stand verloren hat. An ihnen wird sich Tory-Politiker Ivor Tesham messen lassen müssen. Mensch bleibt Mensch, egal in welcher Klasse.

Besprochene Ausgabe: Diogenes | 2009 | 384 Seiten | Festeinband* | € 22,90
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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