Axel Starke - Alice: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Alice

(2009)
Leipzig in den Swingin' Sixties
Alle unbeschwerten Freuden und Begierden des Jungseins lebt die Clique um Held 'Bas' im Leipzig der Sechziger. Alles schlägt um in einen albtraumhaft düsteren „Stasi-Roman“, wie die Chefin des neuen Dresdner Buchverlages das Buch nennt.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 09.09.2009

Herrlich war das Studentenleben; und das der bereits arbeitenden Kumpels von 'Sebastian', genannt Bas, Theater- und Schauspielstudent. Aber nicht nur das, man sehnt sich in Axel Starkes „Alice“ auch zurück in die Aufbruchsstimmung der Sixties, mit ihrer damals neuartigen Musik, den Klamotten, dem Aufbrechen der häuslichen Enge und der freieren Liebe. Bas macht auch selbst Musik mit seiner Band, deren Basser den anglophilen Spitznamen 'Fader' trägt, andere im Freundeskreis heißen Ritchie, Genti, Eddi, Ari, Fuzzi. Die Mädchen im Kreis scheinen keine Spitznamen zu haben, es sind Samantha, Jasmin, Tina. Man hängt an den einschlägigen Treffs der Stadt ab, die der Autor wohl alle gekannt hat und liebevoll skizziert, bis hin zum Einkaufszentrum „Blechbüchse“. Die Band tourt im Umland. Man genießt die Sommer am Kanal, schnell mit der Schwalbe zu erreichen. Man urlaubt und feiert am Ostsee-Strand bis in den Sonnenaufgang, mit viel Alkohol und Party-Drogen, die sich vom Sortiment nicht großartig von denen der heutigen Raver unterscheiden. Die Mädchen aus der Clique heben sich aus der Masse mit ihren schrillen Klamotten.

Bas gilt als Frauenheld, doch eine Beziehung unter seinen vielen Liebeleien, die zu 'Alice', wird ihm viel Erfahrung bringen, aber auch zum Verhängnis werden. Die Stasi, oder auch MfS oder Ministerium für Staatssicherheit, wird in das Private hereinbrechen, peu à peu über Bas, dann über Ritchie, dann über den ganzen Freundeskreis. Es gibt einen ungeheuren Bruch nach dem ersten Drittel des Buches, mit dem Starke den Leser gegen den Antifaschistischen Schutzwall klatschen lässt. Eben den schaut sich Bas an, als er Gelegenheit hat, mit seiner Dozentin und Geliebten Alice nach Berlin zu reisen und gerade am Brandenburger Tor steht. Plötzlich schwenkt man ein in einen Agententhriller, mit einer gespenstisch wirkenden Personenkontrolle an Bas. Bas merkt sofort, das diese geplant war und kann sich von nun an der Observierung nicht mehr entziehen.
Bei einer von Alice bezahlten Reise nach Bulgarien spitzen sich die Dinge zu, mit gewollt zufällig wirkenden Begegnungen zu obskuren Dritten. Zwischen Bas und Alice fängt es an zu frösteln und mitten in der Hitze und dem mediterranen Ambiente des Schwarzmeers fröstelt auch dem Leser gewaltig.

Axel Starke lässt das Gefühl nachempfinden, von Sich-verfolgt-fühlen, der Hilflosigkeit gegenüber einem anonymen Apparat und vor der Undurchschaubarkeit der Zusammenhänge. Denn die Interessenlage innerhalb des MfS scheint nicht geradlinig. Bas kämpft mit einem unentwirrbaren Geflecht von Interessen des MfS als Staates im Staat, der auch auf die oberste Führungsebene der Politik Einfluss zu nehmen versucht.
Die Welt ist nicht schwarz-weiss, sondern hat unendlich viele Grautöne. So stellt Starke auch seine MfS-Offiziere als Menschen dar, in einem unmenschlichen System. Wie weit gehen sie? Wann ist ihr persönlicher Point of no Return erreicht, an dem sie ihre Seele dem Teufel verkaufen? Überschreiten sie diese Linie? Nicht alle tun das bei Starke. Einigen bekommt es gut, andere bezahlen mit dem Tod. Einer, der die Linie schon lange überschritten hat, bekommt erst Skrupel, als er seine eigene Tochter als Informantin anheuern will. Trotzdem bezahlt er mit Letzterem. Und Starke stellt dar, wie man doch über die eigene Motivation hinweg, etwa dem Erbe der Väter, die gegen den Faschismus kämpften und dem resultierenden unbedingten Glauben an die Verteidigung der DDR-Werte, vergißt, dass man mittlerweile die selben Methoden anwendet wie die Faschisten.

„Alice“ ist ein toller deutscher „Krimi“, der sich inhaltlich und sprachlich vom angelsächsischen oder skandinavischen Krimi-Einerlei abhebt. Im Duktus nicht reißerisch und ohne erzählerische Extravaganzen, aber gerade dadurch mit viel Authentizität und Charme.

Besprochene Ausgabe: Dresdner Buchverlag | 2009 | 292 Seiten | Broschur* | € 17,90
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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