Banana Yoshimoto - Mein Körper weiß alles - 13 Geschichten: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Mein Körper weiß alles - 13 Geschichten

(2010) - Orig.: Karada Wa Zenbu Shitteiru (2000), japanisch
Die sanfte Japanerin
Das einstige Enfant Terrible der japanischen Literatur fordert auf, genauer zu hören, zu sehen und zu fühlen, verpackt in Leichtigkeit in Kurzgeschichte.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 05.03.2010

Neben Kollege Haruki Murakami schwang sie sich Ende der Achtziger in Japan und in den Neunzigern in Europa zu einer Ikone der lesenden Jugend empor: Banana Yoshimoto. Sie umriss in ihren Erzählungen eine Lebewelt junger Japaner, die sich gegen eine Gesellschaft stemmten, die das Wort "Karoshi" für den Selbstmord durch Überarbeitung in ihren Wortschatz aufgenommen hatte. Da gab es noch andere Dinge neben dem zielstrebigen Karrierebauen. Eingebettet in den traditionell hohen Stellenwert der Familie zeichnete sie die Freiräume auf, die sich ihre Generation nahm. Man flüchtete in Sprache und Codes von Mangas, besonders derer für Mädchen, den shôjo mangas, und allem anderen, was die Popkultur hergab, in Musik, Horrorfilm und Soaps. Das Alltägliche vermischt sich bei Yoshimoto stets mit dem Okkulten und Geisterhaften; das zwielichtige Adjektiv esoterisch würde hierbei jedoch japanische Traditionen des Geisterglaubens und der Naturverbundenheit beleidigen.

"Mein Körper weiß alles - 13 Geschichten" kam in Japan schon im Jahr 2000 heraus. Von den Themen der Meisterin der fast novellenhaft langen und auch der ganz knappen Kurzgeschichten, wie in diesem Fall, schimmert hier der Komplex Familie am deutlichsten durch. Es sind gereifte, ergreifende, melancholische Geschichten. In einer geht es um einen Aloe-Baum. Und gleich der wohltuenden Wirkung dieser Pflanze auf die Haut, hat das gesamte Buch eine beruhigende Wirkung. Es entschleunigt. Doch ein paar Stories lassen noch durchblicken, warum Yoshimoto den Ruf der Jugend-Kultautorin erlangte. Da lassen sich die Figuren treiben, in ihrer Unzufriedenheit, aus der sie sich auch durch ständige Veränderung nicht befreien können. Die haben zeitlos viel gemein mit der Twen-Welt der angebrochenen Zehner-Jahre. Da sagt eine Erzählerin über ihren rastlosen Freund, dem sie seit Jahren die Treue hält, obwohl der von Ort zu Ort zieht, immer auf der Suche nach dem nächsten Hype:

Man könnte jetzt sagen, selbst schuld, wenn ich nachgebe und ihm folge, aber das ging nun schon so, seit ich sechzehn war - immer nach demselben Muster. Mittlerweile bin ich fünfundzwanzig - aus ihm ist ein merkwürdiger Kauz geworden, der die unterschiedlichsten Fertigkeiten beherrscht, und aus mir eine komische Frau, die sich planlos treiben lässt und nicht weiß, was sie will.

Doch in allen Geschichten herrscht eine Zuversicht, vorgetragen in charmantem, leichten Ton, dem nie die Ernsthaftigkeit abgeht. Manchmal sind es ganze Familiengeschichten wie im Zeitraffer. Man lernt von Elternliebe, Scheidung, Verlieben und Entlieben und dem Sich-Wiederannähern. Die Dinge sind nur angekratzt, doch ergibt sich das Ganze um die Splitter beim Leser im Kopf. Da ist etwa der alte 'Herr Tadokoro', der geradezu ökonomisch widersinnig in einer Werbefirma ein Gehalt empfängt, obgleich er nur noch zum Kopieren, zum Tee trinken und als Belegschafts-Maskottchen taugt. Doch er hat eine Geschichte...

Der Titel "Mein Körper weiß alles" ist ein wenig irreführend. Es gibt schon ein Grundelement, mit dem uns Banana Yoshimoto den Respekt vor allem Unbeseelten und Beseelten nahelegen will. Die sterbende Oma einer Erzählerin, fast schon in der jenseitigen Welt, drückt es aus; es ist die Aloe-Geschichte mit dem Baum: "Wenn du dieser Aloe hilfst, werden dich in Zukunft alle Aloen lieben, wo auch immer du einer begegnest. Pflanzen halten zusammen, sie stehen für ihre Artgenossen ein." Es geht um ein sensibleres Empfinden, zu merken, was einem die Zeichen mitteilen, wenn man nur etwas genauer hinsieht, hinhört und mitfühlt. Da gehört gar nicht viel dazu, man muss nicht sein wie eine weitere Figur der 13 Geschichten, deren "seltsam übersteigerte Sinneswahrnehmung die Grenzen zwischen Phantasie und Wirklichkeit auslöschte."

Besprochene Ausgabe: Diogenes | 2010 | 208 Seiten | Festeinband* | € 18,90
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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